Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten. In mehreren Regionen Deutschlands blieben am Montag Schulen wegen Schnee und Eis geschlossen – und prompt wurde auf Social Media bezweifelt, ob das wirklich nötig sei. »Der Müll wird abgeholt, der DHL-Mann klingelt und der Elektriker steht zum vereinbarten Zeitpunkt vor der Tür. Aber die Grundschule hat wegen der ›Extremwetterlage‹ geschlossen«, echauffierte sich etwa die ehemalige Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) auf X .
Schröder, Mutter von drei Kindern, schreibt, ihre Kolumne in der Zeitung »Die Welt« aus dem Januar 2024 habe nichts an Aktualität verloren. »Ein bisschen Schnee, ein bisschen Eis – und schon schließen Schulen und Kindergärten. Bloß kein Risiko eingehen! Funktionierte in der Pandemie ja auch prima. Was das für die Eltern heißt, ist offenbar egal«, empörte sie sich damals.
Nicht nur ihr Beispiel zeigt: Schulschließungen sind seit der Coronapandemie für einige ein sensibles Thema. Aber ist die Situation überhaupt vergleichbar? Wer entscheidet über wetterbedingte Schulschließungen und auf welcher Grundlage? Und was genau bedeutet es aktuell, wenn eine Schule auf Distanzunterricht umstellt? Der Überblick.
Wo sind Schulen geschlossen?
Von Extremwetter betroffen waren am Montag insbesondere der Westen und Süden Deutschlands, also etwa Niedersachsen, Bremen, Nordrhein-Westfalen und Bayern. Wie die Behörden auf das Winterwetter reagieren, ist bundesweit verschieden.
Nordrhein-Westfalen ordnete für das gesamte Bundesland Schulschließungen an. In Niedersachsen liegt die Entscheidung bei den Landkreisen und kreisfreien Städten, dort votierten fast alle für die Schließung. In Bayern und Hessen wiederum fiel der Unterricht nur in einigen Kreisen und Städten aus.
In der Nacht zu Dienstag verlagert sich die Gefahrenzone nach Osten, dann herrscht auch dort Glatteisgefahr. Brandenburg hob deshalb die Präsenzpflicht für Dienstag auf: Eltern stehe es frei, ihre Kinder zur Schule zu schicken, teilte das dortige Bildungsministerium mit. In Berlin hingegen findet der Unterricht regulär statt.
Auch in Mecklenburg-Vorpommern bleiben die Schulen trotz der Warnungen geöffnet. Sollten Schüler Schwierigkeiten haben, zur Schule zu kommen, können sie sich entschuldigen. Dies gelte den ganzen Winter hindurch, hieß es.
Wer entscheidet über eine Schulschließung – und auf welcher Grundlage?
Auch das ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. In Nordrhein-Westfalen sind die Bedingungen für Schulschließungen in einem Erlass geregelt. Ziel ist demnach, Kinder und Jugendliche auf dem Schulweg »möglichst umfassend« vor »Unwettergefahren« zu schützen, also vor Starkregen, Orkanböen, Glatteis. Es gibt »regionale Koordinierungsgruppen Unwetter« bei den Bezirksregierungen, sie stützen sich auf Meldungen des Deutschen Wetterdienstes. Zudem kann das Kultusministerium ein »landesweites Ruhen des Präsenzbetriebes« verfügen. So war es dieses Mal.
Es habe eine Glättewarnung für das ganze Land gegeben, erklärte das NRW-Schulministerium auf SPIEGEL-Anfrage. Deshalb habe man eine »klare Entscheidung« für das ganze Land getroffen, es gehe um die Sicherheit der Schülerinnen und Schüler. Im ländlichen Raum sei es häufig nicht möglich, einen späteren Schultransport zu ermöglichen. Nur die erste Stunde ausfallen zu lassen, wie von manchen vorgeschlagen, war daher aus Sicht des Ministeriums offenbar keine Option.
In Niedersachsen entscheiden Landkreise und Städte eigenständig, ob Schulen wetterbedingt geschlossen bleiben. Manche betreiben dafür erheblichen Aufwand: Der Landkreis Rotenburg (Wümme) etwa prüft Wettermeldungen. Außerdem rücken nachts Straßenwärter aus und kontrollieren die Kreisstraßen auf Schnee und Eis, wie der Landkreis mitteilte . Um einen möglichen Umschwung in der Nacht zu berücksichtigen, fällt die Entscheidung demnach möglichst spät, in der Regel erst in den frühen Morgenstunden.
In Bayern haben »Lokale Koordinierungsgruppen Witterung« das Wetter im Blick. Dort sind Vertreter aller Schularten versammelt, dazu in der Regel Mitglieder des Katastrophenschutzes oder der Straßenmeistereien. In Ausnahmefällen kann das Kultusministerium eingreifen und landesweite Schulverbote erlassen. Auch in Sachsen ist dies möglich, dort überließ das Ministerium die Entscheidung diesmal aber den Schulen.
Warum gibt es Kritik?
Insbesondere an den landesweiten Schulschließungen in NRW gab es Kritik. »Haben wir nicht aus der Pandemie gelernt? Was ist mit milderen Mitteln?«, schrieb FDP-Landeschef Henning Höne bei X . »Sicherheit geht vor. Aber Schulen werden in Deutschland zu schnell geschlossen.« Hönes Kritik: »Es leiden Schüler und Familien.«
Eltern beschwerten sich, dass sie nicht früher von möglichen Schulschließungen erfahren hatten. Schulministerin Dorothee Feller (CDU) hatte erst am Sonntag final entschieden. Innerhalb weniger Stunden sei es »faktisch nicht möglich« gewesen, eine alternative verlässliche Betreuung zu organisieren, heißt es von der Landeselternschaft Grundschulen in Nordrhein-Westfalen.
Ministerin Feller zufolge wurden die Schulen in NRW bereits am Freitag dafür sensibilisiert, dass es zu Schließungen kommen könne. Aus Sicht der Grundschuleltern wäre es sinnvoll gewesen, auch sie frühzeitig einzubinden.
Distanzunterricht dürfe außerdem insbesondere in der Grundschule nur den »absoluten Ausnahmefall darstellen«, betont Josephine Behrens, Vorsitzende der Landeselternschaft Grundschulen NRW. Das Recht auf Bildung erschöpfe sich nicht darin, dass Lernmaterialien bereitgestellt würden. Dass die Schulen wetterbedingt geschlossen wurden, sei jedoch verständlich.
Elias Bala, Vorsitzender der Landesschüler*innenvertretung NRW
Auch Oliver Ziehm, Vorsitzender der Landeselternschaft der Gymnasien NRW, hat grundsätzlich Verständnis für die Entscheidung. Er ärgert sich aber, dass die Schulen im gesamten Bundesland geschlossen wurden. Kreise und Städte hätten abhängig von der Witterung vor Ort entscheiden sollen. Er wohne in Köln: »Hier ist es heute mild, die Temperaturen liegen deutlich über null Grad«, sagt Ziehm. »Die Straßen sind nass, mehr nicht.«
Schulschließungen seien angesichts dieser Umstände nicht angemessen, hätten für viele Schülerinnen und Schüler aber weitreichende Folgen. Teils hätten Klausuren und Klassenarbeiten verschoben werden müssen. Und überhaupt: Digitaler Unterricht sei nun mal nicht mit Präsenzunterricht zu vergleichen.
Die Schülerinnen und Schüler selbst wirken entspannt. »Die Situation lässt sich überhaupt nicht mit der Pandemie vergleichen«, findet Elias Bala, Vorstandsmitglied der Landesschüler*innenvertretung NRW. Zu Coronazeiten seien die Schulen teils Wochen und Monate geschlossen gewesen, aktuell allenfalls für wenige Tage. Zudem gebe es eine Notbetreuung.
Wie funktioniert der Distanzunterricht?
Elias Bala findet, Deutschland habe sehr wohl etwas aus der Pandemie gelernt. Viele Schulen seien inzwischen digital deutlich besser ausgestattet. »Da hat sich auf jeden Fall etwas getan«, sagt der 19-Jährige. Schülerinnen und Schüler hätten am Montag teils in Videokonferenzen gelernt, teils Aufgaben für zu Hause bekommen. »Wie gut das läuft, hängt allerdings stark von der einzelnen Schule und der Lebenssituation der jeweiligen Schülerinnen und Schüler ab, das ist auch eine soziale Frage«, sagt Bala.
Kein Präsenzunterricht bedeutet jedenfalls nicht, dass Schülerinnen und Schüler automatisch eine Art zusätzlichen Ferientag haben. Besonders wichtig ist Bala dieser Punkt: »An den Schulen fällt andauernd Unterricht aus, weil Lehrerinnen und Lehrer fehlen. Die Personalnot ist groß. Der eine Tag macht den Braten auch nicht fett.«
Oliver Ziehm, Vorsitzender der Landeselternschaft der Gymnasien NRW
Elternvertreter Ziehm hat einen Vorschlag: »Jede Schule müsste mindestens einmal im Jahr verpflichtend einen Testlauf für Distanzunterricht absolvieren – so wie beim Probealarm, falls es brennt.« Bisher seien nicht alle Schulen gleichermaßen gut vorbereitet.
Gleiches gilt etwa in Niedersachsen. Hier zeigt sich: Spontaner Distanzunterricht ist flächendeckend nur bei berufsbildenden Schulen möglich. Bereits seit 2022 haben sie die Möglichkeit, 30 Prozent ihres Unterrichts online abzuhalten, wie das Kultusministerium mitteilt. Alle Schulen seien technisch und fachlich dazu in der Lage, die Jugendlichen hätten die entsprechenden Geräte.
In den übrigen Schulformen sieht es anders aus. Erst ab dem kommenden Schuljahr sollen ab Klasse 7 alle Schülerinnen und Schüler ein Tablet haben. Außerdem ist aus Sicht des Ministeriums gerade bei sehr jungen Schülern fraglich, ob sie dem Onlineunterricht eigenständig folgen können. Nicht alle hätten zu Hause die erforderliche Unterstützung.
Die Gewerkschaft GEW in NRW moniert insgesamt, für den Distanzunterricht müsste mehr Geld in die Hand genommen und bessere, nachhaltige Konzepte vorgelegt werden. Einheitliche, verbindliche Qualitätskriterien, klare didaktische Leitlinien und realistische Lernziele seien bislang nicht konsequent genug verankert.
