OT Edgar Vogelgesang, Schüler:
Tag und Nacht gibt es halt, so doof das klingt, aber es gibt eigentlich kein anderes Thema, was mich beschäftigt.
Reporterin:
Was ist deine Emotion dazu?
OT Edgar Vogelgesang, Schüler
Wut, Frust, weil wir einfach nicht gehört werden.
OT Selma Kuhlmann Costa, Schülerin
Da ich auch in der Schule zum Beispiel gelernt habe, dass Gewalt keine Lösung ist und die Wehrpflicht offensichtlich ja Gewalt als Lösung sieht, habe ich mich dazu entschieden, den Streik mit zu organisieren.
Selma Kuhlmann Costa und Edgar Vogelgesang haben den Schulstreik gegen das neue Wehrdienstgesetz seit Wochen vorbereitet –- sie sind beide 17 Jahre alt und stehen kurz vor dem Abitur. Selma nimmt einiges auf sich, obwohl sie als junge Frau ja gar nicht direkt vom Wehrdienst betroffen ist. Am Morgen hat sie noch eine Klausur geschrieben. Gleich danach tritt sie in den Streik, genau wie für die rund 1400 anderen Schüler, die ihrem Aufruf gefolgt sind.
Zur selben Zeit beschließt der Bundestag, dass ab kommendem Jahr alle jungen Männer einen Fragebogen zum Wehrdienst ausfüllen müssen und später auch gemustert werden sollen. Begründet hat das die Große Koalition das mit einer verschärften Bedrohungslage infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine. Diese Einschätzung teilen die Schüler nicht.
OT Edgar Vogelgesang, Schulstreik-Organisator
Ich halte eine kriegerische Auseinandersetzung von jetzt Russland mit Europa für sehr unwahrscheinlich. Die europäische NATO, selbst ohne die USA, ist Russland in allen Formen, was jetzt Soldaten angeht, was aber auch Raketen angeht, überlegen. Deswegen halte ich das für sehr, sehr unwahrscheinlich.
OT Selma Kuhlmann Costa, Schulstreik-Organisatorin
Ich würde da die Greenpeace-Studie zitieren, die zeigt, dass es erst Sinn macht, ein Land anzugreifen, wenn man die fünffache Stärke hat. Das hat Russland gegenüber der NATO nicht und deswegen sehe ich diese Bedrohung auch nicht.
Daraus schließen die beiden: Wo keine Bedrohung ist, ist auch keine Wehrpflicht nicht nötig. Einige dieser Demosprüche lauten: »Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft!« oder »Nicht unser Krieg, nicht unser Militär, Feuer und Flamme der Bundeswehr«.
Die Schulen und der Berliner Senat hatten im Vorfeld darauf hingewiesen, dass eine Teilnahme als unentschuldigtes Fehlen gewertet werden würde. Das nehmen die Schülerinnen und Schüler in Kauf – oder lassen sich eben von ihren ebenfallsmit demonstrierenden Eltern eine Entschuldigung schreiben.
OT Demonstranten
Schule ist wichtig und Demo ist genauso wichtig und am Montag wird wieder gelernt. Ich weiß auch gar nicht, ob man unbedingt gegen die Wehrpflicht per se sein muss. Ich finde, man muss es eben sauber diskutieren. Wie viel Freiwilligkeit, wie viel Zwang soll es geben? Was ist sozusagen der Ersatzdienst? Wie kann man da dem sozialen Bereich auch unter die Arme helfen?
Warum dann nicht die 20- bis 40-Jährigen fragen, ob sie nicht freiwillig dann gehen möchten? Oder bis 50 meinetwegen, dann bin ich auch inkludiert. Ich würde dann für meine Kinder hingehen, statt sie zu schicken.
Wir können voneinander lernen. Und das möchte ich gerne, ja. Ich lerne von der Jugend und die lernen, wenn sie wollen, von mir. Und deswegen bin ich hier und sage: Niemals mehr Krieg, und meine Enkelkinder kriegen die nicht.
Ein Gefühl herrscht bei vielen Schülerinnen und Schülern vor - der Ärger darüber, dass sie zu wenig mitentscheiden können und ihnen gleichzeitig viel abverlangt werde. Erinnerungen an die Corona-Jahre werden wach.
OT Selma Kuhlmann Costa, Schulstreik-Organisatorin
Da waren es vor allem Jugendliche, die gelitten haben und man hat gesehen sozusagen, dass psychische Erkrankungen zugenommen haben. Und ich finde es schwierig, dass wir jetzt schon wieder an dem Punkt sind, wo Jugendliche schon wieder übergangen werden. Dabei könnte man sie doch mit einbeziehen, dabei könnte man doch ein Jugendrat im Bundestag einrichten. Wahrscheinlich würde der jetzt nicht so viel bringen, aber es wäre zumindest schon mal etwas mehr.
Sie wollen weiter gegen Zwangsdienste mobil machen und viele von ihnen werden den Wehrdienst wohl verweigern. Auch der nächste Schulstreik-Termin steht schon fest, im März soll es soweit sein.
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