Der Arbeitsmarkt in der Ukraine hat sich einer Studie zufolge vier Jahre nach Beginn der russischen Invasion stark erholt. Die Arbeitslosenquote war nach dem Überfall am 24. Februar 2022 nach oben geschnellt auf zeitweise mehr als 20 Prozent – sie liege derzeit aber bei etwa elf Prozent, nur wenige Prozentpunkte mehr als vor dem Krieg. Das zeigt laut der Nachrichtenagentur Reuters eine Analyse der Rockwool Foundation Berlin, die Teil einer dänischen Stiftung zur Förderung objektiver Forschung ist.
Die Reallöhne in der Ukraine hätten nach einem anfänglichen Rückgang bis 2024 wieder das Vorkriegsniveau erreicht und würden es inzwischen sogar übertreffen.
»Lange Kriege werden oft eher in Fabriken als auf Schlachtfeldern gewonnen. Der ukrainische Arbeitsmarkt hat bisher Schocks von beispiellosem Ausmaß standgehalten«, sagte Mitautor Tito Boeri, Professor an der Bocconi-Universität in Mailand. »Die Zahlen deuten darauf hin, dass es möglich ist, Arbeitskräfte unter extremen Belastungen und überraschend schnell umzuverteilen.«
Die neuen Zahlen decken sich mit einer Analyse des Datendiensts Statista von Januar, in der bis 2030 eine Arbeitslosenquote von nur mehr 8,5 Prozent erwartet wird. Diese Quote gibt an, wie groß der Anteil registrierter Arbeitsloser an allen potenziellen Arbeitnehmern ist.
Flexibilität bei Löhnen und Einstellungspraktiken der Unternehmen sowie die Arbeit im Homeoffice erklärten die Widerstandsfähigkeit des Arbeitsmarktes, zeige die Rockwool-Analyse. Hinzu komme eine erhöhte Erwerbsbeteiligung von Frauen, die viele traditionell von Männern ausgeübte Tätigkeiten übernommen hätten.
Arbeitsmärkte in umkämpften Gebieten brachen fast zusammen
Hintergrund der guten Quote ist demnach allerdings auch ein immenser Rückgang von Arbeitskräften. Die Verwerfungen auf dem ukrainischen Arbeitsmarkt hätten nach Kriegsbeginn vor vier Jahren ein historisches Ausmaß angenommen. Insgesamt sei die Erwerbsbevölkerung in den von der Regierung kontrollierten Gebieten um etwa ein Viertel geschrumpft.
Allein durch die Abwanderung seien etwa drei Millionen Arbeitskräfte verloren gegangen.
Hinzu kamen demnach mindestens 500.000 Beschäftigte, die zum Militärdienst einberufen wurden.
Auch gebe es 150.000 Kriegsopfer, die als Arbeitskräfte ausfielen.
Die wirtschaftlichen Aktivitäten verlagerten sich zudem vom Frontgebiet in den Westen des Landes. »Die Arbeitsmärkte in den umkämpften Gebieten brachen fast zusammen«, hieß es laut der Studie. »Die Beschäftigung verlagerte sich in Richtung Rüstungsindustrie.«
Der Internationale Währungsfonds (IWF) traut der Ukraine in diesem Jahr ein Wachstum von 4,5 Prozent zu. Im ersten Kriegsjahr 2022 war das Bruttoinlandsprodukt noch um mehr als ein Viertel eingebrochen, wächst seither aber wieder.
»Die Herausforderungen beim Wiederaufbau werden nicht weniger gewaltig sein als die im Krieg«, sagte Ökonom Boeri. Die Forscher warnen vor einem zunehmenden Fachkräftemangel, sollte der Krieg andauern.
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