Im Fall des Raclette gibt es keine zweite Meinung zu der Frage »Wer hat’s erfunden?«. Das Schmelzen eines halbierten Käselaibes vor einer Heizquelle – traditionell ist das eine starke Glut im Lagerfeuer oder einem offenen Kamin – wird seit dem Mittelalter im französischsprachigen Kanton Wallis praktiziert. Den Käse nahm man damals ohne Beilagen, nur mit etwas Brot auf. Erst viele Jahrhunderte später wurde der Begriff »Raclette« geprägt und das Gericht um kleine gekochte Kartoffeln und Cornichons erweitert.
Längst benötigt man für die gesellige Völlerei am abendlichen Esstisch kein offenes Feuer mehr. Kompakte Tischgeräte mit elektrischen Heizspiralen haben den Raclette-Markt erobert. Der dafür benutzte Käse ähnelt im besten Fall dem Original, kommt oft schon in auf Pfännchengröße vorgeschnittenen Scheiben in die Einkaufstüte. Doch auch hierzulande kann man Schmelzgeräte kaufen, die dem archaischen Vorbild zumindest nahekommen. Wir haben vier Raclettegeräte ausgiebig getestet: Ein der Grundidee sehr nahe stehenden Galgengerät, ein kompaktes Faltteil für den Wanderrucksack, ein variables Tischraclette mit Pancake-Maker und einen innovativen Käsegriller mit integriertem Dunstabzug.
Severin RG 2379 Sevento
Mit seinen knapp 40 cm Kantenlänge nimmt der quadratische Sevento auf einem 90 cm breiten Esstisch so viel Platz ein, dass sich die Esser ein wenig weiter als sonst voneinander entfernt hinsetzen müssen. Gerät und Speiseteller passen nur versetzt auf die Tischplatte. Auch deshalb ist dieses Gerät für maximal vier Personen geeignet, idealerweise auf einem runden oder quadratischen Tisch. Selbst dann wird das mit 180 cm recht kurze, fest verbaute Anschlusskabel in vielen Fällen nicht bis zur nächsten Steckdose reichen.
Trotz der raumgreifenden Maße sind die acht mitgelieferten Pfännchen mit 8 x 8 Zentimeter relativ klein und stehen etwas wackelig auf der Heizebene. Clever ist dagegen die zweite, untere Ebene. Legt man eine Esspause ein, kann man die leeren Pfännchen dort bequemer parken als auf dem ohnehin meist viel zu kleinen Tellern.
Nahaufnahme des Dunstabzugs: Fünf Kamine und ein Lüfter
Foto: Peter WagnerDer Clou des Sevento ist, dass er als erstes Gerät auf dem Markt einen integrierten Dunstabzug hat. Der ähnelt den Umluftsystemen, die es für Induktionsherdplatten gibt. An den vier Ecken und zusätzlich in der Mitte des oberen, antihaftbeschichteten Grillbleches befinden sich Öffnungen, in die der aufsteigende Bratdunst von einem integrierten Ventilator eingesaugt und durch einen Aktivkohlefilter geleitet wird. Ein paar Mal lässt sich das Filterschwämmchen nach der Benutzung mit etwas Spülmittel reinigen. Wenn die drei beiliegenden Einsätze abgerockt sind, muss man ein Originalfilterset nachkaufen, das im Viererpack rund 25 Euro kostet. Oder man schneidet sich aus günstigen Filtermatten selbst etwas zurecht.
Der Lüfter arbeitet auch in der höheren von zwei Stufen angenehm geräuscharm und überraschend effizient. Als hungriges Zecherquartett schmolzen wir im Laufe eines Abends die Inhalte von rund 50 Pfännchen, rösteten auf der planen Grillfläche Massen an Pilzen, Frühlingslauch, Gemüse, Nürnberger Würstchen und Speckscheibchen. Am Ende roch es weder im Wohnzimmer nach Raclette noch mussten wir, wie sonst nach solchen Abenden, die Glaslampe über dem Esstisch von Fettschichten befreien. Zudem sind die Ränder der Grillplatte höher als bei anderen Raclettegrills, was dazu führt, dass es hinterher weniger Fettspritzer auf der Tischplatte wegzuwischen gilt. Sein Werbeversprechen hat der Hersteller damit eingelöst.
Das eigentliche Handling aber machte uns nicht durchweg glücklich. So werden die Griffe der Pfännchen zwar auch im Dauerbetrieb nicht heiß, das Heizsystem aber ist nicht optimal konstruiert. Die Pfannenmulden ragen etwas zu weit aus dem Gerät, und die Heizschlangen darüber verlaufen ein wenig versetzt. Obwohl der Abstand zwischen den beiden mit nur 1,8 Zentimetern sehr gering ist, braucht der Käse auf den Gwschellti (gekochte Kartoffeln mit Schale) sechs bis acht Minuten zum Schmelzen. Das können lange Minuten werden, wenn man Hunger hat. Durch die geringe Nähe zum Heizkörper ist das Schmelzergebnis ungleichmäßig, mit deutlich erkennbaren Hotspots.
Wenn man die etwas kompliziert zu bedienende Steuerung auf volle Leistung gestellt hat, benötigt das Gerät rasche 4,5 Minuten, um die Grillplatte auf 200 Grad Celsius aufzuheizen. Um die Pfannenebene auf dieselbe Temperatur zu bringen, braucht das Gerät weitere 30 Sekunden, nach denen die mit einem Infrarotthermometer gemessene Hitze nicht weiter zunimmt. Die Grillplatte wird derweil weiter erhitzt, erreicht nach 6,5 Minuten eine Maximaltemperatur von 250 Grad Celsius.
Die 200 Grad Celsius unten sind im Vergleich zu anderen Modellen wenig, was die langen Schmelzzeiten erklärt. Leider hat der Sevento auch keine Tragegriffe, man braucht also Topflappen, um das noch heiße Gerät nach dem Ende der Mahlzeit in die Küche zu tragen.
Raclette vom Severin Sevento: Etwas blass
Foto: Peter WagnerDie Reinigung ist bauartbedingt komplizierter als bei Geräten ohne Dunstabzug, schließlich müssen auch die Filter nach jeder Session gesäubert werden. Theoretisch dürfte neben Pfännchen, Schiebern und diversen Anbauteilen auch das Grillblech in die Spülmaschine. Dann passt wegen dessen Ausmaßen aber sonst nicht mehr viel hinein. Trotz allem halten wir die Severin-Lösung für eine richtig gut gelungene Innovation für Raclettefreunde, die darunter leiden, den Tag nach dem Mahl weitgehend mit dem Lüften des Esszimmers und dem Entfetten der Deckenlampe vergeuden zu müssen.
Was kostet das? Etwa 199 Euro
Gastroback 42563 Grill & Pancake Station
Wenn man mit bis zu sechs, notfalls sogar acht Personen Raclette essen möchte, sind große Geräte wie dieser Gastroback mit seinen 53 × 24 Zentimetern und 14 Zentimeter Höhe am besten geeignet. Bei richtig großem Hunger kann man ihn aber auch zu viert anheizen, denn neben den acht normalgroßen Pfännchen (9 × 9 Zentimeter) werden auch vier XXL-Pfannen mitgeliefert, die mit ihren 18 Zentimetern Breite auch Großmäuler stopfen können. Darunter dürfen dann auch ein paar Hochstapler sein, denn der Abstand von Pfannenrand zur großen, den gesamten Nutzbereich recht gleichmäßig temperierenden Heizschlange beträgt rekordverdächtige vier Zentimeter. Da kann man schon ganz schön was auf der Pfanne haben.
Dass deren Inhalte dennoch schnell und halbwegs einheitlich gegrillt werden, spricht für ein schlüssiges Gesamtkonzept. Einzig die jeweils äußersten Pfännchen bekommen minimal weniger Hitze ab als die anderen. Dreht man den Einstellregler ganz nach rechts auf Stufe sechs, braucht das Gerät 5:50 Minuten, um die Ebene der Pfännchen auf 200 Grad zu erhitzen. Die Grillplatte ist minimal später so weit. Nach acht Minuten ist auf beiden Ebenen die Höchsttemperatur von 250 Grad erreicht.
Gastroback-Heizsystem: Bis zu 250 Grad Celsius, oben und unten
Foto: Peter WagnerDennoch schaltet die diesen Zustand eigentlich anzeigende Kontroll-LED im Reglerknopf erst nach einer knappen Dreiviertelstunde von Rot auf Grün um. Egal, der Spaß kann viel früher losgehen. Die Inhalte der Pfännchen werden schneller und sichtbar besser ausgebacken als beim Severin. Wie bei vielen ähnlichen Geräten strahlt auch der Gastroback viel Wärme in den Raum und auf die Tischplatte ab. Eine Unterlage ist – schon wegen der Fettspritzer – anzuraten.
Die antihaftbeschichtete Grillplatte ist auf der einen Hälfte mit praktischen Rippen versehen, die schöne Röststreifen auf dem Bratgut erzeugen können und das wenige benötigte Fett an den richtigen Stellen festhalten. Die Heizung ist auf höchster Stufe bärenstark und ideal für Fleisch, Würstchen und Speck. Wenn empfindliches Gemüse gegrillt werden soll, sind die ca. 220 Grad Celsius der Stufe vier besser geeignet.
Die Pointe des Gastroback aber versteckt sich auf der Unterseite der wendbaren Platte. Dort befinden sich acht leicht hochstehende Kreisränder, in deren neun Zentimeter breiten Mitte man ohne Fettzugabe kleine Crêpes, herzhafte Pfannkuchen oder fluffige Pancakes backen kann. Bei Stufe drei dauert das je nach Teig nur 15 bis 20 Sekunden pro Seite. Die mitgelieferten Nylonspatel eignen sich gut zum Wenden. Wir nutzten diese Plattenseite nach einer kurzen Reinigung der Grillfläche für einen geselligen, süßen Blitzgebäck-Nachtisch.
Pfannkuchen vom Raclettegrill: Süßer Abschluss
Foto: Peter WagnerWas uns weniger gut gefallen hat: Das fest verbaute Netzkabel ist auch hier nur 180 Zentimeter kurz. Die Pfännchengriffe sind nicht ausreichend entkoppelt und können im Dauerbetrieb schon mal schmerzhafte 50 Grad heiß werden. Immerhin gibt es kühl bleibende Tragegriffe für die Basisstation. Richtig nervig aber sind die vier kleinen runden Abstandshalter aus Gummi zwischen Heizbasis und Grillplatte, die sich beim Herumtragen des Gerätesockels häufig lösen und wild durch die Wohnung hoppeln. Das könnte man mit wenigen Cent Mehraufwand besser lösen.
Insgesamt macht der Gastroback trotz einiger kleinen Hänger einen für seinen Kaufpreis sehr guten Eindruck. Die Raclettepfännchen und das Grillgut obendrauf werden mit ordentlicher Hitze gebraten, die Reinigung ist easy, bis auf den Heizsockel darf alles in die Spülmaschine. Das Gerät passt zerlegt auch hochkant ins Speisekammerregal. Die doppelseitige Nutzbarkeit der Platte mag kein Geniestreich von astronomischer Schöpfungshöhe sein, ist aber ein Eldorado für alle, die trotz massiver Käsesättigung nach dem Raclette noch ein Dessert unterbringen können.
Was kostet das? Etwa 99 Euro
Stöckli Raclette Swing
Die Bewahrer des einzig »echten« Raclettes – große Käsestücke werden nahe einer Heizquelle schichtweise abgeschmolzen – können mit den im Wallis häufig abschätzig »Raclonnette« genannten Tischgrills nur wenig anfangen. Kein Wunder, dass es ein Schweizer Hersteller ist, der Ihnen eine Miniversion des traditionellen galgenförmigen Raclettes für den Kleinhaushalt liefert. In dem so solide wie archaisch aufgebauten Stöckli Swing – Grundfläche 16 × 35 Zentimeter, Bauhöhe 21 Zentimeter – heizt zwar nur ein kleiner 470-Watt-Brenner, aber der reicht völlig, um den Käseblock darunter nach und nach abzuschmelzen. Die Bedienung ist einfach: Gerät am Netzschalter einschalten, nach dem Essen ausschalten. Ein Temperaturregler ist überflüssig.
Der Grund: Die Halteplatte für den Käse kann mit einem Gewinde immer in der korrekten Entfernung zur Heizung justiert werden. Zum Abtragen der jeweils geschmolzenen Schicht mit dem beiliegenden Schaber lässt sich die Halterung an kühl bleibenden Griffen seitlich heraus und horizontal ein wenig in die Schräge schwenken. So fließt der Käse fast von allein auf den darunter gestellten Teller mit Brot oder Kartoffeln.
Dass das Tablett auch im eingeschwenkten Zustand beim Erhitzen einen minimal schrägen Neigungswinkel zum Heizkörper hat, verwundert nur kurz. Hier hat nicht die legendäre Schweizer Ingenieurskunst versagt, sondern ein Entwickler mitgedacht: Durch die leichte Neigung fließt der Käse schon beim Schmelzen ein wenig in die richtige Richtung.
Der Abstand der Heizstäbe zueinander ist bauartbedingt ein wenig enger als die Tablettbreite. Der Käse bekommt die direkte Hitze also nicht über seine ganze Fläche ab. Das macht sich aber nur bemerkbar, wenn man das Schmelztischchen ohnehin zu weit nach oben ans »Feuer« geschraubt hat, wobei der Käse an der Oberfläche schnell verbrennen würde. Bei korrekter, niedrigerer Einstellung verteilt sich die Strahlung ausreichend, und der Käse schmilzt schön gleichmäßig bei ca. 230 Grad Oberhitze. Minimal weniger Energie kommt oben auf dem 9 × 24 Zentimeter kleinen, antihaftbeschichteten Grillaufsatz an (wie auch die Käseplatte spülmaschinenfest). Aber 220 Grad Celsius reichen dort locker, um ein paar Pilze oder Speckstreifen mitzubraten.
Ein Vorhaben, das bei einigen eidgenössischen Hardcore-Raclettern gar nicht gut ankommt: »Warum gibt es das Gerät nicht ohne Grillfläche? Für den original Schweizer Raclette Genuss!«, beschwert sich ein User im Forum eines Onlineshops. Nun, wir haben damit kein Problem. Eher damit, dass der Swing die Tischplatte in näherer Umgebung ziemlich aufheizt, man also auf jeden Fall eine unempfindliche Unterlage braucht. Auch das Netzkabel des aus unserer Sicht etwas zu teuren Gerätes ist mit 140 Zentimeter viel zu kurz.
Sonst haben wir am Swing nichts zu meckern. Mit dem kompakten Gerät können zwei Personen und sogar Singles einen herrlich authentischen Racletteabend haben.
Was kostet das? Etwa 129 Euro
Kisag Candle Light Pro
Weil viele Schweizer nicht nur gern Raclette essen, sondern ebenso gern Wandern und Bergsteigen gehen, war es nur eine Frage der Zeit, bis diese beiden Welten in einem Produkt zusammengebracht werden. Der Schweizer Hersteller Kisag transferiert mit seinem Teelicht-betriebenen Candle Light Pro die Raclettefreuden nach draußen. Das aufklappbare Mini-Öfchen wiegt nur 690 Gramm und misst zusammengeklappt in seinem Transportbeutel gerade mal 18,5 × 9 × 5 Zentimeter. Das im Betrieb acht Zentimeter hohe Gehäuse besteht, wie auch der unten einschiebbare Kerzenschlitten, aus dünnem Edelstahl, das antihaftbeschichtete Pfännchen aus Karbonstahl. Ein passender Plastikschieber liegt bei.
Mit herkömmlichen Teelichtern aus Stearin als Hitzequelle kommt man allerdings nicht sehr weit. Einzig der Einsatz von Rechaudkerzen mit Paraffinfüllung (als Zubehör von Kisag mit stabilen Baumwolldochten erhältlich) bringt die nötige Heizleistung von ca. 30 bis 40 Watt pro Kerze. Einem Sturm halten aber auch die nicht stand. Doch als wir vor der vorderen Öffnung einen Windschutz (einen passenden Stein) platzierten, heizte sich das mit vier Kerzen voll bestückte Gerät binnen vier bis fünf Minuten auf 225 Grad auf.
Das ist etwas weniger als die vom Hersteller hochgejodelten 250 Grad, aber allemal genug, um Käsescheiben zu schmelzen und die mitgebrachten vorgekochten Kartoffeln in freier Natur auf angenehme Verzehrtemperatur zu bringen. Das Gehäuse heizt sich dabei naturgemäß stark auf. Man könnte sogar eine Tasse Tee darauf warmhalten.
Raclettegrill mit Kerzenheizung: Lieber im Freien verwenden
Foto: Peter WagnerDie Originalkerzen brennen bis zu 20 Stunden lang. In geschlossenen Räumen sollte man das auf keinen Fall ausnutzen, da Paraffinkerzen beim Brennen Schadstoffe wie Benzol, Toluol und Feinstaub freisetzen können.
Deshalb haben wir uns beim weiteren Testen im Wohnzimmer auf die in der Betriebsanleitung für diese Umgebung empfohlenen drei Teelichter als Bestückung beschränkt und sicherheitshalber ein dickes Holzbrett zur Wärmeentkoppelung zwischen Blech und Tischplatte gelegt. Trotz der geringeren Heizleistung im Vergleich zum Vier-Kerzen-Betrieb wurde das kleine Kästchen ganz ohne elektrischen Strom schnell heiß und lieferte für ein bis zwei Personen ausreichend blubbernden Schmelzkäse auf die Gschwellti. Darauf ein beherztes »Hopp Schwiiz!«
Was kostet das? Etwa 44,95 Euro


