Würde ein alter Römer eine Zeitreise in unsere Gegenwart machen und bei deiner Familie am Frühstückstisch landen, wäre er wohl ziemlich verwirrt – obwohl das Wort »Familie« aus dem Lateinischen kommt. Doch im Römischen Reich waren Familien oft größer. Der Begriff meinte all diejenigen, die auf einem Hof oder in einem Haus arbeiteten und lebten, beispielsweise auch Dienerinnen und Sklaven. Eine Familie, die aus nur zwei oder drei Menschen besteht, gab es selten.
»Die Idee von Familie hat sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändert«, sagt Norbert F. Schneider. Er ist Familiensoziologe. Das heißt, er forscht dazu, wie Familien funktionieren und sich entwickeln. »Im 17. und 18. Jahrhundert bekam eine verheiratete Frau durchschnittlich sechs bis sieben Kinder. Die waren schon deshalb nötig, weil die Zeiten damals hart waren. Die Hygiene der Menschen war schlecht, die medizinische Versorgung auch. Viele Säuglinge starben kurz nach der Geburt«, sagt Schneider. Kinder waren Arbeitskräfte. Wer älter als drei Jahre alt war, musste mit anpacken. Erst kümmerten sich die Eltern um die Kinder, später war es andersherum. Wer keine Kinder bekommen konnte, wusste oft nicht, wer ihn im hohen Alter versorgen sollte.
»Familie« meinte in der Antike nicht nur Blutsverwandte, sondern auch Sklaven und Diener. Auf diesem Altar aus dem Jahr 9 vor Christus ist die Familie des römischen Kaisers Augustus zu sehen.
Foto: Dmitri Pronchenko / ddpAll das hat sich grundlegend geändert, erklärt der Experte: »Heute können viele von uns selbst bestimmen, wie unser Leben aussehen soll: wen wir heiraten, ob wir Kinder kriegen wollen – und, wenn ja, wie viele.« In Deutschland gehört zu einer Familie inzwischen meist nur noch ein Kind. Weltweit gesehen liegen wir damit unter dem Durchschnitt.
Im Römischen Reich waren Familien oft riesig. Schließlich umfasste der Begriff damals auch Dienerinnen und Sklaven. Über die Jahrhunderte hat sich das Konzept »Familie« immer wieder verändert. Was heute dahintersteckt und warum Kinder in Teilen Kanadas bis zu 16 Großeltern haben, steht in der neuen Ausgabe von DEIN SPIEGEL, dem Nachrichten-Magazin für Kinder. Außerdem im Heft: Was ist 2025 passiert? Der Jahresrückblick im Quiz. Und: wie Spürhund Clyde bedrohte Tierarten sucht. DEIN SPIEGEL gibt es am Kiosk, ausgewählte Artikel online. Erwachsene können das Heft auch hier kaufen:
Ab dem 19. Jahrhundert war klar geregelt, welches Familienmitglied wofür zuständig war. Der Vater ging arbeiten, die Mutter kümmerte sich um Kinder und Haushalt – zumindest dann, wenn sich die Familie das leisten konnte. Das stand bis 1958 sogar im Bürgerlichen Gesetzbuch. In vielen Familien sind die Aufgaben zwar immer noch so verteilt. Dennoch gibt es heute viele Mütter, die das Geld verdienen, Väter, die den Haushalt schmeißen, und Familien, in denen beide beides machen. Bei alleinerziehenden Elternteilen ist oft eine Person für alles zuständig.
»Vor 50 bis 70 Jahren war klar, wie eine ›richtige‹ Familie auszusehen hat: Vater, Mutter, Ehe, gemeinsamer Haushalt, Kinder. Heute kennen wir viele verschiedene Familienmodelle. Familie ist bunter geworden, vielfältiger«, sagt Experte Norbert F. Schneider.
Von Großeltern bis zu Enkelkindern: Bei Bauernfamilien mussten alle mit anpacken. Das Foto aus dem Jahr 1922 zeigt drei Generationen bei der Heuernte.
Foto: Klaus Matwijow / SZ Photo / Bridgeman Art LibraryManche Eltern trennen sich, ziehen ihre Kinder allein oder mit einem neuen Partner groß. Viele Kinder kriegen so nicht nur ein zusätzliches Elternteil, sondern auch neue Stiefgeschwister. Solche Patchwork-Familien werden in Deutschland immer häufiger. Andere Kinder haben zwei Väter oder zwei Mütter. In vielen dieser Regenbogenfamilien gibt es ein Elternteil, der das Kind geboren, und einen anderen, der es adoptiert hat. Familie ist heute die Gemeinschaft von Eltern und Kindern. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Kinder leiblich oder adoptiert sind, ob es mehrere Elternteile gibt oder welches Geschlecht sie haben.
Louise Jessen / DEIN SPIEGEL
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In Teilen Kanadas leben einige Kinder sogar mit vier Eltern und acht Großeltern: Dort können sich seit einigen Jahren vier Personen als soziale Eltern eines Kindes in dessen Geburtsurkunde eintragen. Das Gesetz ermöglicht es, ein Kind ohne Partner, aber stattdessen mit Freundinnen großzuziehen. Auch in den Niederlanden wird dieses sogenannte Co-Parenting, also »geteilte« oder »gemeinsame soziale Elternschaft«, beliebter. In Deutschland geht das offiziell nicht. Trotzdem müsse man nicht zwingend miteinander verwandt sein, um eine Familie zu sein, sagt Soziologe Norbert F. Schneider. Manche bezeichnen ihre engsten Freundinnen und Freunde deshalb auch als »Wahlfamilie«.
Berühmtes Schwesternpaar: Anna und Elsa aus dem Disney-Film »Frozen« schlagen sich nach dem Tod ihrer Eltern allein durch
Foto: Mary Evans / IMAGO»Wichtig ist: Beim Thema Familie gibt es kein Richtig oder Falsch«, sagt der Experte. In den vergangenen Jahrzehnten habe sich das Konzept von »being family« zu »doing family« gewandelt, also vom »Familie sein« zu »Familie leben«. Während man vor 100 Jahren blutsverwandt sein musste, geht es heute darum, wie man Familie gestaltet – ganz vielseitig. Zu dem Thema gibt es in der Politik nach wie vor unterschiedliche Meinungen. Einige befürworten weiterhin das traditionelle Modell, in dem der Vater die Familie ernährt. Dennoch steht im jüngsten Bericht des Bundesfamilienministeriums: »Familie ist dort, wo Menschen dauerhaft Verantwortung füreinander übernehmen.« Also dort, wo man in schwierigen Zeiten füreinander da ist, sich umeinander kümmert, sich aufeinander verlassen kann. Das kann bei der Familie sein, in die man hineingeboren wurde. Oder bei Freundinnen und Freunden, die sich wie Geschwister anfühlen.
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