Mariupol, Region Donezk
Russische Fahnen wehen in Mariupol. So wie hier möchte der Kreml sie in der ganzen Region Donezk wehen sehen.
Die Stadt wurde zum Symbol des Widerstands – und der Zerstörung: nach wochenlanger Belagerung und großen Verlusten unter der Zivilbevölkerung und den ukrainischen Verteidigern fiel sie Mitte Mai 2022 vollständig unter russische Kontrolle.
Hier lebten zwei Teenager, die vor Kurzem beschlossen, aus ihrer Heimatstadt zu fliehen. Die Nachrichtenagentur AFP hat sie interviewt, wir können sie nur anonymisiert zeigen. Nikolai und David sind 18 und 19 Jahre alt. Sie sollten in den russischen Militärdienst eingezogen werden.
David, 19 Jahre alt
»Die Lehrerin brachte uns zur Direktorin. Wir betraten ihr Büro, wo ein Porträt von Putin an der Wand hing. Natürlich war ich etwas schockiert. Und dann saßen wir da und sprachen über die Schule, und sie sagte so etwas wie: "Das sind unsere zukünftigen Verteidiger. Ich war einfach schockiert und dachte: Was zum Teufel? Verteidiger von was?«
Nikolai, 18 Jahre
»Hätte man mich eingezogen, hätte ich während der gesamten Dienstzeit, die ein Jahr dauert, gedacht: "Ihr werdet mich nicht zwingen, gegen die Ukraine und die ukrainische Armee zu kämpfen, der ich mich viel näher fühle. Solche Gedanken hätte ich gehabt. «
Was David und Nikolai aus Mariupol berichten, ist Teil des Kreml-Plans in den besetzten Gebieten. Er heißt: Russifizierung. Die ukrainische Identität soll ausgelöscht werden, Kinder werden entsprechend indoktriniert.
Gleichzeitig hübscht Russland das Stadtbild von Mariupol auf – und dekoriert es mit russischen Emblemen.
Nikolai, 18
»Sie haben den Wiederaufbau in der Nähe der Hauptstraße gemacht, damit die Wohnungen gut sichtbar sind und es schön aussieht. Aber am linken Ufer, da sieht man immer noch nur Trümmer. Jetzt restaurieren sie das Theater, aber ich erinnere mich, dass ich 2022 mit einem Freund in den Keller gegangen bin und es dort nach Leichen roch.«
Mariupol, 16.03.2022
Am 16. März 2022 griff die russische Armee das Drama-Theater massiv aus der Luft an – trotz der großen Aufschrift »Kinder« vor dem Gebäude. Hunderte Schutzsuchende wurden getötet.
Wie man mit solchen Kriegsverbrechen umgehen wird, ist Teil eines künftigen Friedensplans. Was hier geschah, sollte nicht vergessen werden. Darauf pocht Wadym Bojtschenko, der während der Invasion Bürgermeister der Stadt war – und nun im Exil lebt.
Kyjiw, 16.05. 2025
Wadym Bojtschenko, Bürgermeister von Mariupol im Exil
»Wir, das ukrainische Volk und die Einwohner von Mariupol, wollen Bestrafung. Zunächst die Anerkennung von Kriegsverbrechen und dann die Bestrafung von Kriegsverbrechern.«
Heute wird das Drama Theater wiederaufgebaut. Ein Versuch, das Geschehene vergessen zu machen – ein Prestigeprojekt des Kreml.
Geschätzte 350.000 Menschen, die das Grauen in der Stadt vermutlich nicht vergessen können, sind aus Mariupol geflohen – viele nach gezielten Enteignungen und Beschlagnahmungen. Wer blieb, wird gezwungen, die russische Herrschaft anzuerkennen. Der Druck, russische Pässe anzunehmen, ist ein Teil dieser Maßnahmen.
David, 19
»Wir haben noch einen Freund dort, er ist genauso alt wie wir. Er möchte natürlich auch zurück in sein Land. Aber das geht nicht, denn um einen Reisepass zu bekommen, muss man sich beim Militär melden. Und dann bekommt man einen Einberufungsbescheid. Außerdem studiert er nicht, wenn er also jetzt einen Pass beantragen würde, würden sie ihn einfach zwingen, sich zum Militärdienst zu melden und zur Armee zu gehen.«
Für David und Nikolai war das keine Option.
- Trumps »Friedensplan« für die Ukraine: »Wir können nicht einfach so unterschreiben«
- Im Folterkeller in der Frontstadt Cherson: »Ich wollte, dass sie mich töten, damit es endlich aufhört« Von Marcus Heep
- Kämpfe im Donbass: Russische »Mad Max«-Truppen marschieren in Pokrowsk ein Von Janita Hämäläinen
- SPIEGEL Shortcut zum »Friedensplan«: Worauf es für die Ukraine jetzt ankommt
