SpOn 22.02.2026
20:01 Uhr

Schöner schreiben: Ein rätselhafter Todesfall – und ein erster Satz für die Ewigkeit


Unser Kolumnist zeigt an Beispielen aus der Literatur, wie kraftvoll die deutsche Sprache sein kann. Folge 131: Perlen des Lokaljournalismus – aus der »Dithmarscher Landeszeitung«.

Schöner schreiben: Ein rätselhafter Todesfall – und ein erster Satz für die Ewigkeit

Nicht schlecht staunte der Briefträger für Kattrepel, als er auf seiner Auto-Tour in der Gastwirtschaft Meier in Kattrepel den Wirt tot am Stammtisch liegend fand.

– Dithmarscher Landeszeitung, 4. Januar 1979

Erinnert sich noch jemand an den »Katastrophenwinter« 1978/79? Halb Deutschland vereist, Dörfer ohne Strom, Babys, die in Hubschraubern zur Welt kamen? In Berlin fiel die Temperatur in der Silvesternacht auf minus 19 Grad, die »Tagesschau« begann ihre Neujahrsausgabe mit der Überschrift »Schnee-Chaos«.

Möglich, dass der Tod eines Gastwirts in einem kleinen Dorf an der schleswig-holsteinischen Westküste vor dieser Kulisse etwas unterging. Am Neujahrsmorgen war der Mann gefunden worden, am Silvesternachmittag hatten Nachbarn ihn noch gehört. Sehr rätselhaft, das alles.

Das Dorf Kattrepel liegt im Berichtsgebiet der »Dithmarscher Landeszeitung«, die seit mehr als 150 Jahren alles Wichtige festhält und auch manches Unwichtige. Möglich, dass der zuständige Redakteur nicht erreichbar war, jedenfalls ging der Auftrag, über den Todesfall eine Meldung zu verfassen, an einen freien Mitarbeiter.

Ausriss aus der »Dithmarscher Landeszeitung« vom 4. Januar 1979

Ausriss aus der »Dithmarscher Landeszeitung« vom 4. Januar 1979

Foto: DER SPIEGEL

Keine ganz einfache Aufgabe. Der Lokalreporter, ebenso übrigens wie der Lokalzeitungsleser, fürchtet ja zweierlei. Zum einen die Langeweile, die sich einstellt, wenn das Leben jahrein, jahraus vor allem Schützenfeste, Ratsversammlungen und Theaterabende in Mundart bereithält. Und zum anderen die Unterbrechung eben dieses Einerleis durch Ereignisse, die den langen ruhigen Fluss des Lebens hemmen oder gar umleiten.

Ein Toter am Neujahrsmorgen, das ist für jeden Schreiber erst mal ein Geschenk. Es kann aber auch eine Herausforderung sein. Einerseits muss die Geschichte zügig ins Blatt, andererseits soll sie sich unterscheiden von all dem Routinezeug, das sonst in der Zeitung steht.

Entscheidend ist der erste Satz, er gibt den Ton vor. Und natürlich soll er den Leser in die Geschichte ziehen, wie auch immer: mit einem Detail, einer Szene, einer Sentenz.

Zum Glück gibt es für solche Fälle die Phrase. Sie ist das Geländer, an dem sich der Schreiber festhalten kann. »Nicht schlecht staunte der Briefträger« ist so gesehen ein perfekter Anfang. Er verbindet die Routine mit dem Außerordentlichen.

Hätte der Autor geschrieben, der Briefträger habe angesichts des Toten gestaunt: Es hätte seine Wirkung verfehlt. Falsch gewesen wäre es überdies – denkbar in einer solchen Situation sind verschiedene Gemütszustände, das Staunen zählt eher nicht dazu.

Erst das »nicht schlecht« gibt dem Satz etwas Wagemutiges, beinahe Frivoles; als hätte sich ausgerechnet hier, am Stammtisch, eine Lebensbahn vollendet.

Schön zu sehen, wie der Autor dabei die Hauptsache (der Wirt ist tot) im Nebensatz verstaut, wie das Partizip (am Stammtisch liegend) aus der hässlichen Wahrheit beinahe ein Stillleben macht. Wie er danach die wenigen Fakten und die vielen offenen Fragen zu großen Formulierungen verbindet. Zweimal zuvor war der Gastwirt in seinem Lokal überfallen worden. »Sollte ihm das dritte Mal zum Verhängnis geworden sein?«

Dreizehn Zeilen sind es bis hierhin, das Wort »Verhängnis« ist glücklich untergebracht. Aber wie weiter? Hintergründe über das Leben des Toten? Zu viel Recherche, zu wenig Zeit. Details über die Bedeutung der Kneipe für das dörfliche Leben? Zu wenig Platz. Zwei kurze Spalten, mehr ist angesichts der Schneekatastrophe nicht vorgesehen.

Es folgt ein Satz von nahezu zeitloser Schönheit, man merkt ihm die Erleichterung darüber an, dass sich der Artikel jetzt wie von selbst schreibt: »Die Kripo Brunsbüttel wurde eingeschaltet, wie immer, wenn ein Gastwirt tot aufgefunden wird.« Die Kripo, heißt es weiter, nahm »auf Grund der Gesamtsituation« an, dass hier ein Verbrechen stattgefunden haben könnte.

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Das schöne Wort »Gesamtsituation« hat Bully Herbig später in seinem Film »Der Schuh des Manitu« ausreichend gewürdigt. Ranger, an den Marterpfahl gebunden, zu Abahachi: »Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden.«

Mal abgesehen davon, dass man gern ein wenig mehr über die Gesamtsituation erfahren hätte: Ist jemals ein herzerwärmendes Drama, das sich im toten Winkel der Weltgeschichte ereignet, mit kühlerem Verstand aufgeschrieben worden?

Verbrechen, die »stattfinden«, tote Gastwirte und ein Briefträger, der seine Post nicht loswird und darüber nicht schlecht staunt: keine Meldung, eher eine Prosaminiatur, alles ein wenig verrutscht, aber nicht zu sehr. Das Leben als Tragikomödie, bei insgesamt unklarer Gesamtsituation.

Und als Zugabe ein erster Satz für die Ewigkeit.