SpOn 27.11.2025
07:27 Uhr

Papst Leo XIV.: Erste Auslandsreise führt den Pontifex in die Türkei und den Libanon


Die Erwartungen an den ersten Papst aus den USA waren riesig. Doch wohin will Leo XIV., der nun zu seiner ersten Auslandsreise in die Türkei und den Libanon aufbricht, seine Kirche führen?

Papst Leo XIV.: Erste Auslandsreise führt den Pontifex in die Türkei und den Libanon

Laute Popmusik dröhnt aus den Boxen, das Kolosseum erstrahlt im Abendlicht, als sich Leo XIV. von seinem Platz erhebt. Der Papst nimmt eine Fackel in die Hand und zündet eine Kerze an.

Seit fast einem halben Jahr ist Robert Prevost an jenem Abend des 28. Oktober im Amt. Lautlos und unauffällig hat er im Vatikan die Geschäfte geführt. Aber beim Friedensgebet vor dem Kolosseum findet er klare Worte: »Es ist genug mit den Kriegen, mit ihren leidvollen Häufungen von Toten, Zerstörungen und Vertriebenen!« Ein Sikh mit weißem Bart und Turban zündet nach ihm eine Kerze an, ebenso eine protestantische Bischöfin und ein Imam.

Das Treffen der Weltreligionen in Rom ist wie eine Generalprobe für die erste Auslandsreise des Papstes. Am Donnerstag fliegt Leo für ein ökumenisches Treffen mit anderen Konfessionsführern in die Türkei. Anschließend geht es weiter in den Libanon. Den Heiligen Vater erwarte »ein Schrei nach Hilfe«, haben libanesische Katholiken vorab gesagt.

Als am 8. Mai weißer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle steigt, jubelt die Welt dem Neuen zu. Auf dem Petersplatz wird er wie ein Popstar gefeiert.

Leo XIV. mit Kardinälen in der Sixtinischen Kapelle (am 9. Mai 2025): Bedürfnis nach Ruhe

Leo XIV. mit Kardinälen in der Sixtinischen Kapelle (am 9. Mai 2025): Bedürfnis nach Ruhe

Foto: Vandeville Eric / ABACAPRESS / IMAGO

Doch Robert Prevost, der erste Papst aus den USA, entzieht sich diesem Spiel. Er macht Langeweile zum Führungsprinzip. Er wolle sich »klein machen« und lediglich ein »Verwalter« sein, sagt Leo am zweiten Tag seines Pontifikats.

Seither rätselt die Welt, was der 267. Papst mit seiner Kirche will. Sein Vorgänger Franziskus, alias Jorge Mario Bergoglio, war ein Charismatiker, ein Menschenfänger. Schon bei seiner ersten Messe in der Sixtinischen Kapelle bewies er Showtalent, er hielt eine freie Rede, lächelte, gestikulierte, schaute sein Publikum an wie ein gütiger Opa.

Leo dagegen kneift am selben Ort zwölf Jahre später die Lippen zusammen. Durch seine graue Brille schaut er auf die vor ihm versammelten Kardinäle, mit vorsichtigem, fragendem Blick. Er ähnelt einem Behördenchef, der eine lästige Pflicht absolviert.

In nur vier Wahlgängen haben sich die Kardinäle nach dem Tod Franziskus’ auf den stillen Amerikaner geeinigt. Ihr Bedürfnis nach Ruhe ist offenkundig groß – der impulsive, mitunter autoritäre Regierungsstil des Vorgängers hatte viele genervt. Ebenso seine manchmal flapsig-abwertenden Bemerkungen über das kirchliche Establishment oder die strenge katholische Sexualmoral.

Vorgänger Franziskus (im März 2024): Flapsige Bemerkungen über die Sexualmoral

Vorgänger Franziskus (im März 2024): Flapsige Bemerkungen über die Sexualmoral

Foto: Alessandra Tarantino / dpa

Der Neue solle das Franziskus-Feuerwerk durch eine besonnene, inhaltlich moderate Führung ersetzen, so lautete der Wunsch vieler Kirchenfürsten, die nach dem Tod des Alten am 21. April aus ihren Bistümern nach Rom geeilt waren, um vor der Wahl über die Zukunft zu beraten.

Ob Leo sich daran hält? Monaltelang hat er keine Agenda, keine Vision formuliert. Es ist, als würden seine Absichten hinter jenen Schwaden von Weihrauch verschwinden, mit denen er beim Gottesdienst den Altar umnebelt. Erst jetzt, kurz vor dem Abflug in die Türkei, hat er sein erstes großes Lehrschreiben veröffentlicht und die Ökumene, also das Miteinander der christlichen Konfessionen, zu seinem Thema gemacht. Theologische Kontroversen hätten »ihre Daseinsberechtigung verloren«, schreibt er. »Was uns eint, ist tatsächlich weit mehr als das, was uns trennt!«

Papst Leo XIV. zeigt ein konservatives Profil

Und er setzt Zeichen. Am Heiligen Stuhl, wo jedes Tuch, jede Farbe, jedes Altarsilber und jede Geste eine Bedeutung hat, verfolgen die Monsignori, Exzellenzen und Eminenzen aufmerksam, wie Leo sich kleidet, wie er wohnt und wie er sich bewegt. Es sind Äußerlichkeiten, an denen sie eine Art Regierungserklärung des Neuen ablesen.

Sichtbar wird im Fall Prevost ein bemerkenswert konservatives Profil.

Es ist ein verregneter Herbstabend in Rom. Der Münsteraner Kirchenhistoriker und Priester Hubert Wolf hat den Tag in Vatikanarchiven verbracht und die Geschichte früherer Päpste recherchiert. Jetzt nimmt er in einem Caffè Platz und zieht eine erste Bilanz des Prevost-Pontifikats.

»Leo steht für Restauration.«

Kirchenhistoriker Hubert Wolf

»Ich hatte die Hoffnung, dass der neue Papst weltweit unterschiedliche Formen des Katholischseins zulässt«, sagt der Theologieprofessor. Dass also zum Beispiel in Deutschland Frauen zu Diakoninnen und in Amazonien verheiratete Männer zum Priester geweiht werden dürfen.

Doch Wolf ist skeptisch, ob es noch zu Reformen kommt: »Leo steht für Restauration.«

Kardinal Burke (am 13. April auf dem Petersplatz): Leo hat den reaktionären Erzfeind von Franziskus rehabilitiert

Kardinal Burke (am 13. April auf dem Petersplatz): Leo hat den reaktionären Erzfeind von Franziskus rehabilitiert

Foto: Yara Nardi / REUTERS

Anschaulich wurde das Ende Oktober, als der Papst einen reaktionären Erzfeind von Franziskus rehabilitierte. Im goldbestickten Gewand durfte US-Kardinal Raymond Burke im Petersdom, dem prominentesten Ort der Weltkirche, auf Latein eine Messe feiern. Bergoglio hatte dem Ultrarechten, der Homosexualität auf den »Satan« zurückführt und einen »radikalen Feminismus« in der Kirche beklagt, die 400-Quadratmeter-Wohnung im Vatikan und das Kardinalsgehalt gestrichen sowie Gottesdienste nach altem Ritus faktisch abgeschafft. »Leo hat sich auf die Seite der Konservativen gestellt«, sagt Wolf.

Urlauber Leo in seiner Sommerresidenz Castel Gandolfo: Schwimmen und Tennis spielen

Urlauber Leo in seiner Sommerresidenz Castel Gandolfo: Schwimmen und Tennis spielen

Foto: Andrew Medichini / AP

Montagabends verlässt der Neue normalerweise den Vatikan. Er wird nicht wie sein Vorgänger in einem kleinen, weißen Fiat chauffiert, sondern häufig in einem stattlichen, schwarzen SUV. Die Fahrt geht in die Papstresidenz von Castel Gandolfo, einem Barockschloss mit mehreren Villen, einem herrschaftlichen Park und mehr als 50 Hektar Land in den Albaner Bergen bei Rom. Der Pontifex verbringt hier fast jede Woche einen freien Tag, dienstagabends geht es in die Stadt zurück.

Schwimmen und Tennisspielen mit seinem Privatsekretär stehen anscheinend auf dem Programm. In der italienischen Presse wird sogar über Ausritte in die umliegenden Wälder spekuliert, wie sie am päpstlichen Hof im 18. Jahrhundert üblich waren. Immerhin war Prevost während seiner Bischofszeit in Peru oft auf dem Sattel in den Anden unterwegs. Als ihm Mitte Oktober ein Vollblutaraberhengst namens Proton in der Papstfarbe Weiß geschenkt wurde, tätschelte er ihm liebevoll die Nüstern – das Pferd soll in Castel Gandolfo leben.

Pferdefan Prevost mit neuem Hengst: Ausritte wie im 18. Jahrhundert?

Pferdefan Prevost mit neuem Hengst: Ausritte wie im 18. Jahrhundert?

Foto: Vatican Media / EPA

Da draußen könne Leo »entspannen«, hat John Prevost gesagt, ein pensionierter Lehrer aus der Nähe von Chicago, der jeden Tag mit seinem kleinen Bruder in Rom telefoniert und mit ihm gemeinsam oft Onlinekreuzworträtsel löst. Castel Gandolfo habe noch einen anderen Vorteil, sagt er: »Er muss nicht ständig sein Papst-Outfit tragen.«

Für den neuen Pontifex mindestens ebenso wichtig, heißt es in Kirchenkreisen: Wenigstens einmal pro Woche könne er, befreit von den zahllosen Audienzen und dem höfischen Zeremoniell im Vatikan, Zeit zum Lesen und Nachdenken finden – und mit kühlem Kopf Strategien entwickeln, statt wie Franziskus oft spontane Ideen zu äußern.

Leos Vorgänger hatte es abgelehnt, die Schlossanlage zu nutzen. Er lebte neben gewöhnlichen Vatikanmitarbeitern und Besuchern in einem Gästehaus gegenüber der Tankstelle des Kirchenstaats. Auch hier setzt sich Prevost von Bergoglio ab: Er will wieder die lange verwaiste Papstresidenz im Apostolischen Palast beziehen, sie wird seit Monaten für ihn renoviert.

Franziskus setzte auf Bescheidenheit – Leo liebt Prunk

Franziskus habe sich »von Symbolen befreit«, alte Ehrentitel zur Seite gelegt und versucht, sich auf eine Stufe mit dem Volk zu stellen, schreibt der römische Vatikanexperte Andrea Gagliarducci in seinem Blog »MondayVatican«. Ausgerechnet ein Papst aus der Neuen Welt bringe nun die alten Symbole zurück. »Er versteht die Institutionen, ihre Geschichte und verachtet sie nicht.«

Mehr Prunk, weniger Glamour: Besonders deutlich wurde Leos Haltung, als er Mitte Oktober den italienischen Staatspräsidenten Sergio Mattarella besuchte. Er hätte im schlichten, weißen Gewand erscheinen und wie sein Vorgänger bei einer ähnlichen Gelegenheit aufs große Protokoll verzichten und im Kleinwagen vorfahren können.

Vorgänger Franziskus vor seinem Renault R4: Im Kleinwagen vorfahren

Vorgänger Franziskus vor seinem Renault R4: Im Kleinwagen vorfahren

Foto: Osservatore Romano Press Office / dpa

Doch Leo ließ sich zunächst vom italienischen Außenminister empfangen, als er am Petersplatz die Grenze seines Kirchenstaats zur italienischen Republik überquerte. Berittene, mit Degen ausgerüstete Kürassiere in Gala-Uniform eskortierten ihn, als er sich wenig später dem Quirinalspalast näherte, der Residenz des Präsidenten. Prevost trug ein rotes Schultercape, die sogenannte Mozzetta, und eine reich verzierte Stola – ehrwürdige Kleidungsstücke, die sein Vorgänger in den Kleiderschrank verbannt hatte. Sein Brustkreuz war nicht schlicht gestaltet wie bei Franziskus, sondern aus Gold.

Nachfolger Leo mit berittener Eskorte: Mehr Prunk, weniger Glamour

Nachfolger Leo mit berittener Eskorte: Mehr Prunk, weniger Glamour

Foto: Massimo Percossi / EPA

Wie soll man diesen merkwürdigen Papst verstehen, seine Rückkehr zu Traditionen deuten?

Robert habe schon als Kind, in einer Kleinstadt bei Chicago, gewusst, dass er Priester werden wolle, sagt sein älterer Bruder John Prevost: »Er nahm das Bügelbrett unserer Mutter und legte ein Tischtuch darüber, und wir mussten zur Messe gehen.«

»Bob sitzt gern am Steuer«, sagt ein Freund über den Papst

Später trat Prevost dem Augustinerorden bei. Er studierte in Rom, arbeitete in Peru, wurde Leiter seines Ordens. Zuletzt war er im Vatikan der oberste Personalchef der katholischen Kirche. So schillernd wie sein Lebenslauf sind die Urteile über seinen Charakter. Es gibt Nachbarn, die ihn als »einfach, demütig, in sich ruhend« schildern. Und Weggefährten, die seinen Führungswillen herausstellen, indem sie eines seiner Hobbys beschreiben: »Er liebt das Autofahren«, sagte ein Augustiner, der seit Jahrzehnten mit Prevost befreundet ist, dem SPIEGEL: »Bob sitzt gern am Steuer.«

Bischof Prevost (2017 in Peru): »Einfach, demütig, in sich ruhend«

Bischof Prevost (2017 in Peru): »Einfach, demütig, in sich ruhend«

Foto: Elkin Cabarcas Mora / picture alliance

Je länger Leo auf dem Heiligen Stuhl thront, desto deutlicher wird sein altmodisches Glaubensverständnis. Kirche ist für ihn keine weltoffene Gemeinschaft, sondern eine »rettende Arche, die durch die Wogen der Geschichte steuert«. Mehr Rechte für Frauen? Weg mit dem Keuschheitsgebot für Priester? Der neue Papst hält davon nichts. Er werde die strengen Dogmen der Kirche nicht ändern, hat er bereits erklärt.

Während katholische Psychologen und Therapeuten den emotionalen Stress und die Einsamkeit des Priesterberufs sowie psychische Folgen des Keuschheitsgebots problematisieren, versucht Leo, junge Messdiener für die Zukunft als Seelsorger zu begeistern. »Es ist ein wunderbares Leben«, hat er ihnen bei einer Audienz im Vatikan gesagt und ihnen gewünscht, »die Schönheit, das Glück und die Notwendigkeit« dieses Berufs zu entdecken.

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Sogar der Teufel, für viele eher ein Thema mittelalterlicher Glaubenswelten, kommt in seinen Reden immer wieder vor. Geistliche sollten Gläubige, »die tatsächlich vom Bösen besessen sind«, begleiten und zum »Sieg über Satan« führen, schrieb er in einem Grußwort an die Internationale Vereinigung der Exorzisten, also der Teufelsaustreiber der katholischen Kirche.

Auch Franziskus konnte mit aus kirchenferner Sicht verstaubt-frömmlerischen Betrachtungen überraschen. Aber im Zweifelsfall setzte er sich über Dogmen und Traditionen hinweg. Kurz nach seiner Wahl flog er nach Lampedusa, um Flüchtlingen zu helfen. Er stellte am Petersplatz Duschen für Obdachlose auf, wusch Häftlingen im Gefängnis die Füße, machte sich als erster Papst für gleichgeschlechtliche Gläubige stark und empfing regelmäßig eine Gruppe transsexueller Prostituierter bei der wöchentlichen Generalaudienz im Vatikan.

Verschanzt sich der neue Papst in seinen Palästen?

Leo hat diese Praxis abgeschafft. Oft scheint es, als verschanzte er sich in seinen Palästen.

Heilige Väter haben es nicht leicht im 21. Jahrhundert: Ihre Kirche ist ähnlich polarisiert wie die Politik, patriarchale Strukturen grenzen Frauen aus. Der Katholizismus verschwindet in vielen westlichen Gesellschaften aus dem öffentlichen Leben – in den 27 deutschen Bistümern wurden 2024 insgesamt nur 29 neue Priester geweiht, ein Rekordtief.

Demonstration gegen kirchlichen Missbrauchsskandal (2021 in Köln): Viele Gläubige wenden sich ab

Demonstration gegen kirchlichen Missbrauchsskandal (2021 in Köln): Viele Gläubige wenden sich ab

Foto: Christoph Hardt / imago images / Future Image

Gläubige wenden sich ab, frustriert von Missbrauchsskandalen und Finanzaffären. Und viele der verbliebenen Katholikinnen und Katholiken fordern, vor allem in Deutschland, Mitspracherechte und eine inklusive Kirche. Aber Leo, der als erster nach dem Zweiten Weltkrieg geborener Papst einen Generationenwechsel im Vatikan verkörpert, hat kein neues Angebot für sie.

»Ich habe noch eine lange Lernzeit vor mir.«

Leo XIV. (im September über sein Pontifikat)

Jedenfalls bisher. »Ich habe noch eine lange Lernzeit vor mir«, hat Leo im September in seinem ersten und bisher einzigen Interview gesagt. Ein Pontifex in Ausbildung? Für vatikanische Verhältnisse ist er ein jugendlicher Papst, einer, der vielleicht ein oder zwei Jahrzehnte Zeit hat für große Entscheidungen.

Manchmal staunt Prevost noch über sein Schicksal, wie bei einem Treffen mit neu geweihten Bischöfen deutlich wurde. Die Gottesmänner waren für eine Schulungswoche nach Rom gekommen. Leo sollte ihnen Orientierung geben, doch er klang so, als hätte er selbst Zweifel.

»Vielleicht sagen einige von euch immer noch: Warum bin ich ausgewählt worden?«, sagte er zu den Bischöfen. Dann fügte er hinzu: »Zumindest ich stelle mir diese Frage.«