SpOn 02.12.2025
13:28 Uhr

Sandro Wagner: Woran der Ex-Nationalspieler beim FC Augsburg gescheitert ist


Ex-Nationalspieler Sandro Wagner sollte den FC Augsburg auf seiner ersten Bundesliga-Trainerstation aus der Graumäusigkeit führen. Doch in nur fünf Monaten löste er eine Identitätskrise im Klub aus. Wie konnte es dazu kommen?

Sandro Wagner: Woran der Ex-Nationalspieler beim FC Augsburg gescheitert ist

Was von Sandro Wagner in Augsburg bleibt, nachdem der Trainer den Fußball-Bundesligisten am Montag hat verlassen müssen? Auf jeden Fall: die Kaffeemaschine und die Videowand.

Der Kaffeeautomat war Anfang Juli der erste kleine Aufreger gewesen, als Wagner, der ehemalige Assistenztrainer der Nationalmannschaft, seine Stelle beim FC Augsburg angetreten hatte. Der 38-Jährige ließ im Stadion ein neues Trainerbüro einrichten, etwas weiter weg von der Kabine der Mannschaft, damit diese das Gefühl bekomme, unter sich sein zu können.

Wagners Frau kaufte zur Verschönerung der Wände einige Wohnaccessoires bei Ikea. Der Cheftrainer erbat von seinem Arbeitgeber die Anschaffung einer Kaffeemaschine, weil er und seine engsten Mitarbeiter viel Zeit hier verbringen würden. Durch Augsburg waberte das Gerücht, das Gerät habe 4500 Euro gekostet . Wagner dementierte. Er habe lediglich um eine Grundversorgung mit Kaffee für das Trainerteam gebeten.

Fest steht aber: Es wurde keine Standardware angeschafft.

Die Videowand war ein Vielfaches teurer. Um die 100.000 Euro investierte der FCA in den Wunsch seines neuen Trainers, auf dem Übungsplatz so modern arbeiten zu können, wie er es vom DFB gewohnt war und wie es der FC Bayern tut. Auf dem Riesenscreen, der sogar über die Sichtschutzwände der Trainingsanlage hinausragte, konnte Wagner den Spielern erklären, was er von ihnen sehen wollte. Mit einem Spezialtransporter nahm der FC Augsburg den überdimensionierten Fernseher mit ins Trainingslager nach Österreich.

Das Ende des Glaubens

Für Augsburgs Geschäftsführer Michael Ströll, den Wagner »meinen CEO« nannte, war die Investition in Technologie letztlich der Beweis: Man hatte Wagner »nicht verpflichtet, um öfter in den Medien zu sein«, sondern weil man glaubte, er sei der Richtige, um den FCA im 15. bis 17. Jahr seines Erstligadaseins sportlich voranzubringen.

Die Vorgaben lauteten: attraktiverer Spielstil, Einbau von Spielern aus dem eigenen Nachwuchsleistungszentrum.

Auf drei Jahre war die Zusammenarbeit veranschlagt. Doch sie endete nach nur fünf Monaten, zwölf Bundesliga- und zwei DFB-Pokal-Partien. In der Liga schwebt der FCA in Abstiegsgefahr, der Traum vom Pokalfinale in Berlin endete in der zweiten Runde mit einer 0:1-Heimniederlage gegen den Zweitligisten VfL Bochum.

Nach dem 0:3 bei der TSG Hoffenheim am Samstag, bedingt durch eine dramatisch schlechte erste Hälfte des FCA, wich aus Wagner die letzte Kraft. Ströll und FCA-Sportdirektor Benjamin Weber vermissten in den am Sonntag und noch am Montag geführten Gesprächen »Glaube und Überzeugung, in der aktuellen Konstellation den Turnaround zu schaffen«.

Die Beziehung endete in einer Blitzscheidung. Der Vertrag wurde aufgelöst, der Verein dankte dem Trainer, »wichtige Prozesse angestoßen« zu haben. Wagner nannte die »Zusammenarbeit immer vertrauensvoll«.

Wagner an der Seitenlinie gegen Hoffenheim: »Wichtige Prozesse angestoßen«

Wagner an der Seitenlinie gegen Hoffenheim: »Wichtige Prozesse angestoßen«

Foto: Eibner-Pressefoto / Wolfgang Frank / Eibner / IMAGO

Dass die Trennung nun doch so schnell und resolut erfolgte, bestätigt jene, die von Beginn an geglaubt hatten, dass der extrovertierte Wagner, der sich selbst als »Alphatier« bezeichnet, und der schwäbische Bundesliga-Mittelständler grundsätzlich nicht zueinanderpassen würden.

Die Skeptiker identifizierten als Gefahr, dass jede Geschichte rund um den FC Augsburg als Wagner-Story gelesen würde. Dass eine Person größer wirken würde als der Verein, auch wenn sie das gar nicht anstrebt.

Die Augsburger Fans begrüßten Wagner zunächst mit freundlicher Neugier. Sportlich ließ es sich nicht schlecht an mit einem überraschenden 3:1-Erfolg beim SC Freiburg und einem Aufbäumen im ersten Heimspiel gegen Bayern München, das man beim 2:3 am Ende in Bedrängnis brachte.

Danach kamen jedoch die Niederlagen, blamabel wie das 1:4 gegen Mainz, deutlich wie das 0:6 gegen Leipzig. Wagner wurde nicht leiser, die Stimmung drehte sich. Es wurde registriert, dass der Trainer nach einer der Heimniederlagen nicht wie angekündigt (»Wenn wir gewinnen, sollen die Spieler hingehen, wenn nicht, stelle ich mich hin.«) vor die Fankurve trat. Zuletzt forderte die aktive Fanszene auf Transparenten gar die Klubführung zum Handeln auf und dazu, den »Personenkult« zu beenden.

Wagner im Sommertrainingslager mit dem FCA: Missglücktes Experiment

Wagner im Sommertrainingslager mit dem FCA: Missglücktes Experiment

Foto: kolbert-press / Christian Kolbert / IMAGO

Wagner war bedacht, keinen Anlass für diese Einstufung zu liefern. In seinen Pressekonferenzen ließ er frühere Flapsigkeiten (»Ich habe 8000 Ideen, wie wir spielen können«) weg und lobte die Arbeit, die andere im Verein verrichteten. Doch Teile der eigenen Kundschaft nahmen ihm das nicht ab, werteten das dezentere Auftreten des Trainers als Pose.

Frostige Stimmung

Vergangene Woche lud der FC Augsburg zur Ordentlichen Mitgliederversammlung. Präsidium und Geschäftsführung richteten sich im Windschatten des 1:0-Siegs über den Hamburger SV und dank guter wirtschaftlicher Rahmendaten (150 Millionen Euro Umsatz, 18 Millionen Euro Gewinn, Schuldenfreiheit, Mitgliederzahl über 30.660, dem Fassungsvermögen des Stadions) auf einen entspannten Abend ein.

Doch die Stimmung wurde als frostig beschrieben.

Die Entlastungen der Amtsträger erfolgten mit nur etwas mehr als 70 Prozent. Für Sandro Wagner und die Mannschaft gab es allenfalls Pflichtapplaus. Weitaus heftiger geklatscht wurde, als im Jahresbericht der Name Jess Thorup fiel. Den dänischen Trainer, der zwei Jahre lang den FCA aus dem Abstiegskampf herausgehalten hatte und trotzdem gehen musste, aber beim ägyptischen Großklub Al-Ahly einen lukrativen Nachfolgejob fand, hätten die Fans gern behalten.

Seine Beliebtheit wuchs mit jedem unansehnlichen Spiel unter Wagner.

Augsburg-Profi Dimitris Giannoulis (r.) nach dem 0:3 in Hoffenheim: Wirre Mannschaft

Augsburg-Profi Dimitris Giannoulis (r.) nach dem 0:3 in Hoffenheim: Wirre Mannschaft

Foto: kolbert-press / Martin Agüera / IMAGO

Spätestens da bemerkten die Augsburger Funktionäre, dass sie mit Wagners Verpflichtung eine Identitätskrise ausgelöst hatten.

Der Hauptgrund für die Trennung aber lag im schwindenden Glauben an Wagners sportliche Kompetenz, ein möglicher Verlauf der Geschichte, den sie ausgeschlossen hatten. Denn der ehemalige Nationalspieler galt doch als die heißeste Traineraktie Deutschlands, hochgelobt vom DFB, von Bundestrainer Julian Nagelsmann, von Nationalspielern.

Auch die Augsburger Profis standen in gutem Einvernehmen mit dem noch jungen Wagner. Nach seiner Vertragsunterschrift hatte er jeden aus dem Kader angerufen, auch offensiv um Zugänge wie Fabian Rieder geworben. »Sandro kommt extrem übers Menschliche«, lobte etwa Marius Wolf, einer der erfahrenen Akteure im Kader.

Schlechtester Punkteschnitt

FCA-Chef Ströll ging bewusst ein Transferminus ein, um Wagner eine gute Personalauswahl zu bieten. Im Jahr zuvor hatte Vorgänger Jess Thorup die Kreativkräfte Ermedin Demirovic (VfB Stuttgart), Arne Engels (Celtic) und im Winter Rubén Vargas (FC Sevilla) abgeben müssen, weil der Klub Kasse machen wollte. Wagner bekam alle Wünsche erfüllt, ein Angebot aus Stuttgart für den Franzosen Alexis Claude-Maurice, bester Torschütze 2024/25, wurde abgelehnt.

Der neue Trainer brauchte einen eingespielten Stamm nur weiterzuentwickeln. Wagner gelang das nicht.

Die Mannschaft spielte wirr. Der Trainer, selbst Mittelstürmer gewesen, setzte auf ein System mit einer falschen Neun, doch seine »Zocker«, die er in der Offensive aufbot, fanden keine finale Anspielstation. Und der FCA wurde in unschöner Regelmäßigkeit ausgekontert. Von zwölf Bundesligaspielen gewann Wagner nur drei (Freiburg, Wolfsburg, Hamburg). Mit nur 0,83 Zählern pro Spiel hatte Wagner den schlechtesten Punkteschnitt aller Augsburger Bundesliga-Trainer .

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Wagners Ambition ist es, als Trainer Trophäen zu gewinnen. Er war in Augsburg mit einer stattlichen Entourage angetreten, sogar mit einem persönlichen Assistenten, David Binder, den er aus seiner Zeit beim Fernsehsender Dazn kannte und der vom FCA offiziell als »Co-Trainer Individual« eingestellt wurde. Binders Aufgabe bestand wohl aber auch darin, Wagners Tagesablauf außerhalb des Trainings zu planen.

In Augsburg wirkte Wagner nach wenigen Wochen nur noch wie eine Karikatur eines Toptrainers. Er lehnt Anglizismen eigentlich ab, flüchtete sich aber immer wieder in den Begriff der »Learnings«, die man mache, er redete wolkig von »Inhalten«, »Themen« oder von »Crossflanken in der Box«, wenn er vertuschen wollte, dass sein Team sich keine Torchancen erspielt hatte.

Den FC Augsburg muss das missglückte Experiment mit Wagner aber nicht gleich um Jahre zurückwerfen.

Man hatte den Neuanfang mit dem Trainer im Sommer damit verknüpft, die sportliche Führung neu aufzustellen. Manuel Baum, der 2016 in einer ähnlich verfahrenen Situation Dirk Schuster abgelöst hatte und sich über zwei Jahre als Cheftrainer hielt, ist seit Juli 2025 nach Stationen beim DFB, Schalke 04 und RB Leipzig, zurück, nun als »Leiter Entwicklung & Fußballinnovation«. Er wird die Mannschaft bis Jahresende in den Spielen gegen Leverkusen, Frankfurt und Bremen übernehmen.

Baum ist ein Taktiknerd, für die Videowand wird er Verwendung finden. Und da er einmal sagte, er investiere in die Vorbereitung eines Spiels 100 Stunden, wird er auch Kaffee brauchen. Es ist alles da.