SpOn 17.12.2025
14:18 Uhr

Rosa von Praunheim ist tot: Filmemacher und LGBTQ-Aktivist offenbar gestorben


»Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt«: Mit diesem Film wurde Rosa von Praunheim zum Wegbereiter der modernen Schwulenbewegung in Deutschland. Nun ist der Regisseur laut Medienberichten gestorben. Er wurde 83 Jahre alt.

Rosa von Praunheim ist tot: Filmemacher und LGBTQ-Aktivist offenbar gestorben

Er war eines der prominentesten Gesichter der LGBTQ-Bewegung in Deutschland. Nun ist Rosa von Praunheim in der Nacht zum Mittwoch im Alter von 83 Jahren gestorben, wie der Deutschen Presse-Agentur aus seinem persönlichen Umfeld bestätigt wurde. Zuvor hatten mehrere Medien berichtet, zuerst der »Stern« . Der Regisseur drehte über 150 Filme, kurze wie lange, oft zu queeren Themen. Berüchtigt war er dafür, prominente Zeitgenossen zu outen. Vor wenigen Tagen hatte er seinen langjährigen Lebensgefährten Oliver Sechting geheiratet.

Rosa von Praunheim kam am 25. November 1942 im lettischen Riga als Holger Radtke zur Welt. Er verbrachte sein erstes Lebensjahr in einem Waisenhaus, ein aus Ostpreußen stammendes Ehepaar adoptierte ihn, so dass er dann als Holger Mischwitzky am Rande Berlins in Teltow-Seehof aufwuchs. 1953 flohen seine Adoptiveltern mit ihm aus der DDR nach Frankfurt am Main.

Aktivist und Regisseur Rosa von Praunheim: Schlagzeilen und Aufreger

Aktivist und Regisseur Rosa von Praunheim: Schlagzeilen und Aufreger

Foto: Valdmanis / United Archives / picture alliance

Nach abgebrochenem Gymnasium und abgebrochener Lehre studierte er in Offenbach und West-Berlin Kunst. Das Pseudonym Rosa von Praunheim nahm er in den Sechzigerjahren an, in Erinnerung an den »Rosa Winkel«, den Homosexuelle im KZ tragen mussten.

1967 entstanden ein erstes Buch und sein erster Kurzfilm »Von Rosa von Praunheim« über die soziale Situation eines Dienstmädchens, den er an den Hessischen Rundfunk verkaufen konnte. In der Folge drehte Praunheim experimentelle Kurzfilme, unter anderem mit Werner Schroeter.

Sein erster größerer Spielfilm war 1970 »Die Bettwurst«, die campe Liebesgeschichte zwischen Luzi, einem einsamen ältlichen Mädchen, und Dietmar, einem Jungen aus dem Kriminellenmilieu.

Großes Aufsehen erregte Praunheims Filmdokumentation »Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt« (1971), die erst 1973 in der ARD gezeigt wurde. Der Bayerische Rundfunk schaltete sich aus der Ausstrahlung aus. Mit diesem Film brachte Praunheim als erster Filmemacher das verdrängte Thema Homosexualität in die öffentliche Diskussion und wurde damit einer der Wegbereiter der modernen Schwulenbewegung in Deutschland.

Szene aus »Nicht der Homosexuelle ist pervers …«

Szene aus »Nicht der Homosexuelle ist pervers …«

Foto: WDR / dpa

Weitere Filme von Rosa von Praunheim trugen Titel wie »Ich bin ein Antistar – das skandalöse Leben der Evelyn Künneke«, »Rote Liebe«, »Ich bin meine eigene Frau«, »Can I Be Your Bratwurst, Please?« oder »Männer, Helden, schwule Nazis«. Manches waren Spielfilme, manches war dokumentarisch. Themen waren die Schauspielerin Lotti Huber, der Sexualforscher Magnus Hirschfeld oder der Filmemacher Rainer Werner Fassbinder. In »Meine Mütter – Spurensuche in Riga« erforschte er seine eigene Kindheit.

Schlagzeilen machte Rosa von Praunheims »Aids-Trilogie«. Dazu gehörten die Filme »Schweigen = Tod« (1989; im Fernsehen unter dem Titel »Die schwule Wut«) und »Positiv« (1990), für die er seinen ersten Teddy Award bei der Berlinale erhielt.

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Als Mittel gegen die Diskriminierung der Homosexualität in der Öffentlichkeit enttarnte der Regisseur in der RTL-Talkshow »Explosiv« im Dezember 1991 verschiedene Prominente (Hape Kerkeling und Alfred Biolek ) als homosexuell, mit der Aufforderung, sich öffentlich dazu zu bekennen. Diese umstrittene Aktion rechtfertigte er später im SPIEGEL  als »Verzweiflungsschrei auf dem Höhepunkt der Aids-Krise«.

2014 erhielt Rosa von Praunheim den Special Teddy Award und ein Jahr später das Bundesverdienstkreuz. Größere Beachtung fand sein im Kino und in der ARD gezeigter Film »Rex Gildo - Der letzte Tanz« (2022) über den Schlagersänger, der zeitlebens seine Homosexualität verleugnete und auf dem Höhepunkt seiner Karriere einen tiefen Absturz erlitt. Auch darüber hinaus blieb Praunheim sehr aktiv, er malte und schrieb auch (»Hasenpupsiloch: eine unanständige Geschichte«).

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Am Freitag gaben sich Rosa von Praunheim und sein langjährigen Partner Oliver Sechting das Jawort. »Wir haben im Kreis enger Freunde und Weggefährten geheiratet, nachdem ich ihm im September einen Heiratsantrag gemacht hatte«, schrieb von Praunheim.

Liebespaar Sechting und von Praunheim (2012): »Fest der Liebe«

Liebespaar Sechting und von Praunheim (2012): »Fest der Liebe«

Foto: Anita Bugge / WireImage / Getty Images

Der Vorsitzende des Kulturausschusses des Bundestags, Sven Lehmann (Grüne), schrieb in einer Stellungnahme, sein Herz sei »voller Trauer und voller Dankbarkeit. Noch vor wenigen Tagen durfte ich bei Rosas Hochzeit dabei sein, ein wunderbares Fest der Liebe. Sein Tod ist ein großer Verlust.« Generationen schwuler Männer und queerer Menschen verdankten Praunheim viel, so Lehmann. Sein Film habe »nicht weniger als die deutsche Homosexuellen-Bürgerrechtsbewegung in Gang gesetzt.« Auch während der AIDS-Krise habe Rosa von Praunheim »früh zu Safer Sex aufgerufen und damit vielleicht vielen Menschen das Leben gerettet.«

Dem SPIEGEL erzählte  Praunheim 2023 vom Wohnen zu dritt »mit meinem Ex, mit dem ich seit 45 Jahren zusammenarbeite. Für mich ist das eine ideale, harmonische Familie.« Manchmal sei er melancholisch, habe keine Lust, alt und krank zu werden, und freue sich auf meinen Tod. »Nach 150 Filmen hätte ich Ruhe im Alter verdient. Trotzdem habe ich noch 1000 Pläne. Auch aus finanziellen Gründen, denn meine Arthouse-Filme bringen nicht genug Geld.«

feb/dpa