SpOn 27.11.2025
17:13 Uhr

Todesfahrt von Magdeburg: Opfer berichten in Prozess gegen Taleb Al Abdulmohsen


Bei dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt starben sechs Menschen, über 300 wurden verletzt. Jetzt reden die Betroffenen im Prozess.

Todesfahrt von Magdeburg: Opfer berichten in Prozess gegen Taleb Al Abdulmohsen

Im Prozess zur Todesfahrt von Magdeburg hat der Angeklagte Taleb Al Abdulmohsen immer wieder ausschweifend seine Sicht der Dinge dargestellt. Am achten Verhandlungstag kommen nun die Opfer zu Wort.

»Es ist nicht mehr das, was es einmal war. Der Abend hat einen verändert. Diese Leichtigkeit, diese Unbeschwertheit ist weg. Es ist weg. Er hat es mir genommen.«, berichtet eine der ersten Betroffenen, die im Zeugenstand aussagen. Die 41-Jährige wurde von dem Todesfahrer erfasst. Durch den Aufprall des Wagens wurde sie von ihrem Mann getrennt. Als sie sich wiederfanden, habe er bitterlich geweint und gesagt »Du lebst, du lebst«. Sie habe ein blaues Gesicht gehabt, erinnert sich die Frau, Hämatome, ein verstauchtes Bein. »Ich hatte Schmerzen ohne Ende.« Ihr Mann kämpfe bis heute mit einer Beinverletzung. Er sei in psychologischer Behandlung, sie selbst auch.

Angeklagter soll Opfer nicht direkt ansprechen

An den vorangegangenen Tagen wurden Polizeibeamte gehört, auch Arbeitskollegen des geständigen Täters aus dem Maßregelvollzug und Rechtsanwälte. Immer wieder meldete sich der Angeklagte mit Fragen und Erklärungen zu Wort, teils befragte er die Zeugen scharf.

Das sollte den Betroffenen des Anschlags auf der Zeugenbank erspart bleiben. Der Vorsitzende Richter Dirk Sternberg verabredete mit dem Angeklagten, dass dieser Fragen nur über seinen Verteidiger stellt. Die Prozessparteien hatten zuvor schon verabredet, dass Zeugen nur freiwillig aussagen und ansonsten auf ihre Angaben bei der Polizei zurückgegriffen wird.

Angeklagter Taleb Al Abdulmohsen

Angeklagter Taleb Al Abdulmohsen

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert / dpa

Am 20. Dezember lenkte der damals 50-jährige Abdulmohsen einen mehr als zwei Tonnen schweren und 340 PS starken Wagen etwa 350 Meter weit über den Weihnachtsmarkt, so die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg. Er war mit bis zu 48 Kilometern pro Stunde unterwegs. Ein neunjähriger Junge sowie fünf Frauen im Alter von 45 bis 75 Jahren kamen ums Leben. Mehr als 300 weitere Menschen wurden verletzt.

Prozessbeginn hat bei vielen Erinnerungen wachgerufen

Auch ein 60 Jahre alter Kraftfahrer erinnerte sich als Zeuge an den Anschlag. Der Wagen sei nur etwa 50 Zentimeter an ihm, seiner Frau und Bekannten vorbeigefahren. Stehtische seien geflogen, Menschen seien von dem Wagen erfasst worden. »Es war sehr rasant«, sagte der Mann.

Anschließend habe er sich schnell an der Ersten Hilfe für Verletzte beteiligt. »Es war reine Panik in dem Moment. Es war sehr unübersichtlich.« Seine Frau sei zwar körperlich unverletzt geblieben, fahre aber bis heute nicht mehr in die Stadt.

Bei vielen anderen Augenzeugen, die das Erlebte schon verarbeitet sahen, habe der Prozessbeginn vieles wieder aufgewirbelt. »Es hat alles wieder angefangen zu brodeln im Kopf«, beschrieb der Mann seine Wahrnehmung.

Ein 57-Jähriger, dessen Bude direkt dort stand, wo der Mietwagen von der Straße auf eine Gasse des Weihnachtsmarkts einbog, berichtete von mehreren Verletzten. Er habe aus dem Stand heraus zunächst Krach gehört und daraufhin gesehen, wie eine Frau, die gerade etwas aß, von dem schwarzen Auto erfasst worden sei. Auch er habe sich sofort an der Versorgung der Verletzten beteiligt.

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Der Prozess wird am kommenden Dienstag fortgesetzt, dann sind weitere Geschädigte und Angehörige einer getöteten Frau als Zeugen geladen. Etwa 180 Betroffene sind in dem Prozess als Nebenkläger dabei, es wurde eigens ein Interims-Gerichtsgebäude errichtet, weil sonst kein Saal gereicht hätte. Zu den Verhandlungstagen kommen aber meist nur einige Betroffene, ihre Anwälte sind dabei. Das Interesse im Zuschauerraum ist anhaltend groß, nahezu alle Plätze waren belegt.

Der Magdeburger Weihnachtsmarkt findet dieses Jahr wieder statt. Wie sehr der Anschlag in der Stadt nachwirkt, lesen Sie hier .

esk/dpa