Auch die Chronik eines angekündigten Todes kann eine überraschende Pointe bereithalten. Seit Wochen coachte Xabi Alonso bei Real Madrid in jedem Spiel gegen die drohende Entlassung, doch nach einer knappen 2:3-Niederlage in einem umkämpften Supercup-Finale gegen den FC Barcelona schien erst mal wieder so etwas wie Ruhe einzukehren. Ja, es gab sogar etliche Klubkenner, die angesichts der zuvor erwarteten Demontage einen moralischen Sieg gesehen haben wollten.
Präsident Florentino Pérez, anwesend beim Finale in Dschidda, gehörte offenkundig nicht zu dieser Gruppe. Zurück in Madrid wurde Alonso am späteren Montagnachmittag zu einer Krisensitzung einbestellt, bei der ihm nachdrücklich nahegelegt wurde, seinen Abgang zu akzeptieren. Wie es so ist in solchen Fällen: Die Alternative wäre die Entlassung gewesen. So aber durfte der Klub im folgenden Kommuniqué von einem Abschied »in beidseitigem Einvernehmen« schreiben.
Es war die letzte Konzession eines Trainers, der im Rekordtempo auf Zwergengröße geschrumpft ist. Oder sich auf sie hat schrumpfen lassen.
Mannschaft und Fans überrumpelt
Xabi Alonso kam im Sommer 2025 als hochbegehrter Coach von Bayer Leverkusen zu Real, als angehender Epochentrainer, als historischer Glücksfall für einen Verein, dem er schon als Spieler gedient hatte. Nun geht er als einer, der kurz gewogen und dann für zu leicht befunden wurde für den Weltklub Real Madrid.
Keine Identität im Spielstil, keine Autorität in der Kabine, keine Message im Pressesaal: Alonsos Scheitern umfasst alle Kategorien des Trainerhandwerks. Angesichts seiner unstrittigen, zuvor in Leverkusen demonstrierten Qualitäten ist kaum eine andere Schlussfolgerung möglich als jene, dass er der falsche Mann am falschen Ort war. Wer der Richtige sein kann? Zum Nachfolger wurde Álvaro Arbeloa berufen, ebenfalls Ex-Klubprofi, zuletzt Coach der zweiten Mannschaft und Protegé von Pérez. Der Optimismus unter den Fans hält sich so weit in Grenzen.
Trainer Alonso, Stürmer Mbappé: Machtverhältnisse geklärt
Foto:Jon Super / AP / dpa
In Umfragen zeigte sich eine Mehrheit der Anhänger überrumpelt von Alonsos Entlassung zu diesem Zeitpunkt. Genauso ging es offenbar der Mannschaft, die erst durch Reals Pressemitteilung von der Trennung erfahren haben soll. Schon diese Umstände zeigen, was ein Trainer gilt im Imperium der Galaktischen: etwa so viel wie ein Nagel, den es halt irgendwie braucht, um das opulente Gemälde an die Wand zu schlagen. Aber den man am besten gar nicht sieht und für den man in der Schachtel notfalls jederzeit einen neuen findet.
Seit einer Spätherbstserie mit zwei Siegen aus acht Spielen wirkte der in der Bundesliga noch gefeierte Trainer wie ein beliebiger Coach in der Krise. Alonso verkündete Durchhalteparolen und versprach Fortschritte, ohne eine Idee davon zu vermitteln, woher diese kommen sollen. Am Ende klammerte er sich so sehr an sein Amt, dass er es mit einem Fußball zu retten versuchte, der mit seinen Überzeugungen und den dominanten Darbietungen seiner Leverkusener Elf nichts mehr zu tun hatte. Xabi Alonso war vom Zauberer zum Zauderer verkommen.
Die Rolle von Vinícius
Der Trend kulminierte in der Supercup-Woche. Real versuchte gar nicht mehr, den Partien einen eigenen Stempel aufzudrücken. Man stellte sich hinten rein, bolzte Bälle nach vorn und hatte dort halt glücklicherweise ein paar bessere Stürmer als der Klub von nebenan. Gegen Atlético im Halbfinale reichte es dank Rodrygo zu einem 2:1-Sieg, nach dem Kapitän Federico Valverde einräumte, der Stadtrivale habe »viel besser gespielt als wir«. Gegen Barça erwischte dann Vinícius seinen besten Abend seit Monaten und verhalf seiner Elf so zur Gesichtswahrung.
Stürmer Vinícius: Den Trainer demontiert
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Vinícius, ausgerechnet: Der Spieler, der Alonso wie kein anderer demontiert hatte, als er ihm Ende Oktober bei seiner Auswechslung im Liga-Clásico wüste Flüche entgegenwarf – und sich drei Tage später bei allen für seine Überreaktion entschuldigte, außer beim Trainer. Es war ironisch, dass er Alonsos Leben im Klub nun beinahe noch verlängert hätte. Und folgerichtig, dass es am Ende doch nicht passierte.
Für Präsident Pérez gleicht es purer Folter, Titelgewinnen des Erzrivalen Barcelona beiwohnen zu müssen. Auch der Supercup zählt in Spanien dabei zur kritischen Masse. Seit er im Januar gegen hohe Gage in Saudi-Arabien ausgetragen wird, hat er sich als Thermometer zur Saisonmitte etabliert. Die Triumphatoren von Riad oder Dschidda gewannen zum Saisonende stets die Liga.
Real rangiert nach einer titellosen Vorsaison mit vier verlorenen Clásicos aktuell schon wieder vier Punkte hinter Barça. Zu allem Überfluss wirkt die Mannschaft körperlich ausgelaugt. Kaum weniger als die Bestellung Arbeloas wurde in Madrid am Montagabend daher eine Personalie kommentiert, die zusammen mit dem Trainerrevirement angeschoben wurde: Der italienische Konditionstrainer Antonio Pintus, nach diversen Champions-League-Titeln verehrt wie der Druide Miraculix, soll aus einer zurückgezogenen Rolle wieder ins erste Glied rücken.
Die Stars und das Thema Pressing
Der Spin mit der Physis als Kardinalmangel der bisherigen Saison hat aus Vereinssicht den Vorteil, dass weniger von anderen Defiziten gesprochen wird. Manche Aspekte fallen nämlich direkt auf die Klubführung um den allmächtigen Pérez zurück: Die schiefe Kaderplanung, in deren Zuge man die nötige Verstärkung um einen zentralen Ballverteiler unterließ. Sowie die fehlende Rückendeckung für Alonsos Versuche, eine Kultur von Meritokratie und Solidarität zu etablieren.
Der Baske, Teamplayer in jeder Hinsicht und zu Bayern-Zeiten beeindruckt von den Konzepten eines Pep Guardiola, bemühte sich anfangs durchaus um einen Stilbruch am Königshof. Symptomatisch wurde das Thema Pressing. Weil sich die Stars Kylian Mbappé und Vinícius an solchen Unternehmungen grundsätzlich kaum beteiligen, erlaubte sich Alonso, zweiteren häufig auszuwechseln oder gar auf der Bank zu belassen. Daher rührte der Konflikt, der im Liga-Clásico explodierte – und in dem Alonso keinerlei Unterstützung aus dem Klub erfuhr. Am Schluss rückte der Baske von seinem eigenen Projekt ab. Die Stars spielten immer, Pressing gab es nicht mehr: Der Trainer hing endgültig an der Gnade der Galaktischen.
Nachfolger Arbeloa galt zu Spielerzeiten im Real von Trainer José Mourinho als engster Freund Alonsos im Team, hat aber einen streitlustigeren Charakter. Pérez fühlt sich bei ihm offenbar an Mourinho erinnert, den er als Rammbock gegen Barcelona schätzte (auch wenn es unter ihm keinen Champions-League-Titel gab). Arbeloa war Mourinhos glühendster Anhänger in der Mannschaft und gilt Hardlinern nicht wie Alonso als kontaminiert durch späteren Feindkontakt mit dem Barça-Guru Guardiola. Der 42-Jährige coachte nur in Reals Nachwuchs, ehe er vorigen Sommer bei der zweiten Mannschaft die Klubikone Raúl ablöste – der Pérez nie vertraute.
Alonso nutzte es zuletzt nichts mehr, dass er zu einer Art Mourinho light mutierte – bei der destruktiven Taktik wie im Pressesaal, wo er gelegentlich die Unparteiischen zu thematisieren begann. Real fühlt sich ja gern verfolgt und Pérez liegt außerordentlich daran, einen Zusammenhang zwischen der Aktualität und dem Skandal um Zahlungen Barcelonas an einen Schiedsrichterfunktionär bis zum Jahr 2018 herzustellen. Womöglich wird der Klub in seinem Diskurs von Arbeloa mit mehr Feuer begleitet werden als von Alonso, der in seinen Einlassungen eher dezent blieb.
Und der nach dem Abpfiff in Dschidda mit seinem Team dabei war, das übliche Spalier für die Sieger zu bilden – als alle von Mbappé zurückgepfiffen und zum sofortigen Abmarsch kommandiert wurden. Die Szene wurde später viel kommentiert, dem französischen Star unsportlicher Kleingeist vorgeworfen. Nicht zuletzt lieferte sie jedoch ein akkurates Abbild der Machtverhältnisse.
Die Richtung in der Ära Alonso gaben die Stars vor. Den Trainer führte sie zu einem unrühmlichen Ende.
Der Rauswurf von Xabi Alonso deutete sich schon seit Monaten an. Der Trainer erlebt ein Lehrstück über die Widersprüche im größten Klub der Welt. Lesen Sie hier die große Reportage über seine Qualen von Madrid .
