In persönlichen Jahresrückblicken berichten SPIEGEL-Redakteurinnen und -Redakteure, welche Texte sie 2025 besonders beschäftigt haben.
An einem Samstagmorgen saß ich in einem Reisebus zum Flughafen Hanoi. Dort sollte ich eine Gruppe älterer Amerikaner in der Wartehalle treffen. Für mich war es die erste Reise nach Vietnam. Für die Männer nicht. Sie waren schon einmal hier gewesen. Allerdings nicht als Touristen – sondern als Soldaten.
Es war ein paar Monate vor dem 30. April 2025. An dem Tag würde sich das Ende des Vietnamkriegs zum 50. Mal jähren. Ein halbes Jahrhundert wäre es dann her, seit die USA an der Seite Südvietnams gegen Nordvietnam kämpften und den Krieg verloren. Ich hatte gehört, dass auch jetzt – nach all der Zeit – noch immer US-Veteranen zurückkehren. Nun, im Alter, sogar mehr als früher.
US-Veteranen in Vietnam: Im Alter zieht es immer mehr ehemalige Soldaten zurück
Foto: Linh Pham / DER SPIEGELIch hatte beschlossen, mit den »Veterans for Peace« zu reisen, einer linksgerichteten Gruppe, die unter anderem Fahrten für Veteranen organisiert. Nun glitten die Hochhäuser Hanois am Busfenster vorbei, und ich fragte mich, wer wohl am Flughafen auf uns wartete. Was sind das für Männer, die aus freien Stücken an den Ort zurückkehren, der sie in ihren Träumen verfolgt? Und wie würden die Vietnamesen auf die einstigen Soldaten reagieren?
Wann endet ein Krieg für die, die ihn geführt haben?
US-Veteran Craige Edgerton
Ich traf Craige Edgerton gleich am Flughafen. Er kam auf mich zu, 78 Jahre, sonnengebräunt, die breite Hand ausgestreckt. Er schreibe auch, sagte er, vor allem Gedichte, unter anderem über seine Zeit in Vietnam. Das Schreiben sei Teil seiner Therapie. Eines Tages, hoffte er, werde aus den Texten ein Buch. Aber er wisse nicht, ob er das schaffe.
Die folgenden zwei Wochen sprachen Edgerton und ich viel über 1969, das Jahr, das er als 23-Jähriger in Vietnam verbrachte. Er erzählte, wie begierig er als junger Mann in den Krieg gezogen war, und wie er nach der Rückkehr aus Wut und Scham so tat, als wäre er nie dort gewesen. Von der posttraumatischen Belastungsstörung, den Schuldgefühlen, die er auch 55 Jahre später mit sich herumtrug. Als Leutnant hatte er sechs 105-Millimeter-Haubitzen befehligt. Das sind Geschütze, die kilometerweit feuern – so weit, dass die Männer am Abzug meist nicht sehen, wo die Geschosse einschlagen. »Wir wussten nie, worauf wir zielten«, sagte Edgerton. »Wir haben einfach abgedrückt. Heute denke ich: verdammt. Wie viele Menschen habe ich getötet? Wie viele Soldaten? Wie viele Zivilisten?«
Craige Edgerton mit Vietnamveteran: »Wir haben euch Deutschen doch auch vergeben«
Foto: Linh Pham / DER SPIEGELManchmal witzelten wir: Eine Deutsche reist mit Amerikanern durch Vietnam und redet über den Krieg – ausgerechnet. Einmal sagte er: »Wir haben euch Deutschen doch auch vergeben.«
Edgerton war auf der Suche nach etwas, einer Art Vergebung. Ihn trieb die Frage um, ob es einen Punkt gibt, an dem man – ein Soldat wie er zumal – sich selbst verzeihen darf. An einem der letzten Tage fand er seine Antwort. Wir besuchten einen schwerbehinderten Jungen, womöglich ein spätes Opfer von Agent Orange, dem Entlaubungsmittel, das die US-Streitkräfte über Vietnam versprühten und das zu Missbildungen im Mutterleib führte. Irgendetwas geschah mit Edgerton bei diesem Treffen. Ich habe nie ganz verstanden, was. Und ich glaube, er auch nicht. Aber danach wirkte er ruhiger, gelöster. Das Gefühl blieb, auch Monate später.
Als wir im November telefonieren, ist es früh am Morgen in Kalifornien. Edgerton hat sein Buch veröffentlicht. Seine Frau ruft, sie müssten los. Gleich hält er einen Vortrag über seine Zeit in Vietnam. Neulich hörten ihm 300 Menschen zu.
Ich sage: »Ist das nicht irre? Jahrzehntelang wolltest du dir nicht eingestehen, dass du im Krieg warst. Und jetzt, mit fast 80, sprichst du vor Publikum darüber.«
»Es ist wirklich erstaunlich«, sagt Edgerton. Und er wisse nicht, ob er es ohne die Rückkehr nach Vietnam je geschafft hätte.
