SpOn 12.12.2025
13:50 Uhr

Tatort »Der Elektriker« aus Wien: Cosy Crime und Kriegsgräuel


Dieser Altenheim-Krimi gibt sich anfänglich gediegen wie die Netflix-Kamelle »The Thursday Murder Club«, bis es plötzlich um Verbrechen aus dem Jugoslawienkrieg geht. Schwierig.

Tatort »Der Elektriker« aus Wien: Cosy Crime und Kriegsgräuel

Ist das noch Kolleginnenhäme oder schon Altersdiskriminierung? Erst im Frühjahr wurde bekannt, dass Harald Krassnitzer, 65, seinen Oberstleutnant Eisner zum nächsten Jahr in Pension schickt, da wird er in dieser Folge schon im seniorengerechten Hebelift in die Badewanne hinabgelassen. Ein demütigendes Bild, da der Oberstleutnant mit gequältem Blick nach unten aus dem Bildrand gesurrt wird. Kollegin Adele Neuhauser, die Majorin Fellner verkörpert, grinst sich derweil einen. Neuhauser, 66, hört allerdings 2026 selbst bei der Krimireihe auf.

Dieser »Tatort« hält ein paar drollige Szenen parat – und soll zugleich gesellschaftlich relevant sein. Er hat leider ein erhebliches Konstruktionsproblem.

»Tatort«-Szene: Auf einmal schlurft das Thema Jugoslawienkrieg in das Mörderrätsel

»Tatort«-Szene: Auf einmal schlurft das Thema Jugoslawienkrieg in das Mörderrätsel

Foto: Petro Domenigg / ORF

Es fängt bei dem Hebelift an: Mit dem wird am Anfang ein Altenheimbewohner in eine Badewanne herabgelassen. Weil ein anderer Bewohner des Heims heimlich geraucht hat, geht der Feueralarm los und der Pfleger lässt den Alten allein auf dem Lift sitzen. Als der Pfleger wiederkommt, liegt der Mann tot in der Badewanne. Das könnte als schwarzer Humor durchgehen. Doch wie sich herausstellt, war das Badewannenliftopfer Serbe – und möglicherweise in Gräueltaten während des Jugoslawienkriegs verwickelt.

Die Ermittlungen in diesem Krimi (Regie: Harald Sicheritz, Buch: Roland Hablesreiter, Petra Ladinigg) gehen über weite Strecken in einem gemächlichen Tempo voran, zwischen Thermoskannen und Butterkuchen treffen Eisner und Fellner auf allerhand skurrile Alte, die alle ihre Geschichten zu erzählen haben. Zwischenzeitlich kommt das Mörderrätsel im Tea-Time-Gestus daher, wie man ihn aus Cosy-Crime-Hits wie dem Netflix-Film »The Thursday Murder Club« kennt .

Aber auf einmal schlurft dann eben auch das Thema Jugoslawienkrieg in das Altenheim-Mörderrätsel. Auch der Fußpfleger im Heim, der eine auffällige Narbe unter dem Auge trägt, stammt vom Balkan. Irgendwann geht es dann um das Gefangenenlager Omarska im Norden Bosnien-Herzegowinas, wo im Sommer 1992 über 3000 Bosniaken und bosnische Kroaten interniert wurden. Hunderte von ihnen wurden getötet. War der Altenheimmord also ein Racheakt?

Bei aller Freude am drolligen Personenensemble lässt der Film das Publikum mit einem schalen Gefühl zurück: In einer Cosy-Crime-Schnurre lässt sich schwer von Kriegsgräueln erzählen.

Bewertung: 4 von 10 Punkten

»Tatort: Der Elektriker«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

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Foto: Marcus Höhn / NDR