SpOn 19.02.2026
15:44 Uhr

Schachgroßmeister Jan Timman ist tot: »The Best of the West« mit 74 Jahren gestorben


Jan Timman war ein Bohemien. Statt zum Militär zu gehen, spielte er lieber Schach, landete dafür sogar im Straflager. Er reiste von Turnier zu Turnier und spielte am Ende sogar um die Weltmeisterschaft. Nun ist er gestorben.

Schachgroßmeister Jan Timman ist tot: »The Best of the West« mit 74 Jahren gestorben

Markenzeichen lange Mähne, gern mal eine Zigarette zwischen den Fingern und am Schachbrett stets forsch und furchtlos. Das war Jan Timman. Die Sowjetunion dominierte das Schach im 20. Jahrhundert, doch dahinter tummelten sich zahlreiche starke Großmeister aus Europa und Amerika. Einer davon war der Schach-Hippie aus den Niederlanden. Jan Timman stieg zur Nummer zwei der Welt auf, spielte sogar um den WM-Titel, als »The Best of the West«, als bester Schachspieler im Westen, wurde er berühmt. Nun ist Timman im Alter von 74 Jahren gestorben. Das teilt der niederländische Schachverband mit.

Der Weltschachverband Fide schrieb auf Instagram: »Als Anwärter auf den Weltmeistertitel und stärkster nicht-sowjetischer Spieler seiner Generation wurde Timman für seinen kreativen Stil, sein tiefgreifendes strategisches Verständnis und seinen Kampfgeist bewundert.«

Großmeister Peter Heine Nielsen, Trainer von Superstar Magnus Carlsen, schreibt bei X: »Timman bereicherte den Schachsport sowohl am als auch abseits des Brettes durch sein vielseitiges Spiel, seine Persönlichkeit und seine Texte.« Und Judit Polgár, die beste Schachspielerin der Geschichte , schreibt, sie habe Timman immer für seine künstlerische Vision im Schach respektiert.

Jan Timman (r.) bei einer Simultanveranstaltung 1979

Jan Timman (r.) bei einer Simultanveranstaltung 1979

Foto: piemags / IMAGO

Timman, der Schach-Bohemien

Timman wurde 1951 in Amsterdam geboren und lernte mit acht Jahren Schach. In dem Alter wurden andere Topspieler wie Garri Kasparow aus der Sowjetunion bereits als Wunderkinder bestaunt. Die Schule nahm Timman nicht sonderlich ernst, berichtete der SPIEGEL 1990. Mal übersprang er eine Klasse, dann musste er später eine Klasse wiederholen. An der Universität schrieb er sich als Student der Mathematik ein, betrat aber nie einen Hörsaal und las kein einziges Lehrbuch. Den Wehrdienst trat er nicht an, dafür musste er eineinhalb Wochen ins Straflager.

Nach dem Schulabschluss lebte Timman vom Schach, er war genügsam. »Geld war kein Problem«, erinnerte er sich. Er habe nicht viel verdient, aber wenig zum Leben benötigt. Timman galt als Bohemien, nicht so diszipliniert wie seine Konkurrenten aus der Sowjetunion. Über die ersten Jahre seiner Karriere sagte Timman dem SPIEGEL einmal: »Ich hätte sie besser nutzen können, um schon eher ein starker Spieler zu werden, aber ich bedaure nicht, dass ich es nicht getan habe.«

1974 wurde Timman Großmeister und gewann erstmals die niederländische Meisterschaft. Das sollte ihm in seiner Karriere noch achtmal gelingen. 1976 gewann er bei der Schach-Olympiade, dem wichtigsten Mannschaftswettkampf, Gold für die beste Einzelleistung am ersten Brett.

Jan Timman (r.) bei einer Partie gegen Wladimir Kramnik – damals wurde am Brett noch geraucht

Jan Timman (r.) bei einer Partie gegen Wladimir Kramnik – damals wurde am Brett noch geraucht

Foto: Kohlmeyer / IMAGO

Timman etablierte sich in der Weltspitze hinter den Topspielern seiner Zeit: Garri Kasparow und Anatoli Karpow, beide aus der Sowjetunion. 1982 stand er hinter Karpow sogar auf dem zweiten Platz der Weltrangliste.

1993 kam Timman dem Weltmeistertitel ganz nah. Nachdem der amtierende Weltmeister Kasparow aus dem Weltschachverband Fide ausgetreten war, durfte Timman im WM-Duell des Verbands gegen Anatoli Karpow antreten, verlor aber 8,5 zu 12,5.

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Timman führte ein Hippie-Leben

Timman gewann 1996 seine letzte niederländische Meisterschaft. An seine großen Erfolge konnte er später nicht mehr anknüpfen. Großen Einfluss auf die Schachwelt übte er jedoch als Chefredakteur des renommierten Fachmagazins »New in Chess« und als Autor mehrerer Schachbücher aus.

Timman sagte 2023, er bedauere es, nie Weltmeister geworden zu sein. Dafür aber, so Timman, hätte er seinen unkonventionellen Lebensstil aufgeben müssen. »Heute würde ich Schach nicht mehr als Beruf wählen«, sagte Timman damals der Zeitung NRC . »Die sitzen nur den ganzen Tag vor dem Computer. Es ist nicht mehr so, dass man herumreist und ein lustiges Leben führt, wie ich es getan habe. Es war ein Hippie-Leben, aber ich hatte immer ein Ziel vor Augen.«