Eine Studie bescheinigt der »Deutschen Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg« (DPSG) ein massives Problem mit sexualisierter Gewalt. »Tatsächlich ist der Verband durchsetzt von sexualisierter Gewalt«, sagte die Leiterin des Forschungsprojekts, Sabine Maschke, bei der Vorstellung der Ergebnisse in Köln.
Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Täter überwiegend männliche Leiter seien, die ihre Vertrauens- und Machtposition ausgenutzt hätten; Opfer seien oft weibliche Minderjährige. Daneben gebe es auch sexualisierte Gewalt, die von gleichaltrigen Jugendlichen ausgehe.
Grundlage der Untersuchung sind Daten aus verschiedenen Erhebungen. Während eines Pfingstlagers wurden rund 400 volljährige Pfadfinder befragt. In einem Lager für Leiter befragten die Forscher 45 Personen. Hinzu kamen Onlinefragebögen und die Arbeit mit Archivmaterial. Jedoch schränken die Forscher ein, sie hätten über die Archive der DPSG hinaus nur Zugang zu Archiven von zwei Bistümern erhalten. Das habe die Aufarbeitung erschwert. Sie erstreckt sich von der Verbandsgründung 1929 bis ins Jahr 2022.
»Sehr, sehr anzügliche Nachrichten«
56 Prozent der rund 400 befragten Pfadfinder gaben an, selbst bereits nicht körperliche sexualisierte Gewalt erlebt zu haben. Damit ist gemeint: Beleidigungen, Gesten, anzügliche Nachrichten.
Eine Betroffene berichtete etwa, ein Leiter habe ihr über zwei Jahre »sehr, sehr anzügliche Nachrichten« geschrieben und unter emotionalem Druck Nacktbilder eingefordert. »Mir geht es gerade schlecht. Weißt du, was mir helfen würde? Ein Bild von deiner Vulva«, schrieb er laut der Untersuchung. Jede fünfte Person berichtete von körperlicher sexualisierter Gewalt. Drei Viertel haben nach eigener Angabe sexualisierte Gewalt beobachtet.
»Alkohol spielt in der DPSG eine große Rolle«, sagte Studienautorin Maschke. Der unbeschwerte Umgang damit habe Missbrauch in den Reihen der Pfadfinder begünstigt. Hinzu kämen starke gemeinschaftsstiftende Elemente bis hin zu einer »spirituellen Zugehörigkeit«, die Loyalität einfordere. Kritik an einer »symbolischen Überhöhung pfadfinderischer Tradition« werde als Verrat markiert, resümiert die Forscherin.
Wissenschaftlerin Maschke: Ein »tiefgreifender Umbau« sei nötig
Foto: Thomas Banneyer / dpaDas Team kritisierte »ein gewisses Desinteresse« der katholischen Kirche am Aufarbeitungsprozess. Während der von 2023 bis 2025 dauernden Arbeit an der Untersuchung sei der Platz eines Vertreters der deutschen Bistümer dauerhaft unbesetzt gewesen.
In manchen Fällen gingen die Verantwortlichen den Anschuldigungen der Studie zufolge offenbar nicht mit der gebotenen Sorgfalt nach. In einem aktuellen Fall, in dem das Opfer ein Kind sein soll und die mutmaßlichen Täter mehrere Jugendliche, schreiben die Forscher von »Verschleppung, Beschönigung«.
»Institutionell gewachsene Verantwortungslosigkeit«
Wissenschaftlerin Maschke sprach von einer »institutionell gewachsenen Verantwortungslosigkeit«. Um sexualisierte Gewalt in Zukunft einzudämmen, sei »ein tiefgreifender Umbau der Verbandsstrukturen nötig«. In diesen Prozess müssten Betroffene einbezogen werden, und er müsse von einem externen Gremium begleitet werden.
Die DPSG-Bundesvorsitzende Annkathrin Meyer bat alle Betroffenen um Entschuldigung. »Wir erkennen euer Leid an«, sagte sie. Der Verband habe versagt. »Als Institution haben wir nicht ausreichend geschützt, hingeschaut und zugehört.«
Wie viele junge Menschen tatsächlich sexuelle Gewalt in der DPSG erlebt haben, lasse sich aus der Untersuchung nicht ableiten, sagte Ludwig Stecher von der Universität Marburg. Die Befragungen seien nicht repräsentativ.
Die DPSG ist Mitglied im Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) und hat nach eigenen Angaben mehr als 83.000 Mitglieder in rund 1100 Ortsgruppen, die in der Regel an Kirchengemeinden angebunden sind.
