Pharrell Hensel streckte die Arme vor, um seinen Teamkollegen abzuklatschen, dabei war dieser noch Meter entfernt. Als konnte er es nicht abwarten, endlich das Spielfeld zu betreten. Es lief die 86. Minute in der Münchner Arena, es herrschten Minusgrade, der Spielstand lautete 1:7 aus Sicht des VfL Wolfsburg beim FC Bayern, die Lage war aussichtslos. Hensel, 18 Jahre alt, wurde eingewechselt.
Zuvor hatte er mehr als eine Minute lang am Rand des Platzes gestanden und zusehen müssen, wie seine Mitspieler den Münchnern vergeblich hinterherrennen. Kaum hatten sie es in die Nähe ihres Gegenspielers geschafft, war der Ball schon wieder weg. Gegen diesen FC Bayern eingewechselt zu werden, bei diesem Zwischenstand, es dürfte sich für die allermeisten Spieler wie eine Strafe anfühlen.
Wenn ein Spiel längst verloren ist, setzen sich Fußballer Etappenziele. Die Mannschaft, die zur Pause deutlich zurückliegt, versucht, zumindest die zweite Hälfte zu »gewinnen«. Hensel versuchte mitzuhelfen, dass der VfL kein achtes Tor kassiert.
Bis zu diesem Abend war Hensel in drei Bundesligaspielen eingewechselt worden, stets in der letzten Minute. Hensels Profidebüt Ende November dauerte gerade einmal 30 Sekunden. »Ich habe danach die Videos gesehen und gedacht: Okay, so kurz war das?«, hatte er hinterher gesagt . Für ihn hatten sich diese 30 Sekunden »wie ein paar Minuten« angefühlt.
Gut zwei Minuten nach seiner Einwechslung kam Hensel einem Mitspieler zu Hilfe, der es mit Münchens – an diesem Abend brillanten – Stürmer Luis Díaz zu tun hatte. Und weil Hensel diesen Teamkollegen unterstützen wollte, entstand eine Lücke im Mittelfeld, dort, wo Hensel eigentlich spielte. Sekunden später stand es 1:8.
Hensel im Duell mit Bayerns Tom Bischof
Foto:Steffie Wunderl / Beautiful Sports International / IMAGO
Selbst die kleinen Etappenziele verfehlten die Wolfsburger am Sonntagabend, es kam immer noch schlimmer. Das machte dieses 1:8 für sie besonders niederschmetternd.
Er müsse sich bei den mitgereisten Fans entschuldigen, sagte Trainer Daniel Bauer nach dieser höchsten Niederlage der Wolfsburger Bundesligahistorie.
Dabei sein ist alles, heißt es oft im Sport, aber wer den VfL-Profis dabei zusah, wie sie von den Münchnern hergespielt wurden, der zweifelte an der Gültigkeit dieses Spruchs. Wahrscheinlich wären sie am Sonntagabend überall sonst lieber gewesen als in der Münchner Arena. Lieber gar nicht erst antreten, als so zu verlieren.
Für Pharrell Hensel galt das nicht.
Wer danach suchte, entdeckte bei ihm selbst in dieser Niederlage Momente der Schönheit.
Nach dem 1:8 durch Bayerns Leon Goretzka gab es Anstoß für Wolfsburg. Ein Verteidiger schlug den Ball in die Münchner Hälfte, wo sein Teamkollege den Pass annahm und verloren wirkte. Nur ein einziger Wolfsburger Fußballer lief im Vollsprint bis vor das Tor von Münchens Manuel Neuer, um dem Teamkollegen eine Anspielstation zu bieten. Es war Hensel.
Vielleicht bestand sein Etappenziel darin, zumindest eine gelungene Offensivaktion zu vollbringen. Womöglich wollte er abermals dem Mitspieler zu Hilfe eilen. Möglicherweise dachte Hensel auch nicht groß nach, sondern rannte einfach los.
Eine Torchance entstand aus dem Lauf zwar nicht. Aber: Wer die Kunst des Weitermachens beherrscht und selbst eine aussichtslose Lage als Chance begreift, ein Tor zu erzielen, statt bloß den nächsten Gegentreffer zu verhindern, kann es im Sport weit bringen.
