Als er im Krankenhaus lag, hat er seinen Eltern versprochen, nie wieder in seinem Leben eine Abfahrt zu bestreiten. Dieses Versprechen wird Aleksander Aamodt Kilde brechen.
Fast zwei Jahre lang hat der norwegische Skistar mehr Zeit mit Ärzten als mit Trainern verbracht. Zwischenzeitlich ging es um Leben und Tod. Heute feiert er im US-amerikanischen Copper Mountain sein Comeback. Es ist, man muss vorsichtig mit dem Wort umgehen, ein kleines Wunder.
Sinn und Irrsinn
Es handelt sich zwar noch nicht um eine Abfahrt. Kilde startet in Copper Mountain beim Super-G, das Tempo ist dort etwas geringer. Aber die Abfahrt wird für Kilde kommen, das ist nur eine Frage der Zeit. Er habe »erkannt, dass mein Sinn das Skifahren ist«, sagt der 33-Jährige. Sinn und Irrsinn gleichermaßen.
Am 13. Januar 2024 jagte Kilde die Lauberhorn-Abfahrt in Wengen herunter. Die Strecke ist ebenso berühmt wie berüchtigt durch ihre ungewöhnliche Länge von mehr als viereinhalb Kilometern, Traverse, Hundschopf, Minsch-Kante, Hanneggschuss, legendäre Teilstücke, ein Mythos. Kilde hatte dort zuvor schon zweimal gewonnen, 2022 und 2023. Er war damals bereits ein Superstar der Szene.
Kildes Sturz in Wengen im Januar 2024
Foto: GEPA pictures / Mathias Mandl / IMAGOAber an diesem Tag kam er kurz vor dem Ziel zu Fall. Er krachte mit Tempo 100 in die Fangzäune, blieb liegen. So begann seine Leidenszeit.
Die Ärzte diagnostizieren eine Luxation der linken Schulter, zudem hat Kilde sich beim Verhaken in den Fangzäunen tiefe Schnittwunde in der Wade zugezogen. Er hatte dabei viel Blut verloren, dennoch klingt das gar nicht so dramatisch, wie es dann wurde.
Zeitweilig im Rollstuhl
Immer wieder musste Kilde operiert werden, zeitweilig konnte er sein Bein nicht mehr bewegen, weil Nervenstränge verletzt worden waren. Seine Zehen waren gelähmt, er saß im Rollstuhl. Die Heilung in der Schulter ging einfach nicht voran, eine Entzündung hatte sich in die Muskulatur gefressen, eine drohende Blutvergiftung machte eine Not-OP im Juli 2024 notwendig. »Es war ein Albtraum«, sagt Kilde heute.
So soll man ihn künftig wieder auf den Pisten sehen
Foto: GEPA pictures / Mario Buehner-Weinrauch / IMAGO»Das war ein lebensbedrohlicher Moment«, sagt eine, die am besten weiß, wie es ist, in diesem Sport mit Rückschlägen umzugehen. Mikaela Shiffrin ist nicht nur die derzeit beste und erfolgreichste Skifahrerin der Welt, sie ist auch die Kildes Verlobte. Und Shiffrin hat selbst erfahren, wie schwer es ist, nach Stürzen zurückzukommen.
Aleksander Aamodt Kilde über seine Verlobte Mikaela Shiffrin
Als Kilde noch mit den Folgen seiner Verletzungen kämpfte und gerade den gesamten Weltcupwinter 2024/25 abgeschrieben hatte, stürzte Shiffrin im November 2024. Sie zog sich Stichwunden und Hämatome zu. Danach kämpfte sie gegen Panikattacken. Beide haben das gemeinsam verarbeitet, sagt Kilde. »Sie war mein Fels in der Brandung, ich habe sie mehr denn je gebraucht.«
Alpinstar Kilde: Spitzensportler sind so
Foto: Cornelius Poppe / NTB / IMAGOShiffrin ist glanzvoll zurück, hat in der Zwischenzeit ihren 100. Weltcup-Erfolg gefeiert, ist unangefochten in den neuen Winter gestartet. Jetzt will Kilde nachziehen und hat auch gleich das große Ziel ausgegeben: Olympia in Mailand und Cortina im kommenden Februar wäre »das i-Tüpfelchen«, sagt er.
Es wäre seine vierte Olympia-Teilnahme, aus Peking 2022 kehrte er mit einer Silber- und einer Bronzemedaille zurück. Gold fehlt in seiner Sammlung noch. Normalerweise würde man sagen: Das wäre angesichts dieser Verletzungsgeschichte vermessen.
Aber was ist schon normal, wenn man sich so zurückkämpft?
Probleme auf ewig
Kilde sagt, er werde vermutlich »für immer« mit Problemen in der Schulter zu tun haben. Die ideale Abfahrtshocke einzunehmen, den linken Arm in die optimale Position zu bringen, fällt ihm weiterhin schwer.
Und dennoch verkündete er bei Instagram: »Ich fühle mich fokussiert, bereit und entschlossener denn je, meine Grenzen auszuloten.«
Man kann das unvernünftig nennen, nach so einer Verletzungsgeschichte, aber Spitzensportler sind so. Österreichs Ski-Held Marcel Hirscher hatte schon aufgehört mit dem Skisport, fing dann wieder an, riss sich das Kreuzband – und arbeitet jetzt erneut, mit 36, am Comeback.
21 Weltcuprennen hat Kilde in seiner Laufbahn bisher gewonnen, darunter zweimal die ikonische Abfahrt von Kitzbühel. Er war Gesamtweltcupgewinner 2020, bei der WM 2023 erkämpfte er sich zwei Silbermedaillen.
Doch den größten Sieg seiner Karriere hat er erst jetzt errungen. Heute um 19 Uhr deutscher Zeit, wenn er im Starthaus in Cooper Mountain steht und er nach 700 Tagen wieder auf die Piste zurückkehrt.
