SpOn 25.11.2025
16:02 Uhr

Torwart-Legende Lorenzo Buffon : Hauptdarsteller in Italiens Seifenoper


Italien trauert um Lorenzo Buffon. Er entstammte einer Torhüterfamilie und gehörte zur großen Mannschaft des AC Mailand. Aber die Öffentlichkeit interessierte sich mindestens ebenso sehr für sein Privatleben.

Torwart-Legende Lorenzo Buffon : Hauptdarsteller in Italiens Seifenoper

Zunächst muss man die Verwandtschaftsverhältnisse klären, denn die sind etwas kompliziert: Lorenzo Buffon hat einen berühmten Torhüternamen, der fast durch ein ganzes Jahrhundert trägt. Sein Vater war Torwart, sein Cousin wurde Torwart, der neben ihm Prominenteste der Familie, Gianluigi, kurz Gigi Buffon, die Torwart-Ikone von Juventus, ist der Enkel eines weiteren Cousins aus dem Familienclan von Lorenzo.

Von heute aus gesehen scheint es klar, wer der berühmteste Buffon ist. Gigi ist 2006 Weltmeister geworden, er ist ein Held der Champions League, er hat 176 Länderspiele für Italien absolviert. Ein Superstar des Fußballs.

Aber das war sein entfernter Verwandter zu seiner Zeit auch. Lorenzo Buffon war einer der Besten seiner Epoche, fünfmal hat er den italienischen Meistertitel geholt, viermal mit Milan, einmal mit dem Inter. Die Rivalität zwischen den beiden Mailänder Klubs soll in dieser Geschichte und im Leben des Lorenzo Buffon noch eine Rolle spielen.

Als WM-Torwart 1962 mit DFB-Kapitän Hans Schäfer

Als WM-Torwart 1962 mit DFB-Kapitän Hans Schäfer

Foto: dpa / picture alliance

Eigentlich lag das Talent des jungen Lorenzo gar nicht im Fußball, sondern in der Kunst. Schon als Kind hat er am liebsten gemalt, es ist eine Leidenschaft, die er sich bis ins hohe Alter erhalten hat. Aber ein Pfarrer, so heißt es, der ihn beim Zeichnen einer Madonna beobachtet hatte, gab ihm einen Tipp: »Wenn ich so gut mit den Händen zeichnen kann, warum sollte ich dann nicht im Tor stehen? Und ich war einverstanden«, erinnerte sich Buffon später.

Il Grande Milan

Es war ein weiser Rat des Geistlichen. Buffon wurde in Mailand zu einer der Säulen des »Il Grande Milan« der Fünfzigerjahre. Angetrieben von dem schwedischen Trio Gunnar Gren, Gunnar Nordahl und Nils Liedholm, in Italien nur Gre-No-Lie genannt, stieg Milan zum dominierenden Team im Lande auf mit legendären Figuren wie Cesare Maldini, dem späteren Nationaltrainer und Vater der Abwehrlegende Paolo Maldini.

Milan gewann mit Buffon zwischen den Pfosten fast alles, nur das große Ziel, den Europokal der Landesmeister, verfehlte man, als die Mannschaft im Finale 1958 Real Madrid unterlag. Buffon hatte fast die ganze Saison im Tor gestanden, aber im Endspiel vertraute der Trainer seinem Kollegen Narciso Soldan.

Die Rivalität mit Ghezzi

Buffon hatte da seine besten Milan-Jahre schon hinter sich, mittlerweile war er auch Italiens Nationaltorwart geworden und hatte den Inter-Keeper Giorgio Ghezzi abgelöst. Und das galt gleich in mehrfacher Hinsicht.

Ghezzi war Italiens Torwartstar der frühen Fünfzigerjahre gewesen, ein Strahlemann im Torwarttrikot, zudem beherrschte er die Schlagzeilen, weil er mit dem Fernsehstar Edy Campagnoli liiert war.

Das Traumpaar: Buffon und TV-Star Edy Campagnoli

Das Traumpaar: Buffon und TV-Star Edy Campagnoli

Foto: Alamy Stock Photos / History and Art Collection / mauritius images

Campagnoli war Assistentin der TV-Quizshow »Lascia o raddoppia?«, präsentiert von Moderator Mike Bongiorno, der Straßenfeger im italienischen TV nach dem Krieg. Die Sendung hatte eine derartige Popularität, dass die Folgen teilweise im Kino gezeigt wurden. Papst Pius galt als großer Fan, und Ägyptens König Faruq spendete Geld für eine Kandidatin.

Auf Druck der Gastronomie wurde die Ausstrahlung irgendwann von Samstag auf Donnerstag verlegt, weil die Gastwirte klagten, am Samstag würde kaum noch jemand in die Trattoria kommen, weil alle daheim im Fernsehen Bongiorno und seiner blonden Assistentin zusahen.

Der TV-Star und der Fußballer

Die Beziehung zwischen Ghezzi und Campagnoli war ein beherrschendes Thema in der italienischen Öffentlichkeit. Ein Fußballer und ein TV-Star, das war damals noch ungewöhnlich.

Und dann das Unerhörte: Campagnoli trennte sich von Ghezzi und wandte sich dem nächsten Torwart zu: Lorenzo Buffon vom Inter-Lokalrivalen Milan.

Die Hochzeit der beiden wurde zum gesellschaftlichen Ereignis des Jahres. Vor der Kirche versammelten sich Zehntausende, im Gedränge ging dem damals bekannten Paparazzi Antonio Meluso die Kamera zu Bruch.

Buffon im WM-Spiel 1962 gegen Deutschland und Uwe Seeler

Buffon im WM-Spiel 1962 gegen Deutschland und Uwe Seeler

Foto: sportfotodienst / United Archives International / IMAGO

Und auch sportlich ging das Wechselspiel zwischen Buffon und Ghezzi weiter. Inter kam auf die kühne Idee, den Milan-Torwart zu verpflichten, im Gegenzug hatte AC sich die Dienste von Ghezzi gesichert. Beide hatten etwas davon: Buffon feierte mit Inter seine insgesamt fünfte Meisterschaft in Italien, Ghezzi stand im Milan-Tor, als der AC 1963 den ersehnten Europapokal der Landesmeister gegen Benfica Lissabon gewann.

Frust bei der WM 1962

Die Ehe des Torwarts und der TV-Prominenz hielt zehn Jahre, dann war es zwischen beiden vorbei. Buffon floh aus Liebesfrust nach Amerika, fuhr mit dem Auto quer durchs Land, freundete sich mit Frank Sinatra an und fing wieder an zu malen.

Seine Torwartkarriere war da schon beendet, nach der WM 1962 machte er Schluss mit der Nationalelf, bei der berühmt-berüchtigten Schlacht von Santiago gegen Chile saß er, der das Turnier noch als Kapitän begonnen hatte, nur noch auf der Ersatzbank.

Angesichts der Brutalität dieser Partie muss man sagen: zu seinem Glück.

Lorenzo Buffon 1952

Lorenzo Buffon 1952

Foto: Buzzi / IMAGO

In Erinnerung wird vor allem eines seiner 15 Länderspiele bleiben, die Partie gegen England, als er mit einem Rippenbruch und gebrochener Nase weiterspielte und danach mit dem Beinamen »Cavaliere del lavoro«, Ritter der Arbeit, geadelt wurde.

Nach der Torwartlaufbahn versuchte sich Buffon als Scout im Fußball und vertiefte sich ansonsten in die schönen Künste: Malerei, auch las er Tolstoi. Sein ewiger Konkurrent Ghezzi machte derweil ein Hotel auf, das »Internationale« in Cesenatico, das zum Anlaufpunkt von Italiens Jetset wurde.

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