SpOn 10.02.2026
20:40 Uhr

Psychologie: Selbstloses Verhalten lässt sich offenbar künstlich erzeugen


Warum sind einige Menschen großzügiger als andere? Womöglich liegt die Antwort im Kopf. Wissenschaftlern ist es mit künstlichen Impulsen gelungen, Menschen zu Altruismus zu animieren.

Psychologie: Selbstloses Verhalten lässt sich offenbar künstlich erzeugen

Manche Leute achten auf ihre Mitmenschen, andere sind eher gleichgültig. Das lässt sich womöglich ändern. Ein Forschungsteam hat es geschafft, bei Menschen durch Stimulation bestimmter Hirnareale gezielt selbstloses Verhalten anzuregen, zumindest etwas. »Dies etabliert eine neuronale Grundlage für Altruismus«, schreibt das Forschertrio aus China und der Schweiz im Fachjournal »PLOS Biology«.

Sollten sich die Resultate bestätigen, ließen sich die Erkenntnisse möglicherweise eines Tages zur Behandlung von Störungen wie Gefühlsblindheit und Psychopathie nutzen, so das Forschungsteam.

»Altruismus ist die Grundlage für Zusammenarbeit und Solidarität in menschlichen Gesellschaften«, schreiben Jie Hu von der East China Normal University in Shanghai sowie Marius Moisa und Christian Ruff von der Universität Zürich in der Studie. Fehlender Altruismus sei ein Kennzeichen psychiatrischer und neurologischer Störungen und trage zu vielen gesellschaftlichen Problemen bei.

Experiment mit Diktator-Spiel

In einer früheren Studie hatte das Forschungsteam gezeigt, dass Altruismus häufig auftritt, wenn zwei Areale im Hirn zeitgleich aktiv sind, der Frontallappen und der dahinterliegende Parietallappen am Scheitel. Mit der aktuellen Studie wollten sie herausfinden, was passiert, wenn beide Areale zeitgleich künstlich angeregt werden. Das Ergebnis: Die Stimulation konnte das selbstlose Verhalten tatsächlich leicht steigern.

Für die Studie hatten die Wissenschaftler 44 Versuchspersonen das sogenannte Diktator-Spiel spielen lassen, dieses wird häufiger in Studien benutzt. Dabei entscheiden die Teilnehmenden in mehreren Durchgängen, wie sie einen Geldbetrag zwischen sich und einem anonymen Mitspieler aufteilen. »Es ging um echtes Geld«, sagt Ruff. Verteilt wurde ein Betrag von 60 Schweizer Franken, umgerechnet rund 65 Euro.

Bei einem Teil der Durchgänge wurden der Frontal- und der Parietallappen über zwei am Schädel angebrachte Elektroden in verschiedenen Frequenzbereichen elektrisch stimuliert, um die Aktivität zu synchronisieren. Wurden die Teilnehmer stimuliert, waren sie ihren Mitspielern gegenüber etwas großzügiger als ohne Stimulation. »Der Effekt war klein, aber deutlich«, erklärt Ruff.

»Ich glaube, dass da noch mehr drin ist«

Forscher Christian Ruff

Die optimale Frequenz und Methode für die Stimulation müsse man noch ermitteln. »Ich glaube, dass da noch mehr drin ist«, so Ruff. Letztlich gehe es zunächst aber darum, die genauen Zusammenhänge zu verstehen. »Wir haben nun einen Anhaltspunkt, und jetzt können wir dem auf den Grund gehen.«

»Das ist eine gut durchdachte und durchgeführte Studie«, sagt der Psychologe Tobias Kalenscher von der Universität Düsseldorf, der nicht an der Arbeit beteiligt war. Sie zeige kausal, dass das Zusammenspiel der beiden Hirnareale Menschen altruistischer machen könne – auch wenn der Effekt noch relativ klein sei. Bis zu einer möglichen Anwendung ist es laut Fachleuten noch ein weiter Weg, umfassende klinische Studien wären dazu nötig.

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Bislang halte der altruistische Effekt durch die einmalige Stimulation beispielsweise nur kurz an, sagt Studienautor Ruff. »Aber wenn man das wiederholt macht, kann man im Prinzip möglicherweise länger anhaltende Effekte haben«, betont er – und zog eine Parallele zu Physiotherapie oder Fitnesstraining: Auch dort führten erst Wiederholungen zu einem längerfristigen Erfolg.

Der Düsseldorfer Psychologe Kalenscher verweist darauf, dass man andere Formen von Hirnstimulation therapeutisch gegen Depressionen einsetzt. Es sei denkbar, dass die nun verwendete Stimulation mittelfristig dazu beiträgt, soziales Verhalten anzuregen und Empathie auszulösen. Kandidaten dafür fallen wahrscheinlich jedem sofort ein.

koe/dpa