SpOn 17.01.2026
09:50 Uhr

Soziologe Aladin El-Mafaalani im Kinder-Interview: »Ältere Menschen haben oft keine Ahnung, wie es euch geht«


Aladin El-Mafaalani erforscht, wie es Kindern besser gehen kann. Die Kinderreporterinnen Aylin und Adele redeten mit ihm über Mitspracherechte junger Menschen und Döner in der Schulkantine.

Soziologe Aladin El-Mafaalani im Kinder-Interview: »Ältere Menschen haben oft keine Ahnung, wie es euch geht«

DEIN SPIEGEL: Wieso dürfen Kinder nicht mitbestimmen, obwohl wir die Zukunft sind?

El-Mafaalani: Hättet ihr vor 200 Jahren gelebt, dürftet ihr deutlich mehr. Es gab zu der Zeit zwar keine Demokratie. Der König hat alles bestimmt – nicht das Volk, also auch nicht die Kinder. Aber Kinder galten damals als kleine Erwachsene und hatten ähnliche Pflichten wie Erwachsene. Sie mussten auch arbeiten. Mit der Zeit sollte aber alles immer produktiver werden, vor allem in den Fabriken. Kinder haben dabei gestört. Sie sollten zur Schule gehen. Daher wurde nach und nach die Schulpflicht eingeführt. So hat man dafür gesorgt, dass es nur noch zwei Orte für sie gab: zu Hause bei der Familie und die Schule.

DEIN SPIEGEL: Man kann aber nicht sagen, dass früher alles besser war, oder?

El-Mafaalani: Nein, denn Kinder mussten schwere Arbeiten erledigen. Deswegen sind die Sommerferien übrigens so lang: weil die Kinder auf den Feldern mithelfen mussten, wenn die Ernte anstand. So eine harte körperliche Arbeit ist für junge Körper nicht gesund. Es ist richtig, dass Kinderarbeit heutzutage verboten ist. Und es ist gut, dass ihr heute in vielen Bereichen geschützt seid, aber es bräuchte mehr Mitspracherechte für euch.

DEIN SPIEGEL: Sollte man das Wahlalter senken?

El-Mafaalani: Mit 14 Jahren könnt ihr entscheiden, dass ihr nicht mehr am Religionsunterricht teilnehmen wollt, auch wenn eure Eltern das wollen. Wenn ihr diese Entscheidung schon mit 14 treffen könnt, solltet ihr meiner Meinung nach auch wählen dürfen. Ich würde sogar weitergehen. Es gibt 10-Jährige, die sich politisch besser auskennen als ihre Eltern. Warum sollen die nicht wählen dürfen? Also ja, ich bin dafür, das Wahlalter zu senken. Wobei das politisch nicht so sehr ins Gewicht fallen würde.

DEIN SPIEGEL: Warum?

El-Mafaalani: Es gibt nur halb so viele 10-Jährige wie 60-Jährige. Auch wenn die 10-Jährigen wählen dürften, würden die 60-Jährigen sie immer überstimmen können. Und die Älteren haben nun mal andere Interessen als die Jüngeren, etwa dass sie eine sichere Rente bekommen. Es bräuchte daher eine andere Lösung. Mich überzeugt die Idee eines Zukunftsrats. Da sitzen nur junge Leute drin. Und die dürfen jede Entscheidung, die Friedrich Merz oder die Bürgermeisterin bei euch vor Ort trifft, kommentieren. Der Bundeskanzler oder die Bürgermeisterin müssten sich dann gegenüber den jungen Leuten rechtfertigen. Zeitungen und Fernsehsendungen würden darüber berichten. So würden alle wissen, wie die jungen Leute ticken. Momentan werden in politischen Umfragen nur Über-18-Jährige gefragt. Und das zu Themen, die vor allem eure Zukunft betreffen – etwa in der Debatte über die Wehrpflicht.

DEIN SPIEGEL
Foto: DEIN SPIEGEL

Klimakrise, Handyverbot, Wehrpflicht. Junge Menschen sind davon stark betroffen, doch in politische Entscheidungen werden sie selten eingebunden. Warum das ein Problem ist und wie sich fünf Kinder und Jugendliche dennoch einbringen, steht in der neuen Ausgabe von DEIN SPIEGEL, dem Nachrichten-Magazin für Kinder. Außerdem im Heft: Wie Donald Trump die US-Demokratie beschädigt. Und: Biathletin Selina Grotian über ihre Vorbereitung auf die Olympischen Winterspiele. DEIN SPIEGEL gibt es am Kiosk, ausgewählte Artikel online. Erwachsene können das Heft auch hier kaufen:

Bei meine-zeitschrift.de bestellen 

Bei Amazon bestellen 

DEIN SPIEGEL: Was müsste die Politik noch tun, damit es Kindern besser geht?

El-Mafaalani: Sie müsste versuchen, die Eltern zu entlasten. Wenn man junge Menschen fragt, was sie sich wünschen, ist die häufigste Antwort: dass Mama und Papa nicht mehr so gestresst sind.

DEIN SPIEGEL: Haben Politiker Angst, Kindern die Macht zu geben?

El-Mafaalani: Von Angst würde ich nicht sprechen. Ältere Menschen haben oft keine Ahnung, wie es euch oder jungen Eltern geht. Das ist nicht böse gemeint. Ich selbst bin vor 23 Jahren Vater geworden. Das ist echt lange her. Meine Tochter hat mittlerweile den Führerschein und ist ausgezogen. Und ich kann mich heute nur noch ganz schwer hineindenken, wie das damals war. Wie soll das erst Leuten gelingen, die 60 Jahre oder älter sind? Und sie kennen auch die aktuellen Schwierigkeiten nicht, zum Beispiel den Stress, wenn beide Eltern arbeiten gehen.

Der Bildungsforscher Aladin El-Mafaalani, 47, geht öfter an Schulen und stellt Fragen: Wie sind die Lernbedingungen? Was könnte besser laufen? An manchen Schulen dürfen Schülerinnen und Schüler deutlich mehr mitbestimmen, zum Beispiel, was es zum Mittagessen gibt. El-Mafaalani und sein Team beobachten das dann, um zu schauen, was andere Schulen daraus lernen könnten.

Der Bildungsforscher Aladin El-Mafaalani, 47, geht öfter an Schulen und stellt Fragen: Wie sind die Lernbedingungen? Was könnte besser laufen? An manchen Schulen dürfen Schülerinnen und Schüler deutlich mehr mitbestimmen, zum Beispiel, was es zum Mittagessen gibt. El-Mafaalani und sein Team beobachten das dann, um zu schauen, was andere Schulen daraus lernen könnten.

Foto: Marvin Ruppert / DEIN SPIEGEL

DEIN SPIEGEL: In einem Ihrer Bücher schreiben Sie, dass sich die Älteren mehr einbringen sollten. Warum?

El-Mafaalani: Kennt ihr den Begriff Boomer?

DEIN SPIEGEL: Hat das was mit Bumerang zu tun?

El-Mafaalani: Nein, damit sind die sogenannten Baby­boomer gemeint. In den Jahren 1959 bis 1969 wurden total viele Babys geboren. Die Boomer gehen nach und nach in Rente. Und es sind einfach zu viele, als dass alle sagen könnten: »Ich spiele jetzt nur noch Tennis oder gehe auf Weltreise.« Sollten sie das machen, würde hier nichts mehr funktionieren. Daher schlage ich vor, dass sich die Boomer an Schulen oder in Kitas enga­gieren. Menschen mit handwerklichen Kenntnissen könnten zum Beispiel im Werkunterricht Wissen vermitteln. Das ist nötig, weil in Zukunft viele Lehrkräfte fehlen werden.

Kinderreporterin Adele, 12, geht in die 7. Klasse des Dietrich-­Bonhoeffer-Gymnasiums in Bergisch Gladbach. Sie macht Karate, spielt Tennis und Waldhorn.

Kinderreporterin Adele, 12, geht in die 7. Klasse des Dietrich-­Bonhoeffer-Gymnasiums in Bergisch Gladbach. Sie macht Karate, spielt Tennis und Waldhorn.

Foto: Marvin Ruppert / DEIN SPIEGEL

DEIN SPIEGEL: Die Ergebnisse der vergangenen Pisa-Studie waren so schlecht wie noch nie. Hat das auch damit zu tun?

El-Mafaalani: Die Ergebnisse sind so, weil es davor auch schon schlecht lief, man das aber über zehn Jahre ignoriert hat. Schulen stehen vor großen Herausforderungen. Ein Beispiel: Zu Beginn des Schuljahrs war ich mit meinem Team in einer kleinen Grundschule. Dort lernen 180 Kinder. Und die sprechen mehr Sprachen als die vielen Tausend Mitarbeitenden eines sehr großen Unternehmens, das am selben Ort wie die Grundschule seinen Sitz hat. Das Ding ist: Dieser Riesenkonzern hat eine ganze Abteilung, die sich darum kümmert, dass es bei all den unterschiedlichen Sprachen und Religionen im Unternehmen keine Konflikte gibt, dass alle unterstützt werden und sich wohlfühlen. Und an der Grundschule sollen sich die 14 Lehrerinnen und Lehrer neben dem Unterricht darum kümmern?

Kinderreporterin Aylin, 13, besucht die 8. Klasse des Helmholtz-Gymnasiums in Bonn. Sie spielt Handball und ist Chefredakteurin der Schülerzeitungs-AG.

Kinderreporterin Aylin, 13, besucht die 8. Klasse des Helmholtz-Gymnasiums in Bonn. Sie spielt Handball und ist Chefredakteurin der Schülerzeitungs-AG.

Foto: Marvin Ruppert / DEIN SPIEGEL

DEIN SPIEGEL: In Interviews erwähnen Sie oft, dass Schulen demokratischer werden sollten. Wie soll das gehen?

El-Mafaalani: Indem man die Kinder auch dort mitbestimmen lässt. Wir haben das vor Kurzem bei einer Grundschule gemacht und gefragt, was sie sich zum Mittagessen wünschen. Was glaubt ihr, was auf Platz eins war?

DEIN SPIEGEL: Nudeln? Pizza?

El-Mafaalani: Döner! Und die Schulleiterin meinte dann zu mir: »Herr El-Mafaalani, jetzt schauen Sie sich mal dieses Ergebnis an! Na toll!« Und ich so: »Was haben Sie denn gedacht, was die Kinder antworten? Brokkoli?« Jedenfalls gibt es dort nach langen Diskussionen alle zwei Wochen Döner zu Mittag. An den anderen Tagen ist das Essen dafür gesünder, als es vorher war. Und alle sind zufrieden – auch die Ernährungswissenschaftler, die das Expe­riment begleitet haben. Ich denke, dass Kinder auch bei Lerninhalten und Pausenzeit mitbestimmen sollten. Mit einer Ausnahme: Wenn etwas das Lernen oder die Gesundheit gefährdet, müssen die Lehrkräfte sie überstimmen können. Aber ein Döner alle paar Tage ist weder lern- noch gesundheitsschädlich.

DEIN SPIEGEL – das Nachrichten-Magazin für Kinder
Foto: DEIN SPIEGEL

Liebe Eltern,

Kinder wollen die Welt verstehen. Sie interessieren sich für Natur, Menschen und Technik. Sie stellen Fragen. Und sie geben sich nicht mit den erstbesten Antworten zufrieden. Darum gibt der SPIEGEL für junge Leserinnen und Leser ab acht Jahren ein eigenes Nachrichtenmagazin heraus.

DEIN SPIEGEL erscheint jeden Monat neu und bietet spannende, verständlich geschriebene Geschichten aus aller Welt, Interviews und News aus Politik und Gesellschaft. Für noch mehr Spaß sorgen Comics, Rätsel und kreative Ideen zum Mitmachen.