SpOn 05.12.2025
14:07 Uhr

Tatort »Die Erfindung des Rades« aus Münster: Eine Stadt, gebaut aus Pizza und Speichen


Kommissar Thiel röhrt, als wäre er Mitglied in einer Black-Metal-Band, dann radelt der Fahrrad-Ultra Jacques Tati durchs Bild: Die Comedy-Truppe des »Tatorts« verbeugt sich vor der Biker-Stadt Münster.

Tatort »Die Erfindung des Rades« aus Münster: Eine Stadt, gebaut aus Pizza und Speichen

Einen Münster-»Tatort« nachzuerzählen, ist, wie die Botschaft eines Glückskekses zu interpretieren. Zu viel Bedeutung in die Handlung reinzulegen, bringt einen um den Spaß, den man der einen oder anderen Folge abringen kann. Der Plot ist meist nachrangig, im Vordergrund stehen die Gimmicks.

Drei Dinge, die am neuen Fall herausstechen:

  1. In einer der schönsten Verhörsequenzen, die bislang im Münster-»Tatort« zu sehen gewesen sind, findet die Befragung einer Verdächtigen in Anwesenheit eines Mannes in glänzendem Latex und mit knuddeliger Hundemaske statt. Er hört auf den Namen »Fifi« und nickt brav auf allen vieren zum Alibi der verdächtigen Frau, zu der er offenbar in einem S/M-Verhältnis steht.

  2. Axel Prahl hatte beim Dreh möglicherweise eine Kehlkopfentzündung, sodass sein Kommissar Thiel wie ein Black-Metal-Growler klingt. Was zu einem wunderbar geröhrten Dialogduett mit der von Mechthild Großmann gespielten Staatsanwältin Wilhelmine Klemm führt, deren Stimme ja stets so düster scheppert wie die von Darth Vader. Ein letzter starker Auftritt von Großmann – dies ist ihre Abschiedsfolge.

  3. In einer Szene, in der Thiel mit seinem Kollegen, dem Gerichtsmediziner (Jan Josef Liefers) erbärmlich durch die Landschaft um Münster strampelt, reiht sich für ein paar Sekunden eine elegante Figur mit Pfeife und Trenchcoat ein, die an den legendären Fahrrad-Ultra Jacques Tati und sein Alter Ego Monsieur Hulot erinnert.

Darsteller Hartwig, Hellmann, Lodyga: Herzinfarkt!

Darsteller Hartwig, Hellmann, Lodyga: Herzinfarkt!

Foto: Frank Dicks / WDR

Da radelt der Krimi dann doch noch, wenn auch ein bisschen aus der Puste, seinem eigentlichen Thema entgegen: dem Kult ums Bike.

Hobrecht & Hobrecht, eine Münsteraner Fahrradmanufaktur in fünfter Generation, verspricht, ein sensationelles neues Modell auf den Markt zu bringen. Doch bei der Präsentation vor Presse und Fachpublikum zeigt sich nach der feierlichen Öffnung einer Holzkiste nur ein Kühlschrank, aus dem dann eine gefrorene Leiche fällt. Es ist der abtrünnige Bruder des Firmenpatriarchen.

Thiel und seine Knofi-Pizza

Wir brechen hier mal mit der Inhaltsangabe ab. Es ist wie meistens im Münster-»Tatort«: Das Verbrechen führt tief in die Stadtgesellschaft und in die Konflikte alteingesessener Familien. Boerne poliert penibel exhumierte Schädel, Thiel schiebt sich eine fettige, dampfende Pizza rein. Ohne die wird in Münster ja kein Fall gelöst. Hier wird ihr Verzehr begleitet von einem lustvollen Grollen aus kaputter Kehle: »Oh, da ist aber ordentlich Knofi drauf!«

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Regie bei diesem doppelt und dreifach mit Nonsens belegten Comedy-Krimi führte Till Franzen, das Buch schrieb Thorsten Wettke. Die beiden hatten schon für die Münsteraner Urwaldfantasterei »Der Mann, der aus dem Dschungel fiel« von 2023  zusammengearbeitet, wo es um einen Abenteuerromancier ging, der sich seine Biografie zusammengesponnen hat. Auch in der neuen Episode ist der Fabulierfaktor hoch.

Doch auf den letzten Metern entwickelt der Münster-»Tatort« dann ein erstaunlich belastbares Verschwörungsszenario, das sich über einen Zeitraum von mehr als 150 Jahren zieht. Es geht darin um die Frage, ob das Fahrrad, so wie wir es heute kennen, nämlich kettengetrieben und mit zwei gleich großen Felgen, tatsächlich im englischen Coventry erfunden wurde oder in Münster.

Bei dem Speichenpatriotismus für die Fahrradstadt Münster, der beim Team Boerne und Thiel herrscht, ist die Auflösung natürlich leicht vorherzusagen.

Die Bewertung: 7 von 10 Punkten

»Tatort: Die Erfindung des Rades«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

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Foto: Marcus Höhn / NDR