SpOn 04.01.2026
12:47 Uhr

Venezuela: Donald Trump lässt Maria Machado fallen, setzt auf Delcy Rodríguez


Nach dem Umsturz in Caracas lässt US-Präsident Trump die venezolanische Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado fallen. Er setzt offenbar auf eine Übergangsfigur aus dem Maduro-Regime.

Venezuela: Donald Trump lässt Maria Machado fallen, setzt auf Delcy Rodríguez

Venezuelas Friedensnobelpreisträgerin und Oppositionsführerin María Corina Machado hat ihr politisches Schicksal an Donald Trump gekoppelt – das ist ihre Stärke und ihre Schwäche zugleich. Sie hat eine militärische Intervention der Amerikaner zum Sturz Maduros unterstützt, ihren Friedensnobelpreis hat sie auch Trump gewidmet. Der schmückte sich mit ihrem Ansehen und Charisma.

Bis Trump gestern in Mar-a-Lago vor die Presse trat, schien Machado ihrem Ziel so nah zu sein wie nie zuvor: An der Seite ihres Kampfgefährten Edmundo González, dem Sieger der Präsidentschaftswahlen vom vergangenen Juli und wahren Staatsoberhaupt, würde sie gern als Vizepräsidentin in ihre Heimat zurückkehren, ließ sie verkünden.

Oppositionspolitiker González, Machado: Trump auf den Leim gegangen

Oppositionspolitiker González, Machado: Trump auf den Leim gegangen

Foto: Miguel Gutierrez / EPA

Doch nun ist das eingetreten, wovor viele gemäßigte Oppositionelle gewarnt haben: Trump hat Machado offenbar fallen lassen, nachdem er sie für seine Zwecke missbraucht hat.

Es geht ihm ums Öl, nicht um die venezolanische Demokratie. Machado sei eine sympathische Frau, verkündete er, aber sie verfüge nicht über die nötige »Unterstützung oder Respekt«, um Venezuela zu führen. Die Leitung des Landes soll offenbar zunächst eine Truppe von Vertrauten um Außenminister Marco Rubio und Kriegsminister Pete Hegseth übernehmen, bis es zu einem geordneten Übergang komme. Geordnet im Sinne der USA, versteht sich.

Vizepräsidentin Rodríguez: Trumps Statthalterin in Venezuela?

Vizepräsidentin Rodríguez: Trumps Statthalterin in Venezuela?

Foto:

Rayner Pena R / EPA

Machados Stern ist im Sinkflug

Ist die in Oslo gefeierte Freiheitsheldin Trump auf den Leim gegangen? Hat sie sich naiv für einen neuen US-Imperialismus unter dem Deckmantel der »Donroe«-Doktrin einspannen lassen: »Amerika den US-Amerikanern«? Die Vertreterin der Friedrich-Ebert-Stiftung in Caracas, Anja Dargatz, hatte schon vor Wochen im SPIEGEL gewarnt , dass Machados »politischer Moment« vorbei sei. Ihr unermüdlicher Einsatz sei hauptsächlich für das internationale Publikum bestimmt gewesen, in ihrer Heimat sei ihr Stern im Sinkflug.

Tatsächlich ist schwer vorstellbar, wie der 76-jährige Ex-Diplomat González, ein freundlicher alter Herr, mit Machado als Stellvertreterin die immer noch zahlreichen Maduro-Anhänger in Militär und Zivilgesellschaft in einen friedlichen Übergang zu Demokratie einbinden könnte. Machado hatte immer wieder verkündet, dass sich die Schergen des Regimes wegen Menschenrechtsverletzungen und Korruption vor Gericht verantworten müssten. Das käme zwar dem Gerechtigkeitsbedürfnis vieler Regimegegner entgegen, würde die politische Stabilisierung aber gefährden, argumentieren gemäßigte Oppositionelle.

So gesehen war der Machtmensch Trump in Mar-a-Lago brutal ehrlich: Machado hat ausgedient. Er sucht nach einer Figur, die nicht nur der amerikanischen Ölindustrie die Türen öffnet. Das hatte Machado schon vor Monaten versprochen. Vor allem hält er nach einem Statthalter Aussicht, der für die kommenden Wochen und Monate politische Stabilität garantiert – nicht zuletzt, um amerikanische Investoren vor Protesten und Anschlägen zu schützen.

Ölförderung im Maracaibo-See: Trump hat es auf Venezuelas Bodenschätze abgesehen

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Foto: Rayner Pena/ picture alliance/dpa

Rodríguez werden gute Beziehungen zur Wirtschaft nachgesagt

Für diese Rolle hat Trump offenbar ausgerechnet Venezuelas Vizepräsidentin Delcy Rodríguez ausersehen. Die Tochter eines marxistischen Guerrilleros ist eine langjährige Weggefährtin Maduros und hat in seiner Regierung mehrere Ministerposten bekleidet. Den Machtapparat der Chavistas, wie die Regierungspartei nach ihrem Idol Hugo Chávez genannt wird, kennt die studierte Anwältin bestens; manche halten die 56-Jährige für die mächtigste Frau des Landes. Ihr Bruder Jorge ist Präsident der von den Chavistas beherrschten Nationalversammlung und gilt als eine der Säulen des Systems.

Rodríguez werden gute Beziehungen zur Wirtschaft nachgesagt, das macht sie für Trump interessant. Die Sanktionen der Amerikaner konterte sie mit marktfreundlichen Privatisierungen, die dem Regime wirtschaftlich etwas Luft verschafften. Außenminister Rubio habe ein langes Telefongespräch mit ihr geführt, sie sei bereits als neue Staatschefin eingeschworen, verkündete Trump.

Das war womöglich voreilig. Venezuela habe nur einen Präsidenten, und der heiße Nicolás Maduro, beteuerte Rodríguez nach Trumps Auftritt in einer landesweit übertragenen Ansprache. Venezuela werde »nie wieder irgendjemandes Kolonie« sein. Flankiert wurde sie von Verteidigungsminister Padrino López, Innenminister Diosdado Cabello und anderen Säulen des Maduro-Regimes, die brav applaudierten. Nach einem Deal mit den Amerikanern sah das nicht aus.

Trump setzt auf Zuckerbrot und Peitsche

Trump vertraut offenbar darauf, dass seine Politik von Zuckerbrot und Peitsche bei den Maduro-Vertrauten bald Wirkung zeigt. Er drohte gestern mit einer »zweiten Welle« von Angriffen , wenn das Regime sich nicht seinem Willen beuge. Auch den Einsatz von Bodentruppen schloss er nicht aus.

Vor dem Angriff der Amerikaner hatten Maduro und seine Helfershelfer darauf vertraut, dass die Amerikaner bluffen. Diese Illusion ist zerstört. Dass sie ein zweites Mal das Risiko eingehen, Trump nicht ernst zu nehmen, ist nicht anzunehmen.

Bei der großen venezolanischen Exilgemeinde in Florida dürfte die Aussicht auf einen Deal mit dem Regime nicht gut ankommen. Vor allem Innenminister Diosdado Cabello, der Chef des berüchtigten Geheimdienstes Sebin, ist verhasst. Delcy Rodríguez könnte für sie noch am ehesten als Übergangspräsidentin akzeptabel sein.

Furcht vor dem Chaos

In den kommenden Tagen und Wochen wird es zweifellos Gespräche hinter den Kulissen geben. Die Amerikaner werden den Maduro-Vertrauten vermutlich Angebote machen, die diese nicht ablehnen können, wenn sie nicht Vertreibung, eine Zelle in den USA oder sogar den Tod riskieren wollen.

Andererseits werden die Regimevertreter ihren einzigen Trumpf teuer ausspielen wollen: Die Furcht der Amerikaner, dass ihnen die Kontrolle über den »Regime Change« entgleitet und Venezuela in einem Chaos aus Gewalt und politischer Instabilität versinkt. Je länger die Unsicherheit dauert, desto schwieriger wird es für Trump, die Kontrolle zu behalten.

So könnte es womöglich dazu kommen, dass Venezuela die kommenden Wochen mit Billigung der Amerikaner doch noch von einer Frau regiert wird. Nur wäre das dann nicht die weltweit gefeierte Freiheitsheldin María Corina Machado, sondern die knallharte linke Ideologin und ehemalige Maduro-Vertraute Rodríguez.