SpOn 02.12.2025
14:06 Uhr

Patienten in Ostdeutschland warten länger auf Arzttermine


Wer hat die besten Chancen auf einen Arzttermin? Das hängt stark vom Wohnort ab – und vom Versicherungsstatus. Eine neue Umfrage zeigt das wahre Ausmaß der Unwucht.

Patienten in Ostdeutschland warten länger auf Arzttermine

Das deutsche Gesundheitssystem hat ein Gerechtigkeitsproblem: Wer wo und wie schnell behandelt wird, hängt stark vom Versicherungsstatus und der Postleitzahl ab. Eine repräsentative YouGov-Erhebung im Auftrag des Telemedizinanbieters Teleclinic unter rund 2000 Bürgern zeigt, wie tief sich die Ungleichheit im Zugang zu Ärzten und Behandlungsterminen inzwischen in den Alltag eingeschrieben hat. 1758 für die Studie Befragte sind gesetzlich versichert, 235 privat.

Zwischen Wartezimmer und Warteliste

Etwa ein Drittel der Befragten hat demnach im vergangenen Jahr mindestens einmal auf einen Arztbesuch verzichtet, weil kein Termin frei war. Für 25 Prozent der gesetzlich Versicherten verlängert sich die Wartezeit auf über vier Wochen, bei Privatpatienten betrifft das nur rund zehn Prozent. Lange Wartezeiten sind damit keine bloße Unannehmlichkeit, sondern ein Faktor, der über Behandlung oder Nichtbehandlung entscheidet – und das in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt.

Daneben nennen einige Befragte auch physische Barrieren – etwa eingeschränkte Erreichbarkeit von Praxen – oder sprachliche Verständigungsprobleme als Hürden im Zugang zur Versorgung.

Die Ergebnisse der Befragung verfestigen den Befund: Das Zwei-Klassen-System im Gesundheitswesen ist nicht nur gefühlt, sondern wird durch die Daten sichtlich messbar. Auf dem Land sehen 52 Prozent der Befragten das Fehlen von Ärzten als gravierendes Problem, in Städten sind es 32 Prozent. In vielen Regionen Ostdeutschlands stehen Patienten vor verschlossenen Türen oder langen Anfahrtswegen – ein strukturelles Problem, das sich über Jahrzehnte aufgebaut hat.

Wer schneller drankommt, wird besser versorgt

Auch bei der wahrgenommenen Qualität zeigen sich Gräben: 57 Prozent der Privatversicherten bewerten die Versorgung als gut oder sehr gut – aber nur 33 Prozent der gesetzlich Versicherten. Das legt nahe, dass Unterschiede nicht nur in der Wartezeit, sondern auch in der Wahrnehmung der Behandlung liegen. Privatversicherte nehmen das System als verlässlicher und hochwertiger wahr; für Kassenpatienten hingegen wird der Arztbesuch häufiger zum Geduldsspiel. Der SPIEGEL hatte vor einigen Monaten eine eigene Datenanalyse durchgeführt und kam zu ähnlichen Ergebnissen. 

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Eine Frage der Postleitzahl

Die neue YouGov-Umfrage zeigt deutliche regionale Differenzen. In Bayern bewerten 48 Prozent der Befragten die medizinische Versorgung als gut oder sehr gut, in Nordrhein-Westfalen sind es 36 Prozent – beide liegen damit im oberen Bereich der bundesweiten Bewertungen. In Sachsen und Thüringen hingegen liegt der Anteil bei unter 30 Prozent. Der Ost-West-Vergleich fällt ohnehin ernüchternd aus: Patienten im Osten warten länger, berichten häufiger von fehlenden Ärzten und eingeschränkten Öffnungszeiten. Im Westen wiederum gelten Wartezeiten zwar als ärgerlich, aber seltener als existenzielles Versorgungsproblem. Es ist ein Muster, das zu den demografischen Linien passt: ältere Bevölkerung, geringere Arztdichte, mehr strukturschwache Regionen.

Im städtischen Raum überwiegt die Zufriedenheit, doch selbst dort klagen viele über überlastete Praxen und Fachkräftemangel. Auf dem Land dagegen droht ein weiterer Rückzug der ärztlichen Versorgung – besonders in strukturschwachen Regionen Nord- und Ostdeutschlands.

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Digitale Angebote gelten manchem als Lösung – ganz im Sinne des Auftraggebers der Umfrage. Doch bislang bleibt der Einfluss der Angebote bescheiden. Nur fünf Prozent der Befragten gaben an, in den vergangenen zwölf Monaten eine Videosprechstunde genutzt zu haben. Dabei wären 44 Prozent bereit, digitale Beratung zu wählen, wenn sie sofort verfügbar wäre, anstatt auf einen Termin in zwei Wochen zu warten. In der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen liegt die Bereitschaft sogar bei 56 Prozent. Es fehlt also nicht an Offenheit, sondern an Verfügbarkeit.

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Die Umfrage zeigt, dass E-Rezepte (46 Prozent) und Onlineterminbuchungen (37 Prozent) bereits signifikant häufiger von den Befragten genutzt werden als die Videosprechstunde. Bei den E-Rezepten ist das kein Wunder: Seit 2024 sind Ärztinnen und Ärzte verpflichtet, bei verschreibungspflichtigen Medikamenten, die zulasten der gesetzlichen Krankenkasse verordnet werden, die elektronische Form zu nutzen. Nur in bestimmten Ausnahmefällen ist weiterhin ein Papierrezept zulässig.