Ein Mitglied des BBC-Verwaltungsrats ist zurückgetreten – aus Protest. Seiner Ansicht nach bestehen an der Spitze des Senders »Führungsprobleme«. Shumeet Banerji erklärte laut BBC-News in einem Schreiben, er sei »nicht konsultiert« worden, bevor Generaldirektor Tim Davie und BBC-Nachrichtenchefin Deborah Turness Anfang November ihre Ämter niedergelegt hatten. Banerji habe seinen Rücktritt am Freitag bestätigt, sagte ein Sprecher der Rundfunkanstalt der Nachrichtenagentur PA.
Die beiden Topmanager Davie und Turness waren Anfang November nach heftiger Kritik an einem Beitrag der BBC-Sendung »Panorama« zurückgetreten, in dem Teile einer Rede von Donald Trump aus dem Jahr 2021 zusammengeschnitten worden waren. Die BBC hat inzwischen eingeräumt, dass der Schnitt den falschen Eindruck erweckt habe, Trump habe am Tag des Sturms auf das Kapitol direkt zu Gewalt aufgerufen.
Persönlicher Brief der BBC-Vorsitzenden an Trump
Trump hat mit einer Klage gegen die Sendung gedroht und erklärt, sie habe ihn verleumdet. Zwar hat sich die BBC entschuldigt, doch sie hat die vom Präsidenten geforderte finanzielle Entschädigung zurückgewiesen: »Die BBC bedauert aufrichtig die Art und Weise, in der der Videoclip geschnitten wurde, ist aber der festen Überzeugung, dass es keine Grundlage für eine Verleumdungsklage gibt«, teilte der Sender mit. Der BBC-Vorsitzende Samir Shah habe in einem persönlichen Brief an das Weiße Haus deutlich gemacht, dass er und der Sender den Schnitt bedauerten. Shah hatte den Schnitt Anfang der Woche vor einem parlamentarischen Ausschuss als »Fehleinschätzung« bezeichnet.
Eine BBC-Krise, das ist in Großbritannien fast eine Staatskrise. Für viele ist der Sender mehr als nur ein Medienhaus – er ist Teil der nationalen Identität. Die British Broadcasting Corporation sendet in fast jeden Winkel der Erde, Millionen lesen täglich die Internetseite. Wenn im Vereinigten Königreich der Generaldirektor der BBC zurücktritt, dann wankt auch ein Teil des britischen Selbstverständnisses.
Großbritanniens Regierung hat in der hitzigen Diskussion Stellung ergriffen: Kulturministerin Lisa Nandy verteidigte die Rundfunkanstalt am Dienstag im Unterhaus des britischen Parlaments.
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Laut der Website der Rundfunkanstalt war Banerji in seiner Funktion im Verwaltungsrat »dafür verantwortlich, die Unabhängigkeit der BBC zu wahren und zu schützen, indem er im öffentlichen Interesse handelt und unabhängiges Urteil ausübt«. Mit seinem Verweis auf Probleme in der Unternehmensführung scheint Banerji eine direkte Kritik an Shah und weiteren Mitgliedern des Gremiums geäußert zu haben.
Der Rücktritt kommt zu einem heiklen Zeitpunkt für die BBC: Shah sowie die Vorstandsmitglieder Sir Robbie Gibb und Caroline Thomson sollen am Montagnachmittag vor dem Medien-, Kultur- und Sportausschuss des Parlaments aussagen. Im Parlament sind bereits Fragen zu politischen Ernennungen im BBC-Verwaltungsrat aufgekommen.
Banerji ist Gründer der Beratungs- und Investmentfirma Condorcet LP. Er war bis 2012 Chef der Unternehmensberatung Booz & Company und sitzt in mehreren Firmenaufsichtsräten. Dem BBC-Aufsichtsrat gehörte er seit Januar 2022 an. Seine reguläre Amtszeit wäre Ende Dezember ausgelaufen. Die Suche nach einer Nachfolge laufe bereits, so BBC-News.
