Ewa Janina hängt seitlich an einem Pferd, das mit hoher Geschwindigkeit im Kreis galoppiert. Einer ihrer Füße steckt im Steigbügel, der andere berührt den Boden. Laute Musik dröhnt. Bilder flimmern über haushohe Bildschirme. Das Licht mehrerer Scheinwerfer verfolgt die Reiterin. Am Rand der Arena schwenken Leute rote, blaue und gelbe Fahnen. 1700 Menschen sind aufgestanden, klatschen im Takt der Musik und starren Ewa an.
»Klar ist das Stress«, sagt Ewa lächelnd, »aber es ist der schönste Stress, den man sich vorstellen kann.« Die 29-Jährige striegelt den Rücken ihres Pferds Pégase. Dann gibt sie dem Hengst eine Karotte. Gerade hat sie mit Pégase in einer Reithalle trainiert, jetzt ist kurz Pause. Eine Stunde lang hat die Französin am Feinschliff ihrer Tricks mit dem Tier gearbeitet. Immer wieder wuchtet sie sich hoch aus der Sitzposition, bringt beide Beine auf eine Seite des Pferds, hängt dann dort, mal im Spagat, mal mit dem Kopf nach unten, mal kurz unter dem Pferdekörper. Tausende Male haben die beiden das geübt. Jetzt ist gerade Showsaison. Jeden Tag stehen zwei Auftritte an. Deshalb üben sie weniger häufig. Denn nun muss alles passen.
Pferd Pégase hat gelernt, bei all dem Rummel in der Arena ruhig zu bleiben
Foto: Frank Bauer / DEIN SPIEGELEwa ist Showreiterin. Mit der Reitergruppe »Compagnie Nadal« reist sie von Auftritt zu Auftritt und zeigt Tricks auf dem Pferd. Gerade tritt sie mehrere Wochen bei »Cavalluna« in München auf, der größten Pferdeshow Europas. Im Sommer stehen Festivals in Frankreich an: Mittelalterfeste, Reit-Events und Zirkusauftritte. Manchmal ist sie als Römerin verkleidet, als Ritterin oder als Cowgirl. In der »Cavalluna«-Show fegt Ewa mit ihrer Reitergruppe fünfmal durch die Arena, zwischendurch wechselt sie schnell hinter der Bühne ihre Kostüme, zudem tritt sie als Statistin oder Tänzerin auf.
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»Dieser Beruf macht unglaublich Spaß. Er ist die perfekte Kombination aus Action und Gefühl«, sagt Ewa. Sie steht im Stall neben der Box ihres Pferds und dehnt ihre Beine, ihren Rumpf, ihre Arme. Sie muss sehr gelenkig sein für ihre Tricks. »Pégase und ich sind eine Einheit. Ich spüre genau, wie es ihm geht. Und er weiß, wenn ich nervös bin oder Angst habe. Sonst könnten wir das alles nicht zusammen machen.«
Pégase ist das französische Wort für das Sagenwesen Pegasus, ein Pferd mit Flügeln. In der griechischen Mythologie ist Pegasus ein Diener der Götter. »Bei uns ist das anders«, sagt Ewa, »das Pferd ist der Star, ich bin seine Dienerin. Ohne unsere Tiere sind wir Showreiter nichts, wir wären wie Radfahrer ohne Fahrrad.«
Es gibt unterschiedliche Showreiter. Manche dirigieren Shetlandponys, die kaum größer sind als ein Schaf. Andere stehen mit je einem Bein auf den Rücken zweier Pferde, die über Hindernisse springen. Es gibt tanzende Esel. Pferde, die auf feine Körpersignale ihrer Trainer reagieren, sich hinlegen, hinknien oder auf die Hinterbeine stellen. Am spektakulärsten sind aber Trickreiterinnen wie Ewa. Bei ihren waghalsigen Übungen auf den Pferden halten die Zuschauer den Atem an. Stürze sind gefährlich und schmerzhaft. Zweimal schon wurde Ewa am Knie operiert. Sie hatte sich verletzt, als sie vom laufenden Pferd auf den Boden sprang. »Fast jeder Showreiter hatte schon heftige Stürze. Manche verletzen sich so, dass sie ihre Karriere beenden müssen.« Noch heute schreibt Ewa nach jeder Show ihrer Mutter eine WhatsApp-Nachricht, dass alles in Ordnung ist.
Die 1700 Zuschauer im Saal sehen nur die Show, die paar Minuten, in denen Ewa im Scheinwerferlicht reitet. Davor und danach gibt es viele Stunden Arbeit. Die Tage sind lang. Sie beginnen um sieben Uhr morgens im Stall und enden um neun Uhr abends nach der letzten Show des Tages. Füttern, Stall sauber machen, die Tiere für den Auftritt aufwärmen, ihre Beine dehnen, den Rücken massieren, mal kurz am Sattel etwas reparieren. »Natürlich müssen die Pferde auch toll aussehen«, sagt Ewa, »deshalb duschen wir sie vor den Auftritten mit Shampoo, flechten die Mähne, striegeln das Fell.« Und immer wieder gibt es Proben mit den anderen Reitergruppen, Sängerinnen, Tänzern und Schauspielerinnen der Show, damit alles zusammenpasst.
Was ist das Schönste an dem Beruf?
»Viel Zeit mit den Pferden verbringen zu können, sie über Jahre hinweg richtig gut kennenzulernen und dabei zu erleben, wie sie lernen und sich entwickeln.«
Was ist das Schlimmste?
»Wenn sich Pferde oder Reiter verletzen, denn dann können die Showreiter nicht arbeiten und verdienen auch kein Geld.«
Wie viele Showreiterinnen und -reiter gibt es?
In Deutschland können wohl weniger als ein Dutzend Menschen ausschließlich von dem Beruf leben, in Europa sind es etwa 50, meint Ewa.
Wie lange dauert die Ausbildung?
Es gibt keine wirkliche Ausbildung. Am besten zunächst richtig gut Reiten lernen und sich dann von einem erfahrenen Showreiter Tricks beibringen lassen.
Wie viel verdient man?
Etwa 1500 bis 1800 Euro im Monat, über das Jahr gerechnet. Die Ausgaben sind hoch: für Futter, Tierärzte, Reisen. Doch Auftritte haben die meisten nur in der Sommersaison, in den anderen Monaten trainieren Showreiterinnen und Showreiter mit den Pferden. Manche geben auch Kurse für Menschen, die Tricks mit den Pferden lernen wollen, oder betreiben nebenbei einen Reiterhof.
Was muss man können?
Disziplin haben für das tägliche, regelmäßige Trainieren.
Furchtlos sein, auch wenn man mal gestürzt ist.
Geduld mit Pferden haben. Oft übt man monatelang jeden Tag, bis ein Trick sitzt.
Für wen ist das nichts?
Für Leute, die nicht gern im Rampenlicht stehen. Schließlich sind Auftritte vor Publikum das Ziel!
Für Leute, die reich werden wollen.
Für Leute, die einen Beruf fürs ganze Leben suchen. Es gibt wenige Trickreiterinnen und Trickreiter, die über 40 Jahre alt sind, weil die Kunststücke körperlich sehr anstrengend sind.
Ewa kam über einige Zufälle zu ihrem Beruf. Als Kind verbrachte sie jedes Jahr ihre Ferien in Südfrankreich und lernte auf einem Reiterhof das Reiten. Zu Hause in Paris nahm sie Ballettstunden und turnte. Mit 17 schaffte sie es sogar in die französische Gymnastik-Nationalmannschaft. Daher ist sie auch heute bei den akrobatischen Tricks am Pferd so gut. Sie studierte Politikwissenschaften in London, kehrte aber immer wieder zurück nach Südfrankreich, um Zeit mit Pferden zu verbringen. Bald reichte ihr das Reiten nicht mehr, und sie versuchte kleine Tricks am Pferd. Sie lernte Mathieu Nadal kennen, den Besitzer der Reitertruppe. Die beiden verliebten sich. Heute leben sie auf einem Hof mit sieben Show-Pferden.
Für die Kunststücke am Pferd muss Ewa sehr gelenkig sein. Stretchen gehört zur Vorbereitung. Ihr Hund Mocca macht mit
Foto: Frank Bauer / DEIN SPIEGEL»In diesem Beruf braucht man sehr viel Geduld«, sagt Ewa, »erst wenn die Pferde etwa sechs Jahre alt sind, sind sie bereit für ihre Einsätze.« Sie zeigt auf die Pferdebox neben Pégase. »Das ist César. Er ist vier Jahre alt, aber er geht jetzt schon mit uns auf Tour, damit er sich daran gewöhnt.« Pferde sind Fluchttiere. Wenn etwas nicht passt oder sie Angst haben, sagen ihnen ihre Instinkte: Lauf weg! »Mein Pferd hatte zum Beispiel immer Angst vor Leuten, die Fahnen schwenken. Wir mussten ihm monatelang beibringen, dass Fahnen das Normalste der Welt sind. Erst haben wir kleine Fahnen geschwenkt, dann größere, dann drei, vier große.« Andere Tiere haben Angst vor Geräuschen, Lichtern, Bühnennebel, tanzenden Menschen oder dem Anblick von Hunderten Zuschauerinnen und Zuschauern. Nicht immer klappt alles: »Manchmal trainieren wir Pferde über Monate hinweg, bis wir merken, dass sie nicht für diesen Job geeignet sind. Dann müssen wir ein anderes Pferd ausbilden.«
Man muss gut reiten können.
Stimmt: »Die perfekte Beherrschung des Pferds in Extremsituationen ist die Grundlage. Dazu gehören gute Beweglichkeit und Kraft, um am Pferd die Tricks ausführen zu können.«
Um die Pferde dazu zu bringen, das Richtige zu machen, muss man schon mal Peitsche oder Sporen einsetzen.
Stimmt nicht: »Wir lieben unsere Pferde wirklich, deshalb tun wir ihnen nicht weh und wenden keine Gewalt an.«
Stürze gibt es bei fast jedem Training.
Stimmt nicht: »Stürze sind sehr selten. Wenn sie mal passieren, sind die Reiter geübt darin, sich geschickt abzurollen, um Verletzungen vorzubeugen.«
Pégase ist inzwischen Profi. Gerade ist Ewa auf ihm in rasendem Tempo durch die Arena geritten, mit dem Kopf nach unten hängend. Ihre langen Haare haben sogar den Arenasand berührt. Jetzt steht sie heftig atmend hinten in der Kulisse. »Während des Auftritts schalte ich auf Autopilot und denke an gar nichts.« Sie schüttet etwas kaltes Wasser auf die Fesselgelenke von Pégase. »Das kühlt und ist gut für ihn.« Ewa lächelt. In zwölf Minuten findet der nächste Ritt der beiden statt.
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