Der Anblick mitten in Paris war spektakulär: Im September 1985 hatte das Paar Christo und Jeanne-Claude die Pont Neuf, die älteste erhaltene Brücke über die Seine, mit Stoffbahnen verhüllt. Das Projekt machte die beiden über die Kreise der Kunst hinaus bekannt – und bereitete den Weg für eine noch größere Verhüllungsaktion: den »Wrapped Reichstag« in Berlin.
Christo und Jeanne-Claude, 1985: Pont Neuf verhüllt
Foto: Christo and Jeanne-Claude Foundation / Foto: Wolfgang VolzIm Sommer hatten Christo-Fans um die Unternehmer Roland Specker und Peter Schwenkow eine Lichtprojektion am Reichstag unterstützt, die für die »Zeit« zum »Kunstflop des Jahres« wurde. Die Hommage an die Reichstagsverhüllung des verstorbenen Kunstpaars hatte Vladimir Yavachev initiiert, der Neffe von Christo. Jeanne-Claude war 2009 gestorben, Christo 2020.
Die negativen Kritiken in Berlin haben Yavachev nicht davon abgehalten, weiter an einer Hommage an Christo und Jeanne-Claude in Paris zu arbeiten. Diesmal dürfte die Aktion spektakulärer geraten als die flüchtige Lichtprojektion: Der französische Künstler JR soll die Pont Neuf temporär in eine Höhle verwandeln.
Projektskizze von JR: »Herausfordernste Sache«
Foto: Atelier JRUrsprünglich hätte JR seine »Re-Imagination« der Brücke zum 40-jährigen Jubiläum der Aktion von Christo und Jeanne-Claude bereits in diesem Jahr vornehmen sollen. Im Sommer gaben JR und die Stiftung des Kunstpaares eine Verzögerung bekannt. Nun steht fest: Vom 6. bis zum 28. Juni soll die 232 Meter lange Brücke erneut verhüllt sein – und dabei begehbar bleiben.
Der stets mit Hut und Sonnenbrille auftretende enigmatische Künstler JR begann mit Graffiti, später fotografierte er andere Street-Art-Künstler bei ihrer Arbeit. Er drehte 2017 gemeinsam mit Agnès Varda einen Dokumentarfilm, »Augenblicke: Gesichter einer Reise«, der ihm eine Oscarnominierung einbrachte.
Schon im Jahr zuvor hatte JR die Glaspyramide im Innenhof des Louvre durch eine optische Täuschung scheinbar verschwinden lassen. Während der Umbauarbeiten am Operngebäude Palais Garnier wurde dieses durch ein von JR entworfenes Banner verhüllt. Nun also ein Projekt, das JR dem »Guardian« gegenüber beschreibt als »zu hundert Prozent die herausforderndste Sache, die ich je gemacht habe«.
Von JR verhülltes Palais Garnier: Kunst im öffentlichen Raum
Foto: Prezat Denis / ABACAPRESS / picture allianceDie Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo unterstützt das Projekt von JR und Vladimir Yavachev mit warmen Erinnerungen an das Projekt von 1985: »Es war ein unvergesslicher Moment der Poesie und Schönheit«, wird Hidalgo in einer Pressemitteilung zitiert. »Was für eine wundervolle Idee, diese künstlerische Geste durch JRs immenses Talent wiederzubeleben!«
JR präsentiert Bürgermeisterin Hidalgo sein Pont-Neuf-Projekt
Foto: Marc Azoulay / Atelier JRIn den Achtzigerjahren waren Christo und Jeanne-Claude noch auf deutlich mehr Widerstand durch den damaligen Pariser Bürgermeister Jacques Chirac gestoßen. Chirac hatte 1982 die Verhüllungspläne abgelehnt. Durch einen Trick erhielt das Paar zwei Jahre später doch eine Unterschrift – der Bürgermeister hatte den Antrag nichts ahnend in einem größeren Stapel mitunterschrieben.
Pont Neuf 1985
Foto: Christo and Jeanne-Claude Foundation / Foto: Wolfgang VolzDie Christo-und-Jeanne-Claude-Stiftung betont, dass das Kunstwerk von JR frei zugänglich sein wird und privat finanziert werde, also ohne staatliche Mittel. »Jeanne-Claude sagte immer, dass es kosten wird, was es kosten muss«, sagte Yavachev dem »Guardian« auf die Frage nach dem Preis des Projekts. »Das ist eine großartige Antwort«, freute sich JR.
