Seit einigen Wochen nimmt das US-Militär verstärkt Schnellboote in der Karibik ins Visier, von denen es annimmt, dass darin Drogen transportiert werden. Mehrere dieser Boote wurden bereits attackiert. Medienberichte legen nun nahe: Offenbar war das Ziel in mindestens einem Fall nicht nur, das Fahrzeug zu versenken, sondern auch die darin befindlichen Menschen zu töten. Wie die »Washington Post « und der Sender CNN unter Berufung auf »mit dem Fall vertraute Quellen« berichten, soll Verteidigungsminister Pete Hegseth persönlich den Befehl dazu erteilt haben.
Demnach handelt es sich um den ersten bekannt gewordenen Drogenboot-Fall am 2. September. Das US-Militär attackierte damals ein vermutlich aus Venezuela stammendes Boot mit elf Menschen an Bord. Der Angriff soll das Gefährt zunächst manövrierunfähig gemacht und mindestens eine Person getötet haben. Zu diesem Zeitpunkt war laut den Berichten klar, dass es jedoch auch mehrere Überlebende geben dürfte.
»Die Anweisung war, alle zu töten«
Hegseth soll bereits im Vorfeld einen gegebenenfalls nötigen zweiten Angriff genehmigt haben: »Die Anweisung war, alle zu töten«, zitierte die »Washington Post« eine Quelle aus dem Umfeld des Verteidigungsministers. Das Militär führte die Attacke demnach wie angeordnet aus; das Boot wurde versenkt, die übrigen Überlebenden getötet. Ob Hegseth nach dem Erstschlag darüber informiert wurde, dass es Überlebende geben soll, war laut CNN unklar.
US-Präsident Donald Trump gab den Angriff auf das Boot und die Todesfälle noch am selben Tag bekannt. Seine Regierung stellte jedoch nie öffentlich klar, gezielt Überlebende getötet zu haben. Erst Ende der Woche kündigte Trump zudem an, die Einsätze des US-Militärs auch auf das venezolanische Festland ausweiten zu wollen – dies könne »sehr bald« beginnen.
Hegseth: »Erfundene, hetzerische und abwertende« Berichte
Derweil wachsen Besorgnis und Zweifel angesichts der Attacken in der Karibik. »Ich bin alarmiert über die Anzahl der Schiffe, die diese Regierung ohne jegliche Konsultation des Kongresses versenkt hat«, sagte die demokratische Abgeordnete Madeleine Dean gegenüber CNN. Sie habe sich Regierungsdokumente zu den Angriffen »und zum Mord an den Menschen an Bord« angesehen, so Dean weiter. »Nirgendwo darin fanden sich Hinweise darauf, was vor sich ging.«
US-Soldaten dürfen Zivilisten nicht vorsätzlich töten, wenn sich diese nicht direkt an Feindseligkeiten beteiligen. Bislang folgte der US-Kampf gegen den Drogenschmuggel auf See der Logik von Polizeieinsätzen: Die US-Küstenwache setzt mit Unterstützung der Marine verdächtige Boote fest, die Ladung wird beschlagnahmt, die Besatzung festgenommen. Gezielte Tötungen hingegen sind eklatante Gesetzesbrüche, auch wenn sie mutmaßlichen Straftätern gelten.
Die Trump-Regierung behilft sich in dieser Lage mit einer fragwürdigen Umdeutung. Berichten zufolge hat der Präsident den Kampf gegen bestimmte Drogenkartelle und -banden formell zum »bewaffneten Konflikt« erklärt. Die Regierung spricht demnach mutmaßlichen Drogendealern auf den attackierten Booten die Eigenschaft als Zivilisten ab. Stattdessen behandelt sie solche Verdächtigen als »unrechtmäßige Kämpfer«.
Am 2. September getroffenes Boot
Foto: President Donald J. Trump / Bestimage / IMAGOHegseth selbst sagte über die aktuellen Berichte, diese seien »erfunden, hetzerisch und abwertend«. Die US-Angriffe in der Karibik seien »sowohl nach US-amerikanischem als auch nach internationalem Recht rechtmäßig«; sie hätten zum Ziel, »den Handel mit tödlichen Drogen zu stoppen, Drogenboote zu zerstören und die Drogenhändler zu töten, die die amerikanische Bevölkerung vergiften. Jeder von uns getötete Drogenhändler gehört einer als terroristisch eingestuften Organisation an«, schrieb Hegseth auf X.
Das am 2. September attackierte Boot soll indes nicht das einzige gewesen sein, das mehrfach angegriffen wurde, hieß es in den Berichten weiter. Bei einem anderen Schlag gegen ein Boot im Oktober wurden allerdings zwei Überlebende gerettet und in ihre Herkunftsländer abgeschoben.
Wieso Trump sein Land mit seinem Vorgehen in der Karibik geradewegs in einen Krieg mit Venezuela steuern könnte, lesen Sie hier.
