SpOn 27.01.2026
14:16 Uhr

Veggie-Produkte: Drohendes Namensverbot könnte Branche 250 Millionen Euro kosten


Kommt das Namensverbot für Fleischalternativen? Die Bundesregierung schließt das nicht aus. Die deutsche Veggie-Lobby warnt, ein solcher Bann würde ganze Geschäftsmodelle in der Branche gefährden.

Veggie-Produkte: Drohendes Namensverbot könnte Branche 250 Millionen Euro kosten

Ein EU-Verbot vertrauter Fleischbegriffe für Veggieprodukte könnte die Branche in Deutschland teuer zu stehen kommen. Das Risiko ist aus Sicht der Veggie-Lobby real: Im Bundeslandwirtschaftsministerium werde intern bereits der Eindruck vermittelt, man müsse sich auf ein Verbot einstellen, heißt es. Das Ministerium schließt es auf Nachfrage zumindest nicht aus.

Der Lobby- und Branchenverband Balpro beziffert nun erstmals konkret die finanziellen Auswirkungen. »Allein für die Hersteller von Fleisch- und Wurstalternativen sprechen wir über rund 250 Millionen Euro Schaden«, sagte Claudia Hauschild, stellvertretende Vorstandsvorsitzende von Balpro, dem SPIEGEL.

Im Oktober hatte eine Mehrheit der Abgeordneten im EU-Parlament dafür gestimmt, Bezeichnungen wie »Steak«, »Hamburger«, »Burger«, »Wurst« und »Schnitzel« für Fleischalternativen verbieten zu lassen. Nun müssen Parlament und Rat der 27 EU-Staaten entscheiden, ob das Verbot tatsächlich kommt.

Für viele Unternehmen machen die betroffenen Produkte laut Balpro mehr als 50 bis teilweise 100 Prozent des Gesamtumsatzes aus. »Ein Bezeichnungsverbot würde damit also nicht nur einzelne Produkte, sondern ganze Geschäftsmodelle gefährden«, sagte Hauschild. Umstellungsphasen von mehreren Monaten würden zusätzlich zu erheblicher Unsicherheit führen und Investitionen sowie Wachstum bremsen, warnte sie.

Kosten entstünden laut Verband unter anderem durch die Umstellung auf neue Produktnamen und deren rechtliche Absicherung. Neue Verpackungen müssten produziert und alte entsorgt werden. Auch Produktpässe – digitale Steckbriefe, die alle wichtigen Informationen über Herstellung, Inhalt und Nachhaltigkeit eines Produkts bündeln – müssten für jedes Produkt neu erstellt werden. Hinzu kämen Marketingkosten, um Verbrauchern die neuen Namen zu erklären.

Noch problematischer dürften laut dem Verband entgangene Umsätze sein, etwa weil Verbraucher die Produkte nicht mehr sofort erkennen und seltener kaufen. Insbesondere werde es schwerer, neue Kunden zu gewinnen. Für sie seien vertraute Bezeichnungen entscheidend, um Produkte einzuordnen und ihre Verwendung zu verstehen. Aktuell sind demnach 20 Prozent der Käufer von Fleischalternativen Neukunden.

»Langfristig bedeutet ein Bezeichnungsverbot daher eine strukturelle Wachstumsbremse bis hin zur Gefährdung der gesamten Kategorie«, sagte Hauschild.

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Die Zahlen hat Balpro auch dem Bundeslandwirtschaftsministerium übermittelt. Anfang Januar hatte das Ministerium Verbände und Unternehmen zu einer Konferenz eingeladen, um über den Stand des Vorhabens zur Einführung eines Fleischbezeichnungsschutzes zu sprechen. Aus Teilnehmerkreisen heißt es, bei dem Treffen sei der Eindruck vermittelt worden, man müsse sich darauf einstellen, dass das Verbot komme. Verbände und Unternehmen seien aufgefordert worden, Kompromissangebote für die Verhandlungen einzubringen.

Landwirtschaftsministerium sieht Namensverbote kritisch

Ein Sprecher des Bundeslandwirtschaftsministeriums teilte mit, Deutschland sehe die EU-Pläne zu Namensverboten kritisch. Anlass der Kritik seien unter anderem drohende bürokratische Lasten. Bei vielen Mitgliedstaaten der EU stießen die Vorschläge zum Fleischbezeichnungsschutz jedoch grundsätzlich auf Unterstützung. »Inwiefern sich Deutschland mit seiner bürokratiearmen Position durchsetzen kann, bleibt daher abzuwarten«, so der Ministeriumssprecher.

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Die Branche sieht nun Bundesagrarminister Alois Rainer (CSU) am Zug. »Die Bundesregierung darf einem EU-Bezeichnungsverbot nicht zustimmen, ohne die realen wirtschaftlichen Folgen zu berücksichtigen«, sagte Hauschild. »Wir erwarten, dass Deutschland in Brüssel rote Linien zieht und sich für Rechtssicherheit, Verbraucherorientierung und eine faktenbasierte Regulierung einsetzt.«

Deutschland ist der größte Markt für pflanzenbasierte Alternativprodukte in Europa. Die Produktion von vegetarischen und veganen Fleischersatzprodukten hat sich zwischen 2019 und 2024 hierzulande mehr als verdoppelt.

Die Trilogverhandlungen, in denen sich EU-Parlament, Rat und Kommission endgültig einigen müssen, sollen in den kommenden Wochen stattfinden.