Bislang wird in der Bundesregierung bei der Rente in erster Linie darüber diskutiert, ob es weiterhin auf eine Altersgrenze ankommen sollte – oder, wie vom SPD-nahen Ökonomen Jens Südekum gefordert, nicht lieber auf die Zahl der Beitragsjahre ankommen sollte. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Nicklas Kappe hat nun aber noch eine weitere Möglichkeit ins Spiel gebracht.
Bei der Rente solle zwischen verschiedenen Berufen unterschieden werden, verlangte das Mitglied der sogenannten Jungen Gruppe in der Unionsfraktion. »Wir werden nicht darum herumkommen, zwischen verschiedenen Berufsgruppen zu differenzieren. Ich fange jetzt nicht mit dem sprichwörtlichen Dachdecker an – aber wir müssen schauen, welche Berufsgruppen aus welchen Gründen länger arbeiten können als andere«, sagte Kappe der »Welt «.
Ansätze, die ausgeübte Tätigkeit beim Rentensystem zu berücksichtigen, um schwere körperliche oder psychische Belastungen zu würdigen, gibt es in anderen Ländern schon länger. In Österreich oder Ungarn wird dies etwa bereits bei der Rente berücksichtigt. So soll hart arbeitenden Menschen, die oft ärmeren Schichten angehören, ermöglicht werden, in Rente zu gehen, anstatt weiterarbeiten zu müssen. Dass dabei pauschal bestimmte Berufsgruppen privilegiert werden, ist unter Forschern jedoch umstritten, weil nicht alle Angehörigen eines Berufs gleich belastet sind. Als Alternative wäre ein Punktesystem für die Schwere der Arbeit denkbar.
Kappe sieht Akademiker nicht benachteiligt
Trotz seines Vorstoßes, zwischen Berufsgruppen zu differenzieren, zeigte sich CDU-Politiker Kappe auch offen gegenüber einem Modell, das die Zahl der Beitragsjahre in den Blick nimmt. »Richtig ist, stärker auf die Jahre zu schauen, die jemand eingezahlt hat. Wer mit 18 in die Ausbildung geht und ab da im Beruf steht, sollte das angerechnet bekommen gegenüber jemandem, der erst mit 25 oder 28 einsteigt«, sagte er.
Kappe gehört als Mitglied der jungen Gruppe jenem Zusammenschluss an, der gegen das viel diskutierte Rentenpaket im Bundestag opponiert hatte. Die sogenannten Rentenrebellen hatten sich aus Sorge um die Rentenhöhe für die junge Generation in der Zukunft gegen die jüngsten Koalitionsbeschlüsse zur Alterssicherung gestellt. Im Bundestag brachte Kanzler Friedrich Merz (CDU) die jüngsten Reformen trotzdem durch .
Südekums Vorstoß erhielt auch Zuspruch von der sozialdemokratischen Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas und dem SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf, aber auch Kanzler Friedrich Merz (CDU) und CSU-Chef Markus Söder zeigten sich offen für die Idee. »Das ist durchaus erwägenswert«, sagte er in der ARD-Sendung »Arena«. Er wolle aber den Ergebnissen einer Gesamtreform der Alterssicherung nicht vorgreifen und nicht über einzelne Punkte diskutieren.
Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände lehnte den Vorschlag hingegen ab. »Der von Bas unterstützte Vorschlag eines einzelnen Beraters ist eine Neuauflage der ›Rente mit 63‹ unter einer neuen Überschrift. Dieses war falsch, bleibt falsch – und wird auch zukünftig unter einer neuen Überschrift falsch«, sagte BDA-Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter mit Blick auf die abschlagsfreie Rente nach 45 Versicherungsjahren.
Befürchtungen, dass durch einen Fokus auf die Beitragsjahre Akademiker benachteiligt sein könnten, teilt CDU-Politiker Kappe derweil nicht. »Die meisten, die ich kenne, arbeiten spätestens ab dem Bachelorabschluss, häufig schon im Masterstudium. Dass solche Zeiten angerechnet werden, finde ich richtig.« In vielen akademischen Berufen sei es zudem möglich, länger zu arbeiten.
Union und SPD hatten sich in einem Koalitionsausschuss darauf geeinigt, dass die angekündigte Rentenkommission für eine neue, grundlegende Reform unter anderem die Einbeziehung weiterer Gruppen in die gesetzliche Rente prüfen soll. Auch eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit über 67 hinaus soll geprüft werden. Für die Union sind Beamte in der Rentenversicherung bisher ein Tabu, für die SPD ist bisher längeres Arbeiten nicht akzeptabel.
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