Thore Schröder, SPIEGEL:
»Wir sind jetzt auf dem Weg nach Sinjil. Das ist ein Ort im nördlichen Westjordanland, in der Nähe von Ramallah. Dieser Ort ist jetzt seit über einem Jahr von einer Seite komplett eingezäunt. Und zwar von einem Zaun mit messerscharfem Stacheldraht obendrauf. Und wir wollen da eine Familie besuchen und uns erklären lassen, wie man in diesem Ort überhaupt noch leben kann.«
Hier Zutritt zu bekommen, ist allerdings nicht ganz einfach.
Thore Schröder, SPIEGEL:
»Und das ist eben der Ortseingang. Dieses Tor, das dauerhaft geschlossen ist, im Prinzip seit kurz nach dem 7. Oktober 2023. Hier ist ein Checkpoint, der ab und zu besetzt ist, auch mit israelischen Soldaten. Und das ist das Haus von Familie Dar Khalil und da gehen wir jetzt mal rein.«
Hier treffen wir die Mutter Manal. Sie zeigt uns den neuen Ausblick von ihrer Terrasse. Was früher ein idyllischer Vorgarten mit Gemüseanbau war, gleicht jetzt einem Hochsicherheitstrakt. Nicht nur der Dorfeingang ist blockiert, auch der Zugang zur Landstraße ist gesperrt. Und direkt auf dem Grundstück der Familie Dar Khalil ist noch ein Zaun.
Diesen hat allerdings die Gemeinde selbst errichtet. Er soll dazu dienen, die Familie vor gewaltsamen israelischen Siedlern zu schützen. Im Garten findet Manal auch immer wieder Munitionsreste – wie solche Tränengaspatronen.
In ihrem Alltag fühle sie sich wie in einem Gefängnis – dreifach eingesperrt.
Manal Dar Khalil, Bewohnerin von Sinjil:
»Wir haben das Tor vorn, den Zaun der Israelis und dann noch einen Zaun, der uns vor den Siedlern abschirmen soll. Wenn ich das Haus verlasse, weiß ich nicht, ob ich zurückkann. Wir dürfen nicht zur Hauptstraße und bekommen auch Ärger, wenn wir ins Dorf gehen.«
Manal zeigt uns, wie der Ärger aussehen kann: So sollen Siedler Autos im Dorf beschädigt haben. Andere Handybilder sind für sie allerdings noch bedeutsamer: Das seien Teile ihres Grundstückes gewesen, erklärt sie uns. Und dort standen ihre eigenen 40 Olivenbäume. Bis die Bulldozer kamen und alles planierten.
Die Familie Dar Khalil hat Gemüse und Oliven angebaut, doch seit dem 7. Oktober – dem Krieg und dem darauffolgenden Zaunbau – habe sie 700 Quadratmeter ihres Anbaulands verloren, erzählt uns Manal.
Thore Schröder, SPIEGEL:
»Wie kommen Sie nun ohne Ernte zurecht?«
Manal Dar Khalil, Bewohnerin von Sinjil:
»Das weiß nur Gott. Meine beiden Söhne haben keine Arbeit, auch mein Mann hat keinen Job. Wir haben ja unseren Lebensunterhalt als Bauern erwirtschaftet. «
Thore Schröder, SPIEGEL:
»Und warum, denken Sie, haben die Israelis den Zaun gebaut?«
Sie seien keinerlei Sicherheitsrisiko für die Israelis gewesen, sagt Manal. Behauptungen, dass die Einwohner Siedler mit Steinen beworfen hätten, seien falsch.
Manal Dar Khalil, Bewohnerin von Sinjil:
»Sie übernehmen das Tal. Sie glauben, sie können einfach unser Land stehlen. Diese Straße war für sie nie gefährlich. Wir sind für sie nicht gefährlich.«
Manal versucht, ihre Anschuldigungen so gut es geht mit Fotos zu belegen. Die Vorwürfe werden auch durch Berichte etlicher Menschenrechtsorganisationen gestützt. Die sechsfache Mutter erinnert sich mit Wehmut an das Leben in Sinjil vor dem 7. Oktober zurück.
Manal Dar Khalil, Bewohnerin von Sinjil:
»Wir lebten im Paradies. Man hat uns um unsere Freiheit und die schöne Lage unseres Dorfes beneidet. Es gab keine Restriktionen, die Straßen waren offen. Wir waren hier glücklich. Wir betrieben einfach Landwirtschaft. Es gab keine Bedrohung. Während des Ramadan blieben wir bis zum Morgengrauen draußen, wir hatten keine Angst. Heute beginnen wir, uns schon um fünf Uhr morgens Sorgen zu machen. Aber so Gott will, werden diese Tage wiederkommen.«
Noch scheint dieser Wunsch allerdings in weiter Ferne.
Thore Schröder, SPIEGEL:
»Hier in Sinjil kann man geradezu beispielhaft erleben, wie die palästinensische Bevölkerung auch im Westjordanland nach dem 7. Oktober mit einer Kollektivstrafe belegt worden ist. Einer Kollektivstrafe durch diese Umzäunung, durch dieses Tor, das dauerhaft abgeschlossen ist und den Ortseingang versperrt. Aber nicht nur durch die Armee, sondern auch durch gewalttätige Siedler. Und diese Gewalt der Siedler – die bleibt komplett folgenlos.«