Vor zwei Jahren starb der russische Oppositionspolitiker und Putin-Kritiker Alexej Nawalny in einem russischen Straflager am Polarkreis. Russische Ermittler gaben als Todesursache des damals 47-Jährigen eine »Kombination von Krankheiten« an. Die Zweifel an diesem Befund waren von Anfang an erheblich.
Früh gab es Gerüchte über eine erneute Vergiftung von Nawalny, jetzt bestätigen sie sich: In Gewebeproben von Nawalny ist nach SPIEGEL-Informationen Epibatidin nachgewiesen worden. Dabei handelt es sich um einen hochtoxischen Stoff, der in Pfeilgiftfröschen vorkommt. Die Proben für den Nachweis wurden offenbar heimlich von Nawalnys Leiche genommen und aus Russland hinaus in den Westen geschmuggelt.
Entsprechende Erklärung geplant
Fünf Staaten wollen an diesem Samstag am Rand der Münchner Sicherheitskonferenz eine entsprechende Erklärung veröffentlichen, der zufolge Nawalny mit hoher Sicherheit vergiftet worden ist. Bei den Staaten handelt es sich um Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Schweden und die Niederlande. In Laboren in verschiedenen europäischen Staaten ist in Gewebeproben von Nawalnys Leiche Epibatidin nachgewiesen worden.
In der Erklärung machen die Staaten Russland und damit Präsident Wladimir Putin direkt für den Tod von Nawalny verantwortlich. Demnach hätten nur der Kreml und seine Geheimdienste die Möglichkeit gehabt, Nawalny in dem Hochsicherheitsgefängnis zu vergiften. Zudem habe nur der Kreml ein Motiv gehabt, den Oppositionsführer gewaltsam zum Schweigen zu bringen.
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Bereits im vergangenen Jahr hatte Julija Nawalnaja, die Witwe Nawalnys, entsprechende Vergiftungs-Vorwürfe gegen Russland erhoben und sich dabei auf »ausländische Laborbefunde« berufen. Welches Gift damals gefunden worden sein soll, sagte sie nicht, forderte aber eine Veröffentlichung der Untersuchungsergebnisse.
Bereits 2018 war die Britin Dawn Sturgess durch das Nervengift Nowitschok getötet worden. Die 44-Jährige starb im britischen Salisbury, ursprüngliches Anschlagsziel war der russische Doppelagent Sergej Skripal.
Zwei Jahre später verübte der russische Geheimdienst FSB mit Nowitschok einen Anschlag auf Alexej Nawalny. Er wurde damals durch Ärzte der Berliner Charité gerettet. DER SPIEGEL und seine Partner Bellingcat und The Insider hatten die Täter damals überführt.
Die fünf Staaten, die Nawalnys Vergiftung an diesem Samstag öffentlich anprangern wollen, wollen sich mit ihren Ergebnissen zudem an die Chemiewaffen-Verbotsorganisation OPCW wenden. Russland habe seine Chemiewaffen entgegen entsprechender Abkommen nicht vernichtet, hieß es.
Die Verkündung der neuen Erkenntnisse soll auch ein Symbol senden. Als Nawalny vor zwei Jahren starb, schockierte die Nachricht die Teilnehmer am ersten Tag der Münchner Sicherheitskonferenz.
(Mehr über das Leben und Sterben von Alexej Nawalny lesen Sie hier.)
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Textversion war der Name des Gifts falsch geschrieben – es heißt Epibatidin. Wir haben den Fehler korrigiert.
