Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro befand sich gerade wenige Stunden in Gewahrsam des US-Militärs und noch lange nicht auf amerikanischem Boden, da bimmelte um 4.30 Uhr Ortszeit bei Donald Trump das Telefon.
Der US-Präsident hatte erst einige Minuten zuvor in einem kurzen Post auf seinem Portal Truth Social die Gefangennahme Maduros verkündet. Die Nachricht kam überraschend und mit wenig Einordnung: War der Schlag vom US-Parlament autorisiert? Was soll mit dem venezolanischen Machthaber nun passieren
Was tun bei so einer unklaren Lage? Einfach mal den Präsidenten direkt anrufen, dachten sie sich bei der »New York Times«. Reporter Tyler Pager legte sich ein paar Fragen zurecht, stimmte sie mit den Kollegen ab – dann wählte er Trumps Nummer. Dreimal erklang das Tuten in der Leitung, dann nahm der Präsident ab. »Er sagte ›hello‹, und ich kam direkt zur Sache«, berichtete »NYT«-Reporter Pager. Er habe sich kurz vorgestellt und erwähnt, dass er von der »New York Times« anrufe und einige Fragen zur Operation habe.
Trumps Hassliebe zu den Medien
Diese sei »brillant« gewesen, so Trump. Das habe an »viel guter Planung und vielen großartigen, großartigen Soldaten« gelegen, so der US-Präsident. Ob er die Zustimmung des US-Kongresses zu dem groß angelegten Militärschlag eingeholt habe? Die Frage überging Trump geflissentlich – und verwies auf die Pressekonferenz, die er für den Morgen angesetzt habe.
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Insgesamt dauerte das Telefonat nach Erinnerung des Reporters 50 Sekunden. Der Inhalt war nicht spektakulär. Es zeigt aber einmal mehr, wie ungewöhnlich Trumps Verhältnis zu den Medien ist. Er hat die »New York Times« oft und ausführlich beschimpft und sogar zu einem »Feind des amerikanischen Volkes« erklärt. Seine Anwälte haben eine 15 Milliarden Dollar schwere Klage gegen die Zeitung angestrengt. Dennoch beantwortet der Präsident weiterhin offenbar regelmäßig direkte Reporteranrufe, wie »NYT«-Mann Pager erklärt.
Reporter als Geburtshelfer von Trumps »America First«-Parole
Das hat bei Trump eine lange Tradition. Schon zu seiner Zeit als Immobilienunternehmer pflegte er einen engen Austausch mit Journalisten. Manchmal rief er die Reporter dabei an und gab sich als sein eigener Pressesprecher aus.
Auch nach seinem Einstieg in die Politik blieb Trumps Austausch mit Reportern ungewöhnlich: Als er 2016 für die Präsidentschaft kandidierte, berichtete die »New York Times« bereits kritisch. Dennoch führte Trump damals im März zwei lange Telefoninterviews mit Reportern der Zeitung.
Dieses Interview gilt auch als Geburtsstunde der »America First«-Parole. Sie wurde zu einem der prägenden Wahlkampfslogans von Trump. Als Erstes in das Gespräch eingebracht allerdings hatte sie der Reporter David Sanger. Er fragte Trump, ob man seine Einstellung nicht als »America First« charakterisieren könnte. Der Begriff gefiel Trump.
Sanger berichtete in einer Diskussionsrunde mit dem Council for Foreign Relations, Trump habe die Redewendung danach umgehend in seine Auftritte eingebaut . Kurz nach der Veröffentlichung des Interviews habe seine Frau Trump im Fernsehen »America First« rufen gehört. Sie habe sich dann zu ihm gedreht und gesagt: »Ich hoffe, du bist wirklich stolz auf dich«.
