SpOn 24.11.2025
14:09 Uhr

SWK-Gutachten: Was gegen die hohen Krankenstände bei Erzieherinnen helfen soll


Erzieherinnen und Erzieher melden sich deutlich häufiger krank als andere Arbeitnehmer. Die Politik soll sich mehr um ihre Gesundheit kümmern, fordert ein Expertengremium. Sinkende Geburtenraten eröffnen demnach neue Spielräume.

SWK-Gutachten: Was gegen die hohen Krankenstände bei Erzieherinnen helfen soll

Die Geburtenrate ist rückläufig, die Kinderzahlen sinken, und so schließen in einigen Regionen Deutschlands die ersten Kitas. Hat sich die Klage über Personalnot und überfüllte Gruppen in vielen Einrichtungen damit bald erledigt? Aus der Wissenschaft kommen aktuell deutliche Signale, nicht die falschen Konsequenzen aus den Zahlen zu ziehen.

An diesem Montag hat die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK), ein Beratungsgremium der Kultusministerkonferenz, in einem einschlägigen Gutachten gefordert, mehr Ressourcen in die Gesundheitsförderung von Erzieherinnen und Erziehern zu stecken. Ziel ist, den Teufelskreis aus Personal- und Fachkräftemangel und Krankmeldungen zu durchbrechen.

»Viele Einrichtungen sind von hoher Personalfluktuation und überdurchschnittlich hohen Krankenständen betroffen, häufig bedingt durch psychische Belastungen«, heißt es in der Stellungnahme der SWK. Die vielen Probleme führten zu einer »zunehmenden Instabilität im System«: Das gefährde nicht nur die Verlässlichkeit der Betreuung, sondern wirke sich auch negativ auf die pädagogische Qualität  aus.

»Gerade junge Kinder leiden unter wechselnden Bezugspersonen und instabilen Betreuungssettings«, mahnt das Expertengremium. Auch für Familien, die auf die Betreuung angewiesen sind, seien etwa eingeschränkte Öffnungszeiten wegen hohen Krankenstands belastend.

Die sich abzeichnende Entwicklung bei den Kinderzahlen erlaubt den Wissenschaftlern zufolge eine »demografische Rendite«. Das bedeutet: Personelle Ressourcen, die rein rechnerisch frei werden, wenn künftig weniger Kinder betreut werden müssen, sollten genutzt werden, um die Arbeitsbedingungen und damit die Gesundheit der Kitabeschäftigten zu verbessern.

Konkret schlagen die Fachleute folgende Maßnahmen vor:

  • Hohe Krankenstände und Fluktuation müssen realistisch in die Berechnung des Personalschlüssels einbezogen werden. Es soll also mehr berücksichtigt werden, wie viele Kinder eine Erzieherin rechnerisch tatsächlich im Alltag betreut – und nicht nur auf dem Papier.

  • Erzieherinnen und Erziehern soll Zeit für nicht pädagogische Arbeit freigeräumt werden, etwa für Fort- und Weiterbildungen, für die Vor- und Nachbereitung der pädagogischen Arbeit mit den Kindern sowie für die Zusammenarbeit mit Eltern.

  • Gesundheitsförderung, Selbst- und Emotionsregulation sollten als zentrale professionelle Kompetenzen regelmäßig durch Fort- und Weiterbildung gestärkt werden, heißt es in dem SWK-Gutachten weiter.

  • Langfristig sollen »weitere aktive Karrierewege jenseits der klassischen Rollen« als Gruppenerzieherin oder Kitaleitung geschaffen werden.

Ziel ist laut SWK, dass pädagogische Fachkräfte langfristig im Bildungssystem gehalten werden können; und zwar nicht nur für den Einsatz in der frühkindlichen Bildung.

Aufgrund sinkender Geburtenraten werde sich der Personalmangel in den Kitas voraussichtlich zeitnah deutlich entschärfen, schreibt das Gremium. Aber: Ab dem kommenden Schuljahr bestehe für alle Erstklässlerinnen und Erstklässler ein Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung. Dies werde zu einem weiteren Personalbedarf führen; vor allem in Westdeutschland.

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Laut einer Auswertung der Krankenkasse DAK für das Jahr 2023 meldeten sich Beschäftigte in der Kinderbetreuung und -erziehung im Jahr 2023 im Schnitt an knapp 30 Tagen arbeitsunfähig. Mit Blick auf alle Berufsgruppen kommt die Auswertung auf einen Durchschnittswert von rund 20 Tagen.

Kurz vor der Veröffentlichung des SWK-Papiers hatte der Bildungsökonom Dieter Dohmen im SPIEGEL davor gewarnt, Kitaplätze vorschnell abzubauen. Sinkenden Zahlen bei den unter Dreijährigen stehe in vielen Bundesländern eine steigende Nachfrage bei den drei- bis fünfjährigen Kindern sowie den Schulkindern gegenüber. Details lesen Sie hier.

fok/dpa