Wichtige Regel: Nie vom eigenen Bekanntenkreis auf den Rest der Welt schließen. Eine Frau, die ich gut kenne, bekam vor zwei Wochen einen Brief ihrer privaten Krankenversicherung. Sie rechnete fest mit einer Erhöhung des Beitrags – denn im Moment ist das der Lauf der Dinge im Gesundheitswesen. Weil sie keine Lust auf eine Hiobsbotschaft hatte, legte sie das Schreiben erst beiseite.
Als sie es dann doch öffnete, rieb sie sich überrascht die Augen: Ihr Beitrag sinkt. Zwar nicht stark, um 9,50 Euro pro Monat. Aber immerhin besser als eine Erhöhung.
Wenn Sie jetzt neidisch sind: Im vorigen Jahr war der Frau ein Aufschlag ins Haus geflattert, der deutlich höher lag. So etwas ist leider auch jetzt viel verbreiteter. Ein Großteil der Privatversicherten muss sich auf erheblich höhere Beiträge für die Krankenversicherung einstellen. Auch die private Pflegeversicherung verteuert sich.
Wie der Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) bereits im Oktober mitteilte, steigen für rund 60 Prozent der Vollversicherten die Beiträge. Im Schnitt um 13 Prozent. Autsch.
Die Spanne ist groß. Während es einigen so geht wie meiner Bekannten, müssen andere mit drastischen Aufschlägen rechnen, teils weit mehr als die durchschnittlichen 13 Prozent. Außerdem sind das nur die Erhöhungen zum Jahreswechsel. Zu dem Zeitpunkt erledigt die Mehrheit der Versicherer ihre Beitragsanpassungen. Aber spätere Schritte unterm Jahr sind keineswegs ausgeschlossen, und ein paar große Gesellschaften ziehen traditionell zum zweiten Quartal nach.
Schwacher Trost: Zum vergangenen Jahreswechsel fiel der Anstieg mit einem Schnitt von 18 Prozent noch heftiger aus.
Besonders bitter ist es für Versicherte, die es in den vergangenen Jahren schon öfter getroffen hat. Selbst wenn Ihre Prämie bereits im vergangenen Januar angestiegen sein sollte, kann eine Erhöhung zum kommenden Jahreswechsel auf Sie zukommen.
Dieter Homburg, Versicherungsmakler aus Lippstadt in Westfalen, hat die aktuellen Preissteigerungen für die wichtigsten Tarife mit Unterstützung des Dienstleisters Gewa Comp in der folgenden Tabelle zusammengestellt. Da findet sich mancher Ausreißer, etwa der AXA-Tarif »Vital 900«, der sich je nach Versichertem um bis zu 78 Prozent erhöhen kann; aber auch, wer beim R+V-Tarif »Agil classic« am oberen Ende der Erhöhungsspanne liegt, muss jeden Monat 30 Prozent mehr berappen.
Die hier gezeigten Daten melden die Versicherungen selbst, unter anderem an Anbieter von Software für Versicherungsmakler und -berater wie Gewa Comp. Angegeben ist hier jeweils die Spanne der aktuellen Erhöhungen. Wie stark innerhalb dieser Spanne erhöht wird, hängt vom Einzelfall ab.
Wenn sich die Erhöhungsschritte über die Jahre läppern, wird es für manche Versicherte finanziell eng. Etwa für Herrn Schmidbauer, einen Kunden von Homburg. Der Rentner, der in Wirklichkeit anders heißt, aber seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will, zahlte 2016 noch rund 450 Euro monatlich. 2025 ist er bei mehr als 800 Euro angelangt. Eine faktische Verdoppelung in zehn Jahren.
»Das ist zwar ein besonders heftiges Beispiel«, sagt Homburg, »aber wirklich kein Einzelfall.« Aus seinem Beratungsarchiv wisse er, wie stark einzelne Tarife über lange Zeiträume anzögen – oft ohne dass Betroffene das rechtzeitig bemerkten oder gegensteuerten.
Starke Sprünge bei den Beiträgen sind für die private Krankenversicherung typisch. Das liegt daran, dass die Kosten erst eine bestimmte Höhe erreichen müssen, bevor die Beiträge erhöht werden dürfen. Deshalb bleibt der Beitrag eine Weile gleich und steigt dann plötzlich stark.
In letzter Zeit ziehen die Kosten aber beträchtlich an. »Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis mehrerer, sich überlagernder Entwicklungen«, sagt Homburg:
Die langjährige Niedrigzinsphase ist vorüber, und das schlägt nun mit voller Wucht auf die Kalkulationen der Versicherungsgesellschaften durch. Denn jede PKV legt Geld zurück, um für die höheren Kosten gerüstet zu sein, wenn die Kunden älter und gebrechlicher sind. Für diese Altersrückstellungen nahmen sie früher Zinserträge von 3,5 Prozent an, doch seit der Finanzkrise lagen diese Erträge deutlich niedriger – und damit auch die angesparte Summe. (Erst die jüngste Zinswende brachte etwas Erleichterung, die sich aber praktisch noch nicht auf die Prämienhöhen auswirkt.)
Die Gesundheitskosten sind massiv gestiegen und wirken sich nun mit zeitlicher Verzögerung auf die Prämien aus. Derweil geht der Kostenanstieg im Gesundheitswesen munter weiter, getrieben unter anderem von guten Lohnabschlüssen fürs Pflegepersonal und der Inflation der vergangenen Jahre – nicht umsonst hat auch die gesetzliche Krankenversicherung Geldsorgen.
Die Rechnungsgrundlagen werden turnusgemäß geprüft und angepasst.
Auch in der PKV macht sich die demografische Entwicklung bemerkbar. Es kommen weniger junge Kunden nach, der Altersschnitt steigt – und mit ihm die medizinischen Risiken.
Und viele Tarife, die vor 10 bis 20 Jahren vertriebsorientiert kalkuliert wurden, haben ihre Finanzpuffer aufgezehrt und verteuern sich deshalb besonders stark. Für Homburg ein besonders wichtiger Punkt: »Hier sehen wir teils überdurchschnittliche Anpassungen von 20 Prozent und mehr in einem Jahr.«
Der Mechanismus funktioniert so: Manche private Krankenversicherungen kalkulieren neue Tarife mit besonders optimistischen Annahmen über die künftigen Ausgaben und legen deshalb weniger Geld für die Zeit beiseite, in der die Kunden älter werden und häufiger in medizinischer Behandlung sind. Damit halten sie die Prämien am Anfang klein, in den Tabellen der Vergleichsportale sieht das sehr attraktiv aus. Bei Kostenanstiegen müssen sie aber die Prämien für die Kunden erhöhen – und oft besonders stark, wenn es geringere Rücklagen gibt.
Teure Discounttarife
Diese ursprünglichen Discounttarife spielen in der Öffentlichkeit kaum eine Rolle. Denn manche Anbieter schließen Tarife nach ein paar Jahren. Bedeutet: Dort werden dann keine Neukunden mehr aufgenommen – und der Versicherer ist nicht verpflichtet, die Prämienentwicklung in geschlossenen Tarifen zu veröffentlichen. Hier sind starke Anstiege möglich, ohne dass sie in öffentlichen Übersichten auftauchen – auch in unserer Tabelle fehlen sie, weil ein vollständiger Überblick über diese Tarife nicht möglich ist. Derweil eröffnen manche Gesellschaften wieder neue, knapp kalkulierte Tarife. (Lesen Sie hier mehr zu diesem Thema.)
Homburg erfährt von solchen versteckten Preisentwicklungen durch Beratungskunden. Seit 25 Jahren vergleicht er so die Beitragsverläufe privater Krankenversicherungen. Und er sagt: »2026 wird kein zufälliges Teuerungsjahr, vielmehr zeigen sich die Folgen jahrzehntelanger Kalkulations- und Vertriebspolitik in Verbindung mit dem aktuellen Kostendruck.«
Besserung ist nicht in Sicht, im Gegenteil. Es liegt ein Entwurf für eine neue ärztliche Gebührenordnung (GOÄ) vor, der laut Experten Honoraranhebungen von 15 bis 25 Prozent bringen könnte.
Was Sie tun können
Leider ist ein Wechsel der Versicherung selten die beste Lösung. Denn bei jedem neuen Vertragsabschluss wird eine erneute Gesundheitsprüfung fällig. Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die neue Versicherung gesundheitliche Beschwerden als Risiko einstuft, was den Beitrag von vornherein verteuern kann.
Hinzu kommt die Frage nach Ihren Altersrückstellungen, die Ihre Versicherung für Sie anspart. Zwar können Sie diese seit 2009 zu einem neuen Anbieter mitnehmen – allerdings oft nicht in vollem Umfang. Dieser Verlust kann sich langfristig negativ auf Ihre Beitragsentwicklung auswirken. Ein Wechsel lohnt sich daher, wenn überhaupt, meist nur für junge PKV-Kunden.
Anstatt zu kündigen, lohnt sich eine genaue Analyse Ihrer aktuellen Police. Hier verbergen sich oft ungeahnte Möglichkeiten. Zum Beispiel:
Familienmitglieder: Meist sind die Kinder von PKV-Kunden bei der gleichen Gesellschaft versichert. Ist das auch bei Ihnen so, sollten Sie prüfen, ob eine separate Versicherung bei einer anderen Gesellschaft nicht günstiger wäre. Dieser einfache Check kann zu einer erheblichen monatlichen Ersparnis führen und ist problemlos möglich, weil für Kinder und Jugendliche noch keine nennenswerten Altersrückstellungen angespart wurden.
Veraltete Risikozuschläge: Häufig zahlen Versicherte jahrelang Zuschläge für Gesundheitsrisiken, die längst nicht mehr existieren. Ein klassisches Beispiel ist ein Rückenleiden, das bei der ursprünglichen Gesundheitsprüfung angegeben wurde, aber seit Jahren ausgeheilt ist. Mit einer ärztlichen Bestätigung können Sie solche Zuschläge streichen lassen. Experte Homburg berichtet vom Fall einer Kundin, die so ihren Monatsbeitrag um beachtliche 176 Euro senken konnte.
Guter Rat: Eine fachkundige Beratung kann weitere Sparmöglichkeiten aufdecken.
Weitere Tipps finden Sie hier und hier .
Und wer weiß, vielleicht haben Sie in diesem Jahr ja ähnliches Beitragsglück wie meine Bekannte.
Das wünscht Ihnen Ihr Matthias Kaufmann
