SpOn 06.01.2026
05:25 Uhr

Venezuela sucht nach Kollaborateuren, jeder dritte US-Bürger befürwortet Militäreinsatz


In Venezuela sind vor dem Präsidentenpalast offenbar Schüsse zu hören. Donald Trump hält baldige Neuwahlen in dem Land für unrealistisch. Und: Jeder dritte US-Bürger steht hinter dem Angriff. Das geschah in der Nacht.

Venezuela sucht nach Kollaborateuren, jeder dritte US-Bürger befürwortet Militäreinsatz

In der Nacht zum Dienstag (deutscher Zeit) waren in der Nähe des venezolanischen Präsidentenpalastes Berichten zufolge laute Schüsse zu hören. In Videos sind gepanzerte Fahrzeuge der Sicherheitskräfte in den Straßen der Hauptstadt Caracas zu sehen.

Die Polizei in Venezuela hat demnach »zur Abschreckung« auf Drohnen über dem Palast geschossen. »Was im Zentrum von Caracas passiert ist, ist auf Drohnen zurückzuführen, die ohne Genehmigung über das Gebiet geflogen sind«, zitierten Medien eine offizielle Quelle. Die Polizei habe daher das Feuer eröffnet. Zahlreiche Anwohner hatten zuvor bereits von Schüssen gesprochen. Die Nachrichtenagentur AFP zitiert aus nahen Regierungskreisen, dass die Lage unter Kontrolle sei.

In Venezuela gibt es eine Reihe bewaffneter Gruppen, darunter kriminelle Organisationen und der Regierung nahestehende Paramilitärs, die sogenannten Colectivos. Schüsse sind zumindest in einigen Vierteln von Caracas nicht ungewöhnlich.

Die Polizei in Venezuela fahndet nach den US-Angriffen inzwischen nach Kollaborateuren im Land. Alle Polizeidienststellen auf Bundes-, Staats- und Gemeindeebene sollten nach Personen suchen, die den Angriff der Vereinigten Staaten unterstützten, hieß es in einem veröffentlichten Dekret  zur Verkündung des Ausnahmezustands.

In verschiedenen US-Medien hieß es zuvor, dass das US-Militär bei der Kommandoaktion am Wochenende offenbar Unterstützung vor Ort hatte. Unter anderem soll eine Person im direkten Umfeld von Maduro wiederholt Informationen über seinen gegenwärtigen Aufenthaltsort übermittelt haben. Nach Angaben des venezolanischen Journalistenverbands SNRP wurden zwischenzeitlich 14 Reporter festgenommen. Später wurden nach Angaben der Organisation alle Journalisten wieder freigelassen.

In Venezuela selbst ist die Lage nach der Festnahme von Präsident Nicolás Maduro weiterhin angespannt, teilweise kehrt jedoch bereits wieder Normalität ein: Viele Geschäfte sind geöffnet, auch wenn die Straßen und Läden leerer sind als üblich. »Wir haben Angst, aber wir können uns nicht lähmen lassen«, zitiert die Nachrichtenagentur Reuters eine Unternehmerin. Viele Menschen seien aus finanzieller Not zur Arbeit ‌zurückgekehrt. »Ob mit Angst oder ohne, man muss essen«, sagt eine 41-jährige Frau. (Sehen Sie hier die aktuelle Folge von SPIEGEL Shortcut: Wer von der Maduro-Entführung profitiert)

Trump sieht vorerst keine Neuwahl in Venezuela

Beim US-Sender NBC News äußerte sich derweil der US-Präsident über die nahe Zukunft in Venezuela: Nach der Einschätzung von Donald Trump wird es in den nächsten 30 Tagen keine Neuwahl geben. »Wir müssen das Land zuerst wieder in Ordnung bringen. Man kann keine Wahlen abhalten«, sagte er. (Lesen Sie hier ein Interview mit dem britischen Sicherheitsexperten Phil Gunson: »Trump ist nicht an einem demokratischen Übergang interessiert« )

Trump im Weißen Haus: »Wir müssen das Land zuerst wieder in Ordnung bringen«

Trump im Weißen Haus: »Wir müssen das Land zuerst wieder in Ordnung bringen«

Foto: Julia Demaree Nikhinson / AP / dpa

Venezuelas Regierung betrachtet den von den USA festgenommenen Maduro weiter als legitimen Präsidenten. Laut Verfassung übernimmt bei einer dauerhaften Abwesenheit des Präsidenten zunächst die Vizepräsidentin die Amtsgeschäfte und setzt innerhalb von 30 Tagen eine Neuwahl an. Ob die neue Staatsführung die aktuelle Lage als eine solche dauerhafte Abwesenheit bewertet, ist allerdings unklar.

Die bisherige Vizepräsidentin Delcy Rodríguez wurde inzwischen als geschäftsführende Präsidentin vereidigt. Der Oberste Gerichtshof hatte sie bereits am Wochenende damit beauftragt, die Aufgaben des Staatschefs vorübergehend wahrzunehmen. (Lesen Sie hier mehr über Venezuelas neue Staatschefin )

Maduro: »Ich bin ein Kriegsgefangener«

Der entmachtete und inhaftierte Staatschef Maduro hat bei einem ersten Gerichtstermin in New York die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen zurückgewiesen. Er sei unschuldig und betrachte sich weiterhin als legitimer Staatschef seines Landes, sagte Maduro. Die zentralen Anklagepunkte gegen den 63-Jährigen umfassen:

  • Verschwörung zum Drogenterrorismus: Maduro soll mit der Farc-Guerilla aus Kolumbien kooperiert haben.

  • Verschwörung zum Kokainimport: Maduro soll den Export von Kokain in die USA direkt koordiniert und geschützt haben.

  • Waffenbesitz und Verschwörung: Maduro soll Gewehre und »zerstörende Vorrichtungen« (destructive devices) zur Unterstützung des Drogenhandels besessen oder deren Einsatz organisiert haben.

  • Korruption und Geldwäsche: Maduro ist unter anderem wegen »Drogenterrorismus« angeklagt.

DER SPIEGEL

»Ich bin unschuldig«, sagte der Staatschef in dem Gerichtssaal in Manhattan. »Ich bin immer noch der Präsident meines Landes«, betonte er. Maduro bezeichnete sich als »anständigen Mann«. Er erklärte, die Anklage noch nicht gelesen und über seine Rechte nicht informiert worden zu sein. Über einen Dolmetscher bat er Richter Alvin Hellerstein, ihn nun darüber aufzuklären: »Ich kannte diese Rechte nicht.«

Als Maduro von Hellerstein aufgerufen wurde, seinen Namen zu nennen, begann Maduro zu schildern, wie er von den USA aus seiner Residenz in Caracas »entführt« worden sei. Der Richter unterbrach ihn. »Es wird Zeit und Gelegenheit geben, sich mit all dem zu befassen«, sagte der 92-Jährige.

Am Ende der Anhörung lieferte sich Maduro noch ein hitziges Wortgefecht mit einem Mann auf der Zuschauertribüne. Dieser rief ihm zu, er werde für seine Verbrechen bezahlen. »Ich bin ein Kriegsgefangener«, antwortete Maduro, bevor er aus dem Gerichtssaal geführt wurde. Auch seine ebenfalls angeklagte Ehefrau Cilia Flores beteuerte ihre Unschuld. Die nächste Anhörung wurde für den 17. März angesetzt, bis dahin bleibt Maduro in New York inhaftiert.

Subventionen für Ölkonzerne ‌

Die US-Regierung möchte derweil Venezuelas Energieinfrastruktur wiederbeleben und hat Ölkonzernen Subventionen angeboten. Präsident Donald Trump erklärte gegenüber NBC, ein solches Projekt könne in unter 18 Monaten stehen. Insider berichteten, dass bereits diese Woche Gespräche mit US-Ölvertretern geplant sind, um die Förderung in Venezuela massiv zu steigern. (Lesen Sie hier: Das bedeutet der US-Angriff auf Venezuela für den Ölpreis )

Demonstrierende in Washington, D.C.

Demonstrierende in Washington, D.C.

Foto: Julia Demaree Nikhinson / AP / dpa

Diese Treffen dienen der raschen Rückkehr der Konzerne nach Venezuela – als Gegenleistung für Entschädigungen für vor 20 Jahren verstaatlichte Anlagen. Die Firmen sollen erheblich investieren, wie Reuters zuvor detailliert beschrieb.

Eine Reuters/Ipsos-Umfrage zeigt eine gespaltene Ansicht zum Vorgehen in Venezuela: 33 Prozent der US-Bürger befürworten einen Militäreinsatz in Venezuela, doch 72 Prozent fürchten eine zu starke Einmischung. Republikaner (65 Prozent) stehen hinter Trumps Kurs, Demokraten (11 Prozent) und Unabhängige (23 Prozent) lehnen ihn weitgehend ab. Die Ergebnisse stammen aus Umfragen vom Sonntag und Montag – kurz vor den Kongresswahlen im November, bei denen Trumps Partei ihre knappe Mehrheit in beiden Kammern verteidigen muss.

Anmerkung der Redaktion: In der Bildunterzeile stand zunächst der Ort Caracas, es handelt sich aber um eine Demonstration in Buenos Aires.

jon/dpa/AFP/Reuters