SpOn 05.03.2026
19:22 Uhr

Protest gegen Wehrpflicht: Junge Friedensbewegung formiert sich


Rund 50.000 Schülerinnen und Schüler protestierten heute bundesweit gegen die Wehrpflicht. Die jüngste Demo in Berlin bescherte unserem Autor ein Déjà-vu. Ist das der Beginn einer jungen Friedensbewegung?

Protest gegen Wehrpflicht: Junge Friedensbewegung formiert sich

Um das aktuelle Zeitgeschehen zu beurteilen, ist es manchmal hilfreich, gedanklich in die eigene Vergangenheit zu reisen. »Frieden schaffen ohne Waffen« hieß es in den Achtzigerjahren. Oder: »Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.«

Lilafarbene Halstücher waren das Zeichen der Friedensbewegung. Der Kalte Krieg war allgegenwärtig. Die »Nachrüstung« mit atomaren Pershing-II-Raketen der US-Amerikaner auf deutschem Boden, als Antwort auf die SS-20-Mittelstreckenraketen der Sowjets, wir wollten das nicht und gingen zu Tausenden auf die Straße. Kriegsdienstverweigerung war Ehrensache.

Schulstreik gegen Wehrpflicht

40 Jahre später, am heutigen Donnerstag, versammelten sich allein in Berlin rund 3000 Menschen, vor allem Schülerinnen und Schüler, zu einer Friedenskundgebung. »Schulstreik gegen Wehrpflicht« hieß die Veranstaltung. Bundesweit sollen an der Aktion nach Angaben der Veranstalter rund 50.000 Jugendliche in etwa 150 Städten teilgenommen haben.

Wieder geht es um eine Art Nachrüstung, die vielen in Europa, auch der deutschen Bundesregierung, derzeit notwendig erscheint. Wieder wird die Aufrüstung als alternativlos dargestellt, um die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu verteidigen. Und wieder soll eine junge Generation dafür im Ernstfall ihr Leben aufs Spiel setzen.

Protestaktion auf dem Potsdamer Platz: Schredder für die Einberufungsschreiben

Protestaktion auf dem Potsdamer Platz: Schredder für die Einberufungsschreiben

Foto: Gene Glover / DER SPIEGEL

Und ich, 58, einer der versprengten Älteren, die sich in Berlin bei strahlend blauem Himmel unter die Protestschar mischte, erlebte ein Déjà-vu.

Am 5. Dezember vergangenen Jahres beschloss der Bundestag eine verpflichtende Musterung junger Männer und die Wiedereinführung der Wehrerfassung. Der Wehrdienst an sich bleibt zunächst freiwillig. 20.000 Freiwillige will Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius in diesem Jahr finden. Gelingt das nicht, kann der Bundestag eine sogenannte Bedarfswehrpflicht beschließen.

Plusquamperfekt muss ruhen

Schon im Dezember protestierten bundesweit rund 55.000 Schülerinnen und Schüler gegen das »Wehrdienst-Modernisierungsgesetz«. Nun sind sie erneut auf der Straße. Dreisatz und Plusquamperfekt müssen an diesem Tag ruhen.

»Konzerne wie Rheinmetall und Thyssenkrupp lassen die Korken knallen«, hallt es herüber von der Veranstaltungsbühne in Berlin. Eine linke Aktivistengruppe hat einen Schredder für Einberufungsschreiben und Erfassungsfragebögen mitgebracht. »Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft« ist auf einem der Banner der Jugendlichen zu lesen. Flaggen mit weißen Friedenstauben auf blauem Grund flattern darüber im lauen Berliner Frühlingslüftchen.

Selma Kuhlmann Costa steht in der Menge, lockiges Haar, Dreiviertel-Hose, schwarze Stiefel, ein schwarz-weißes Palästinensertuch um den Hals geschlungen. »Ich möchte nicht, dass meine Freude eingezogen werden«, sagt die 18-Jährige, »die lernen dann ein halbes Jahr, wie man Menschen umbringt, und sind am Ende Kanonenfutter.«

Dann nimmt sie ein graues Megafon zur Hand. »Noch mehr Rüstung, noch mehr Waffen, werden keinen Frieden schaffen«, skandiert die Jugendliche. Ein Chor aus jungen Kehlen tönt über den Potsdamer Platz.

Schülerin Kuhlmann Costa: »Das macht mir Angst«

Schülerin Kuhlmann Costa: »Das macht mir Angst«

Foto:

Gene Glover / DER SPIEGEL

Kuhlmann Costa gehört zum Organisationskomitee des Berliner Schulstreiks. Die Jugendliche besucht die zwölfte Klasse des Robert-Blum-Gymnasiums in Berlin-Schöneberg. Am Vortag der Demo möchte sie in einem Kreuzberger Café zusammen mit dem 19-jährigen Kiran Schürmann erklären, worum es den Jugendlichen geht. »Aufrüstung provoziert Kriege, da gibt es viele Studien«, sagt sie bei Apfelkuchen und Cappuccino – und hört dann kaum mehr auf zu reden.

»Ich finde es unmenschlich, eine Waffe in die Hand zu nehmen und jemanden zu töten.«

»Wehrpflicht ist Freiheitsberaubung und elementarer Teil der Kriegsvorbereitung.«

»Aufrüstung nützt nur den Profitinteressen von Firmen.«

»Für den Preis von einem Panzer könnte man über 100 Lehrer ein Jahr lang bezahlen.«

Aber ist es nicht wichtig, unsere Freiheit, unsere Werte, unsere Demokratie zu verteidigen?

»Ich habe das Gefühl, dass die Demokratie durch die Wehrpflicht nicht verteidigt wird; wir sollten es stattdessen mit Diplomatie und Kommunikation versuchen.«

Schüler Schürmann: »Ich würde das Land verlassen«

Schüler Schürmann: »Ich würde das Land verlassen«

Foto:

Gene Glover / DER SPIEGEL

Fühlt ihr euch Deutschland verpflichtet?

Jetzt kommt auch Schürmann zu Wort. »Ich fühle mich nicht verpflichtet, für Deutschland zu sterben«, sagt er.

Schürmann ist ein Jahr zu alt, um gemustert zu werden. Erst ab Jahrgang 2008 greift die neue Regelung. Doch er hat Freunde, die nun bald die Fragebögen der Bundeswehr zugeschickt bekommen.

Was, wenn Putins Armee vor Berlin stünde?

»Ich würde das Land verlassen«, sagt der Schüler, der in die 13. Klasse der Ferdinand-Freiligrath-Schule in Kreuzberg geht. Auch Kuhlmann Costa sagt, dass sie gehen würde, »nach Brasilien, dort habe ich Familie«.

Und es gibt noch ein paar Widersprüche. Beide Schüler sind zum Beispiel froh, dass es die Nato gibt.

Aber das sind auch Soldaten.

»Das sind aber alles Freiwillige«, sagt Kuhlmann Costa. Die Nato sei, auch ohne die USA, jetzt schon stark genug, um Russland davon abzuhalten, Europa anzugreifen. »Es ist einfach nicht notwendig, jetzt noch mehr aufzurüsten.«

Die Leidenschaft ist ansteckend

Man muss der Argumentation der beiden Schüler nicht folgen. Auch dem Faktencheck hält nicht jede Behauptung stand. So würden die Nato-Staaten im Verteidigungsfall durchaus Wehrpflichtige heranziehen. Manche Nato-Staaten haben ohnehin noch eine Wehrpflicht.

Die Leidenschaft aber, mit der sich die Schülerinnen und Schüler für die Sache einsetzen, ist ansteckend. »Mich berührt das sehr«, sagt Axel Zutz. Der 60-Jährige ist für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) auf die Demonstration am Potsdamer Platz gekommen. Die GEW unterstützt den Schülerstreik. »Von den Älteren sind viele desillusioniert«, sagt Zutz, »es ist wichtig, dass die Jugend auf die Straße kommt.« Viele seiner Generation warten seit Jahren darauf, dass sich die Jugendlichen politisieren.

Friedensaktivistin Wurdack: »Gegen Trumps Raubzug«

Friedensaktivistin Wurdack: »Gegen Trumps Raubzug«

Foto: Gene Glover / DER SPIEGEL

Auch Irmgard Wurdack, 56, findet es schlimm, »dass Jugendliche in den Krieg gezogen werden. Aber ich finde es toll, dass das hier passiert«, sagt sie und verteilt Schilder »gegen Trumps Raubzug«.

Wurdack ist für die Organisation »Sozialismus von unten« hier, einer trotzkistischen Gruppe, die für eine herrschaftsfreie Gesellschaft durch Selbstbefreiung der Arbeiterklasse kämpft. Ohnehin findet sich auch auf dem Potsdamer Platz an diesem Tag das übliche Demo-Mischmasch aus Linken, Sozialisten und Antifaschisten.

Eine neue Friedensbewegung?

Lasst euch nicht vereinnahmen, möchte man der jungen Schülerbewegung zurufen. Könnten die Schulstreikenden dennoch eine Keimzelle für eine neue, junge und breite Friedensbewegung werden?

In Berlin sieht es für einen Moment so aus. Man kann die Aktion belächeln und naiv finden. So viel hoffnungsfrohe Energie jedoch liegt selten über dem Potsdamer Platz. Eine ernsthafte Debatte darüber, wie Konflikte auch gewaltfrei gelöst werden könnten, scheint überfällig. Deutschland hat sie seit Jahrzehnten nicht umfassend geführt.

Ein paar Dinge müssten aber wohl noch geklärt werden. »Blöd, dass hier so viel Presse ist«, hat Kuhlmann Costa etwa am frühen Morgen gesagt, als sich die ersten Schülerinnen und Schüler vor ihrer Schule versammelten. Das würde viele vom Mitgehen abhalten.

Schülerinnen und Schüler des Schöneberger Robert-Blum-Gymnasiums, Aktivistin Kuhlmann Costa: »Blöd, dass hier so viel Presse ist«

Schülerinnen und Schüler des Schöneberger Robert-Blum-Gymnasiums, Aktivistin Kuhlmann Costa: »Blöd, dass hier so viel Presse ist«

Foto:

Gene Glover / DER SPIEGEL

Auch der Umgang mit der Staatsmacht könnte noch geübt werden. Auf einem Lastenfahrrad haben die Schülerinnen und Schüler des Robert-Blum-Gymnasiums einen Lautsprecher installiert.

»Ich bin nichts, ich kann nichts, gebt mir eine Uniform.« Die harten Hip-Hop-Texte des Deutsch-Rappers MC Bomber tönen aus der Box.

Da muss die Polizei dann doch einmal eingreifen. Ein Beamter eilt heran und weist die Demonstranten an, die Musik abzustellen.

Man kann sich ja nicht alles gefallen lassen.