Felix Hoffmann muss kurz grinsen, als man ihn fragt, was er sich von Domen Prevc abschauen kann. »Da irgendwas nachmachen, würde ich sagen, ist nicht möglich«, sagt der deutsche Skispringer und ergänzt: »Er ist doch sehr individuell.«
Hoffmann ist der beste deutsche Skispringer bei der 74. Auflage der Vierschanzentournee, im Gesamtranking liegt er nach drei Events auf Rang fünf, auf der ganzen Welt gibt es zurzeit kaum bessere, kaum formstärkere Skispringer.
Und dennoch: Gegen Prevc, diesen 26 Jahre alten Ausnahmeskispringer aus Slowenien, ist Hoffmann machtlos. Prevc fliegt ihm davon, und nicht nur ihm, sondern jedem anderen Skispringer, den Kobayashis, den Krafts und den Tschofenigs.
Sportler Prevc Anfang Dezember in Wisla: »Er hat einen langen, flüssigen Absprung«
Foto: Grzegorz Momot / EPANach der zweiten Tourstation in Garmisch-Partenkirchen wirkte er schon wie der sichere Tourneesieger, seit Janne Ahonen bei der Auflage 2004/2005 hatte kein Springer mehr eine solche deutliche Führung zur Halbzeit.
Dann schwächelte Prevc am Samstag bei der Qualifikation in Innsbruck, wurde von starkem Wind nach unten gedrückt, hüpfte nur auf Rang 30. Und plötzlich kam leise Hoffnung auf bei der Konkurrenz: Ist er schlagbar?
Am Sonntag gab Prevc die Antwort, und sie fiel zweigeteilt aus.
Teil eins: Ja, Prevc ist zu besiegen. Ren Nikaidō aus Japan gewann das Springen am Innsbrucker Bergisel mit 0,5 Punkten Vorsprung auf Prevc. Das gibt der Konkurrenz Hoffnung, Prevc, der Gesamtweltcupführende, der »Domenator«, bleibt menschlich.
Prevc besiegt, Muskeln spielen lassen: Ren Nikaidō
Foto: Daniel Karmann / dpaTeil zwei: Seine Gegner im Kampf um die Gesamtwertung hatte Prevc bei Sonnenschein vor 21.125 Zuschauern im Griff. Nikaidō knabberte 0,5 Punkte ab, der Rest verlor weiter.
Vor dem letzten Springen der Tournee in Bischofshofen am Dienstag um 16.30 Uhr (Liveticker: SPIEGEL.de) rund einen Monat vor Beginn der Olympischen Spiele scheint Prevc der Konkurrenz entschwebt. Sein Vorsprung auf Platz zwei? 41,4 Punkte, umgerechnet rund 25 Meter.
Wie wurde aus Prevc, einem als Wunderkind gefeierten Talent, das den letzten Schritt in die dauerhafte Weltspitze aber jahrelang verpasste, der beste Skispringer seiner Zeit?
Womöglich blickt man am besten ein paar Jahre zurück in seiner Karriere. Auf YouTube findet sich ein mittlerweile vier Jahre altes Video, mehr als 500.000-mal aufgerufen, mit dem Titel »TOP 3 MOST DANGEROUS JUMPS BY DOMEN PREVC«.
Wer sich diese Sprünge anschaut, sieht einen jungen Skispringer, beinahe noch ein Kind, dem jegliches Gefühl von Angst zu fehlen scheint.
»Ein bisschen Kamikaze, aber noch ist er am Leben«
Prevc drückte sich vom Bakken, brachte die Ski in V-Stellung und presste seinen Oberkörper nach vorn. Das Gesicht war dem Boden näher als die Skispitzen, es war wild. »Ein bisschen Kamikaze, aber noch ist er am Leben«, sagte Bruder Peter, selbst Vierschanzentourneesieger, einst über seinen jüngeren Bruder.
Domen Prevc beschleunigte, katapultierte sich nach vorn, kam aber immer wieder in der Luft arg ins Trudeln. Wer so auf der letzten Rille springt, kann kaum korrigierend eingreifen, wenn der Wind den Springer ins Wackeln bringt. Und dennoch zog er seine Sprünge gnadenlos durch, blieb in Flugposition, als der Boden immer näherkam.
Bei den richtigen Bedingungen und wenn er sich keinen groben Fehler leistete, war Prevc schon als Teenager siegfähig. Als 17-Jähriger gewann er sein erstes Weltcupspringen, manche Experten dachten, da komme einer, der in die Sphären eines Gregor Schlierenzauers springen könnte.
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Oft aber wollte er zu viel, sprang zu aggressiv, zu verrückt. »Zwischen Genie und Wahnsinn« habe sich Domen Prevc damals bewegt, sagt der nach der vergangenen Saison zurückgetretene Skispringer Markus Eisenbichler. »Ich hatte einige dunkle Jahre«, sagte Prevc, er wusste nicht, warum die Weltspitze an manchen Tagen so weit weg war.
Nun ist Prevc ein anderer Springer. Keiner, der zurückzieht, natürlich nicht. Aber einer, der nicht jedes Risiko nimmt und sich stattdessen darauf verlässt, was er kann.
Und das ist Fliegen.
»Er hat einen langen, flüssigen Absprung, nicht wahnsinnig intensiv oder druckvoll«, erklärte der deutsche Bundestrainer Stefan Horngacher bei einem Pressegespräch am Riessersee.
In der kurzen Flugphase nach dem Schanzentisch stabilisiert sich Prevc schneller als seine Konkurrenten. Liegt deutlich ruhiger in der Luft als noch als junger Springer.
Prevc bringt zudem die Ski näher zum Körper als die meisten seiner Konkurrenten, beschleunigt so geschickt und vergrößert die Tragfläche. Außerdem schnürt er die Schuhe nicht so eng wie die meisten seiner Konkurrenten. So hat er ein wenig mehr Spiel im Bereich der Ferse und kann die Position seiner Ski in der Luft variabel anpassen, je nachdem, von wo der Wind weht und wie der Sprung läuft.
»Die lockere Ferse im Schuh lässt ihn gleichzeitig die Fläche des Anzugs in der Luft so verschieben, dass er viel effektiver fliegen kann«, sagt der ehemalige Tourneesieger Sven Hannawald gegenüber »sportschau.de«.
So zu fliegen ist schöner: Domen Prevc in Innsbruck
Foto: Kai Pfaffenbach / REUTERSKopieren lässt sich das nicht einfach. Wer den Schuh nur locker bindet, verliert leicht Kraft beim Absprung.
Prevc hat diese Art des Springens perfektioniert, er stammt aus einer Skispringerfamilie, die Brüder Peter und Cene stürzten sich die Schanzen hinab, Schwester Nika dominiert bei den Frauen, nur die jüngste Schwester Ema tanzt lieber Ballett. Slowenische Journalisten erzählen, die Familie Prevc genieße Superstar-Status.
Auch bei Olympia der Favorit
Der Hype wird eher zu- als abnehmen. Prevc steht vor dem Tourneesieg, und auch wenn sich im Skispringen immer schnell viel ändern kann: Stand jetzt gilt er als Topfavorit bei den Olympischen Spielen. Als einer, der von der Normal- und Großschanze gewinnen kann, der eine Medaille im Superteam holen kann und im Mixed favorisiert ist, wo er wohl mit seiner Schwester Nika antreten wird.
Kann man sich also gar nichts abschauen von diesem Prevc?
Noch mal Felix Hoffmann: Ein, zwei Sachen seien da vielleicht schon, meint der beste deutsche Springer. »Was Skiführung oder Skiaufnahme angeht, das sind Sachen, die er besonders gut macht.« Da könne man schauen, »wo man noch besser werden kann, ohne dass das Gesamtkonstrukt zerfällt.«
Das Gesamtkonstrukt: Es gehört so vieles dazu, dass den Springern gute Flüge gelingen, Absprung, Flugphase, Landung, Bindung, Schuhe, Anzug, Anfahrtshocke, ein minimaler Fehler reicht, und alles zerfällt.
Das Gesamtkonstrukt von Prevc wird nicht zerbrechen, nur weil er einmal nicht gewonnen hat und den Grand Slam, also Siege bei allen Stationen der Tournee, verpassen wird.
»Ich war heute ein wenig nervös«, gestand er nach seinem zweiten Platz in Innsbruck. Zuvor musste er sich den Gegenhang hochkämpfen, nach seinem zweiten Sprung fehlte ihm die Geschwindigkeit, um hinaufzufahren. Prevc schnallte die Ski ab, im Watschelschritt kämpfte er sich vorwärts, aber natürlich kam er irgendwann aus dem Auslauf der Schanze raus.
Prevc mit Problemen: Er kam den Gegenhang nicht gleich rauf
Foto: Anna Szilagyi / EPANun will er sich »darauf rückbesinnen, warum ich das Skispringen angefangen habe«. Diesen Familiensport, an dem er fast verzweifelt wäre, und den er zurzeit dominiert. Wie will er also locker bleiben? »Genießen«, sagte Prevc, er wolle es »angehen, als wäre ich noch ein Kind«.
