Erziehungsarbeit und Ermittlungsarbeit sind im Sonntagskrimi noch nie gut zusammengegangen. Zwar wird Kommissarinnen und Kommissaren immer mal wieder ein Kind angedichtet, aber wenn es mal in einzelnen Folgen zu sehen gewesen ist, verschwindet es auch schon bald wieder in der Versenkung. Liegt es an der Überforderung der Drehbuchautoren oder regiert ausgerechnet im Fernsehkrimi der sonst so um Achtsamkeit bemühten öffentlich-rechtlichen Sender eine massive Kinderfeindlichkeit?
So oder so wird die Nachwuchspflege offenbar als irrelevant eingestuft; als berufstätige Mütter kommen Kommissarinnen im »Tatort« oder »Polizeiruf« kaum vor. Es wirkt geradezu so, als glaubten die Verantwortlichen, dass der Nachwuchs die Spannung zerstören würde. Soll sich das Kind doch selbst erziehen!
Darstellerinnen Luna Jordan (l.) und Claudia Michelsen: Keine Haltungsangebote zum Nulltarif
Foto: Felix Abraham / MDRBei wem das mit dem Selbsterziehen schon mal nicht geklappt hat, ist der Sohn von Kommissarin Brasch (Claudia Michelsen). Der junge Mann hatte gleich in der ersten Folge des Magdeburger »Polizeiruf« 2013 einen brutalen Auftritt. Damals war er ins rechtsextreme Milieu abgerutscht und voller Hass unterwegs. Hass gegen den Staat, Hass gegen die Mutter. Brasch kam nicht mehr an ihn heran, weder als Ermittlerin noch als Mutter. Bald tauchte der Sohn nicht mehr auf. Stattdessen war es immer ein bisschen so, als hätte die Kommissarin eine Epiphanie, wenn sie mit traurigem Blick auf die jugendlichen Delinquenten schaute, von denen es im Magdeburger »Polizeiruf« im Verlauf der verschiedenen Fälle auffällig viele gab. Sah sie da auch immer den verlorenen Sohn?
Man ist jedenfalls durchaus gewillt zu glauben, dass die Abwesenheit des Kindes im Brasch-Revier Konzept war. Denn in der aktuellen Folge wird diese Abwesenheit nun dramaturgisch klug aufgelöst.
Der Kampf zwischen Pro-Life und Pro-Choice
Es geht um den Mord an einer jungen Frau, die bei einer Gynäkologin gearbeitet hat, in deren Praxis Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden. Vor der Praxis haben sich christliche Fundamentalisten aufgebaut, die schwangere Frauen einzuschüchtern versuchen. Junge Aktivistinnen versuchen wiederum, die schwangeren Frauen bei ihrem schwierigen Gang zu unterstützen. Und eine Abiturientin aus Polen (Nicola Magdalena Lüders), die in Magdeburg eine Abtreibung vornehmen will, weil das in ihrer Heimat kaum noch möglich ist, ohne sich großer Gefahr auszusetzen, gerät zwischen die Fronten von sachsen-anhaltinischen Pro-Life und Pro-Choice-Aktivistinnen.
Ein religiös besessener Mann entführt die junge Polin schließlich: Sein Wille geschehe, ihr Körper gebäre.
»Your Body, my choice« lautet der Titel dieser »Polizeiruf«-Folge (Regie: Franziska Schlotterer, Drehbuch: Annika Tepelmann). Und sie spielt sämtliche Anmaßungen (religiös, männlich) und Ermächtigungen (solidarisch, weiblich) durch, die bei so einem Stoff eben durchgespielt werden müssen. Das ist verantwortungsvoll, aber auch vorhersehbar.
Wirklich aufwühlend wird es, als Kommissarin Brasch ihre eigene Mutterrolle reflektiert. In Anbetracht der jungen Frauen, die sich gegen das Kind entscheiden, wird sie noch mal mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert. Sie war damals in einer ähnlichen Situation, stolperte dann aber in die Mutterschaft, von der sie angesichts ihres entfremdeten und aufgegebenen Sohnes annimmt, ihr nicht gerecht geworden zu sein. Es sind schonungslose Szenen, die man so im deutschen Fernsehen mit seinen vielen Haltungsangeboten zum Nulltarif selten sieht.
Michelsen hält ihre Figur gekonnt in der Schwebe, es gibt keine länglichen Erklärdialoge. In den abstrakten Pro-Life/Pro-Choice-Abwägungen kommt Brasch ganz konkret auf ihren Sohn zu sprechen, verstummt dann ratlos. In ihrem ohnmächtigen Blick aber offenbart sich die Möglichkeit einer grausamen Frage, die sich im Gegensatz zum Rest der Handlung nicht einfach wegpolitisieren lässt: Würde es mir und der Welt besser gehen, wenn ich meinen Sohn abgetrieben hätte?
Bewertung: 8 von 10 Punkten
»Polizeiruf 110: Your Body My Choice«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste
Kommissar-Karussell: Alle »Tatort«-Teams im Überblick
