Seit Monaten gibt es in deutschen Fußballstadien einen Gesang, der von vielen Fans unabhängig von Vereins- oder Ligazugehörigkeit gesungen wird. »Ihr macht unseren Sport kaputt«, heißt es da, meist angestimmt, wenn es zu einem Eingriff eines Videoassistenten gekommen ist.
Wen genau die unzufriedene Masse mit diesem »Ihr« meint, ist den meisten Sängern vermutlich gar nicht klar. Den DFB? Die Schiedsrichter? Die Fifa?
Ziemlich sicher ist nicht das International Football Association Board gemeint, kurz Ifab genannt. Dabei wird in diesem Gremium über die Regeln des Fußballs und damit auch über die Belange des Videobeweises entschieden. Am Dienstag hat sich das Ifab zur jährlichen Geschäftssitzung in London getroffen und dabei stand ein Thema auf der Tagesordnung, das das Zeug zu Abseits-Revolution hat, die den Fußball massiv verändern würde.
Auf dem Programm tauchte das als unscheinbarer Punkt »Offside trial« auf, also als ein Testverfahren, um die Abseitsregel zu modifizieren. Dahinter steckt auch eine Idee des ehemaligen Arsenal-Trainers Arsène Wenger, der das Ifab und den Weltverband Fifa als einer von vielen Experten berät. Wenger plädiert für die Einführung des sogenannten Tageslicht-Abseits.
Das International Football Association Board (Ifab) wurde 1886 gegründet und ist seitdem für die Regeln des Fußballs zuständig. Das Gremium ist unabhängig vom Fußball-Weltverband, doch die Fifa hat mit vier von insgesamt acht Mitgliedern ein großes Mitspracherecht. Jeweils ein Vertreter der britischen Verbände aus England, Schottland, Wales und Nordirland komplettiert das Ifab. Für Regeländerungen müssen sechs Mitglieder zustimmen. Die vier Fifa-Vertreter, aktuell vertreten durch Generalsekretär Mattias Grafström, müssen, anders als die vier Briten, en bloc abstimmen. Das Ifab kommt einmal im Jahr zu einer Generalversammlung zusammen und kann dort Regeländerungen beschließen.
Dabei steht der Angreifer erst dann im Abseits, wenn er beim Abspiel des Mitspielers oder der Mitspielerin mit dem gesamten Körper (statt mit einem Körperteil oder gar nur mit einer Zehenspitze wie in der aktuell geltenden Regel) vor dem vorletzten Gegenspieler positioniert ist. Zwischen Stürmer und Abwehrspieler muss eine Lücke zu sehen sein, durch die theoretisch Tageslicht erkennbar ist, daher der Name der Regelidee. Oder anders formuliert: Wenn sich ein Körperteil, mit dem der Angreifer ein Tor erzielen kann, auf gleicher Höhe mit dem Abwehrspieler befindet, läge kein Regelverstoß vor.
Infantino und das Tageslicht
Nun hat das Ifab am Dienstagabend in einer Stellungnahme mitgeteilt, dass es in Sachen Abseits weitere Tests geben wird. Die Tageslicht-Regel wird gar nicht erwähnt, das spricht gegen eine baldige Einführung. Vom Tisch ist sie sicherlich nicht. »Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass diese Regelung irgendwann eingeführt wird«, sagte der deutsche Schiedsrichter-Boss Knut Kircher dem SPIEGEL am Dienstag.
Grafik im Fußball: Beim Abseits geht es oft um Zentimeter
Foto:David Catry / Sportpix / IMAGO
Denn es gibt einen noch prominenteren Befürworter als Wenger – und das ist kein Geringerer als Fifa-Präsident Gianni Infantino. Der Schweizer sagte im vergangenen Dezember, der Fußball müsse offensiver und attraktiver werden. Dabei könne hilfreich sein, wenn der Angreifer »in Zukunft vollständig vor dem Verteidiger steht, um als abseits zu gelten«. Das Tageslicht-Abseits.
Der SPIEGEL sprach mit Kircher im Rahmen eines Medientermins wenige Stunden vor der Ifab-Stellungnahme. Zu diesem Zeitpunkt hielt er es, vor allem wegen Infantinos klarer Aussage, für ein realistisches Szenario, dass die neue Regel schon zur WM 2026 im Sommer eingeführt wird – trotz fehlender Testphasen in anderen prominenten Wettbewerben (vereinzelte Tests in Jugendwettbewerben soll es gegeben haben). Noch scheinen die Zweifler im Ifab in der Überzahl, doch die Revolution ist vorerst nur verschoben.
Wird der Fußball wirklich offensiver?
Aus Sicht der Profi-Schiedsrichter würde sich laut Kircher nicht viel ändern. »Beim Tageslicht verschieben wir auf der faktischen, messtechnischen Ebene nur die Referenzlinie«, sagte der 56-Jährige. Knappe VAR-Entscheidungen gäbe es somit weiter. Die Technik müsse ein wenig angepasst werden. Aber wo eine Abseitslinie gezogen wird, sei laut Kircher letztlich egal. Im Amateurbereich wäre die Umstellung ungleich größer, dort würde das neue Reglement ebenfalls gelten.
Schiedsrichter-Boss Kircher: »Kann ich mir sehr gut vorstellen«
Foto:Jürgen Kessler / Kessler-Sportfotografie / IMAGO
Die sportlichen Konsequenzen sind schwer zu antizipieren. Die damit verbundene Hoffnung hat Infantino geäußert, Wenger will mit seiner Idee den Stürmern Vorteile verschaffen: mehr Tore, mehr Spektakel.
Regeländerungen hat es in der Geschichte des Fußballs viele gegeben. 1990 wurde als Konsequenz der perfekt einstudierten Abseitsfallen der Achtzigerjahre gleiche Höhe nicht mehr als Abseits definiert. Dadurch wurde das Spiel tatsächlich torreicher. Die 1992 eingeführte Rückpassregel (der Torhüter darf seitdem den Ball nach einem Rückpass eines Mitspielers mit einem Körperteil hüftabwärts nicht mehr mit der Hand aufnehmen) eliminierte einen großen Faktor für Spielverzögerungen. Das Golden Goal brachte dagegen nicht mehr Spektakel in Verlängerungen und wurde alsbald wieder abgeschafft.
Sollte das Tageslicht-Abseits eingeführt werden, werden die verteidigenden Mannschaften darauf reagieren müssen. Es wäre denkbar, dass die Abwehrkette von unterlegenen Teams tiefer verteidigt, um den Raum für die Angreifer zum Tor hin so gering wie möglich zu halten. Möglicherweise gibt es eine Renaissance des Liberos, also einem tiefer verteidigenden Spieler, um den Angreifer doch noch stellen zu können. Als sicher kann gelten: Der Fußball wird sich verändern.
Diese Änderungen sollen zur WM eingeführt werden
Unabhängig vom Tageslicht-Abseits hat das Ifab am Dienstag andere Veränderungen vorangetrieben. Dabei stehen zwei Aspekte im Vordergrund: eine Erweiterung der Kompetenzen für den Videoassistenten und die Eindämmung von Zeitspiel:
Der Video Assistant Referee (VAR) darf bei Gelb-Rot die zweite Verwarnung überprüfen und den Platzverweis rückgängig machen. Die erste Gelbe Karte eines Spielers wird nachträglich nicht gecheckt.
Wenn der Schiedsrichter irrtümlich auf Eckball entscheidet, darf der VAR ihn darauf hinweisen. Die Ecke kann dann zurückgenommen werden. Diese Maßnahme muss nicht übernommen werden, die Bundesliga könnte sich dagegen entscheiden.
Die Acht-Sekunden-Regel soll ausgeweitet werden. Seit dieser Saison hebt der Schiedsrichter die Hand und zählt die Sekunden herunter, sollte sich der Torhüter beim Abschlag zu viel Zeit lassen. Das soll auch bei Abstößen und Einwürfen gemacht werden. Bei Verstößen bekommt die gegnerische Mannschaft den Ball.
Ausgewechselte Spieler sollen den Platz innerhalb von zehn Sekunden verlassen. Die Konsequenz bei einem Verstoß gab das Ifab nicht bekannt. In einer Testphase in der Major League Soccer (MLS) in den USA musste der Einwechselspieler eine Minute draußen warten, und die wechselnde Mannschaft war in Unterzahl.
Die Vorschläge müssen auf der Generalversammlung des Ifab am 28. Februar in Wales beschlossen werden, die nötige Mehrheit gilt als sicher. Offiziell werden die Änderungen zur kommenden Saison eingeführt, sie gelten allerdings bereits bei der am 11. Juni beginnenden Weltmeisterschaft.
