Das Start-up QuantumDiamonds will in München 152 Millionen Euro in ein Werk investieren, das die großen Chipkonzerne mit einem neuen Testverfahren beliefern soll: dem Quanten-Diamantmikroskop. Die weltweit erste Anlage zum Bau dieser Geräte soll vom Bund und dem Land Bayern unter dem European Chips Act gefördert werden, die Politik sieht darin offenbar einen wichtigen Beitrag, die europäische Chipindustrie zu stärken und unabhängiger von den USA und Asien zu machen.
Kevin Berghoff und Fleming Bruckmaier, Absolventen der Technischen Universität München (TUM), haben die Firma 2022 gegründet und auf Basis der Quantensensorik ein Verfahren entwickelt, um modernste Halbleiter auf Fehler zu testen.
Chips, beispielsweise für Entwicklung und Training künstlicher Intelligenz, werden immer komplexer und dreidimensional mit bis zu 40 Lagen konstruiert, weshalb herkömmliche Testverfahren an ihre Grenzen stoßen. »Die Fähigkeit, Chips präzise und zerstörungsfrei zu testen, ist etwas, wonach wir in den letzten 15 Jahren gesucht haben«, sagt David Su, früher Leiter des Fehleranalyseteams beim weltweit größten Chiphersteller TSMC und jetzt Berater von QuantumDiamonds.
Das Start-up scheint das Problem mit einem Quanten-Diamantmikroskop gelöst zu haben, das einen synthetischen Diamanten enthält und darüber elektrische Aktivitäten auslesen und Störungen erkennen kann. Mit neun der zehn größten Halbleiterhersteller, darunter TSMC und Samsung, hat QuantumDiamonds das Verfahren an einzelnen Chips erfolgreich getestet. »Jetzt geht es darum, das Quantenmikroskop für den großflächigen Einsatz in der Chipproduktion zu befähigen«, sagte Mitgründer Berghoff dem SPIEGEL. Dabei gehe es um mögliche Umsätze »im Bereich von 10 bis 20 Milliarden Euro im Jahr«. Allerdings muss das Start-up es zunächst schaffen, statt einzelner Chips ganze Waferplatten mit Hunderten oder Tausenden Halbleitern verlässlich zu durchleuchten.
Quanten-Diamantmikroskop: Chips zerstörungsfrei testen
Foto: QuantumDiamonds GmbH»Unser Ziel ist es, diese Skalierung allein hinzubekommen, aber wir sprechen auch mit europäischen und amerikanischen Chipmaschinenbauern über mögliche Kooperationen«, sagt Berghoff.
Um den Bau der Fabrik zu finanzieren, hatte QuantumDiamonds vor Kurzem eine Finanzierungsrunde abgeschlossen. Bislang wird das Start-up ausschließlich von europäischen Wagniskapitalgebern wie dem Münchner VC-Investor Earlybird finanziert. Es gilt allerdings als ausgemacht, dass größere Finanzierungsrunden für das Start-up nur mit internationalen Investoren zu stemmen sind.
Die Ansiedlung in München ist ein Lebenszeichen der europäischen Chippolitik. Die EU-Kommission hatte 2022 den Chips Act verabschiedet – mit dem Ziel, Europas Anteil an der globalen Chipproduktion bis 2030 auf 20 Prozent zu verdoppeln. In Deutschland waren mit Milliarden geförderte Großprojekte der US-Chip-Konzerne Intel und Wolfspeed jedoch noch vor dem Baustart geplatzt. Ein kleiner Teil der einst für eine Intel-Gigafabrik in Magdeburg gedachten zehn Milliarden Euro soll nun nach München fließen.
Nach SPIEGEL-Informationen stand auch QuantumDiamonds kurz vor einem Umzug in die USA. Arizona hatte den Gründern ein attraktives Förderangebot gemacht, um sie in den US-Bundesstaat zu locken, wo Chipkonzerne wie Taiwans TSMC und Intel neue Fabriken bauen. »Die Alternative wäre gewesen, die Förderung aus dem US Chips Act zu nehmen und nach Arizona zu gehen«, bestätigt Berghoff. Wenn man dort eine Produktion aufgebaut hätte, »wären wir auch mit dem kompletten Team und den Patenten dort hingegangen«.
Eine solche Abwanderung wollte die Politik offenbar verhindern. Die Bundesregierung und das Land Bayern sicherten ihrerseits eine mit rund 50 Prozent genauso hohe Förderquote zu, also rund 75 Millionen Euro. Etwa 80 Prozent sollen aus Berlin kommen, der Rest von der bayerischen Landesregierung.
Vertreter der europäischen Chipindustrie hatten immer wieder gefordert, vorhandene europäische Stärken zu fördern, statt Gigafabriken zu subventionieren. Europa gilt mit Herstellern wie Infineon, STMicrosystems und NXP als führend bei Leistungshalbleitern für die Autobranche sowie bei Maschinen, Lasern und optischen Verfahren für die Chipfertigung.
- Fabrikpläne auf Eis: Was Intels Rückzug in Magdeburg für Deutschland bedeutet Von Martin Hesse
- Trotz hohen Bedarfs: EU wird ihr Ziel zum Ausbau der Chipproduktion deutlich verfehlen Von Benedikt Müller-Arnold, Brüssel
- Weltweite Abhängigkeiten: Deutschland ist Schlüssellieferant für die Chipproduktion
Die EU-Kommission muss der Förderung von QuantumDiamonds noch zustimmen, hat dem Start-up aber in einer Evaluierung das Potenzial bescheinigt, »das nächste ASML« zu werden. Die niederländische Firma ist Weltmarktführer für Lithografiemaschinen, die als unentbehrlich für die Produktion von Hochleistungschips gelten. Offenbar will man nun viel Geld in die Hand nehmen, um Firmen wie QuantumDiamonds im Land zu halten.
Vor Kurzem hatte der Bund bereits Fördermittel für den Bau einer Chipfabrik des amerikanischen Auftragsfertigers Globalfoundries in Dresden freigegeben, der vor allem die europäische Autoindustrie beliefert. Neben Dresden entsteht auch in München ein wachsendes Ökosystem von Chipherstellern und -zulieferern. Der größte europäische Chipkonzern Infineon hat in Neubiberg bei München seine Zentrale, auch internationale Konzerne wie Apple entwickeln in der Landeshauptstadt Halbleiter, Samsung hat seine Europazentrale für die Chipsparte in München.
»Wenn wir die exzellente europäische Forschung mit dem vorhandenen Halbleiterwissen der hiesigen Industrie kombinieren, kommt Europa besser voran, als wenn wir versuchen, mit den amerikanischen KI-Chip-Konzernen in Wettbewerb zu treten«, sagt Berghoff. Europa müsse industriepolitisch näher zusammenrücken und dürfe sich nicht in nationalen Strategien verzetteln. »Am Ende ist das Spiel nicht Deutschland gegen die Niederlande, sondern Europa gegen die USA oder China.«
