SPIEGEL: Herr Geilhufe, Sie sind in Dresden geboren und aufgewachsen, haben dann aber zeitweise in Frankreich gelebt sowie unter anderem in Princeton und München studiert. Nun sind sie wieder Pfarrer in Sachsen. Warum an so einem eher gottverlassenen Ort?
Geilhufe: Die wichtigste Antriebsfeder ist für mich, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Als ich promovierte, habe ich einen Predigtauftrag in Nürnberg gehabt, in der Innenstadt. Das war eine wunderschöne Kirche, tolle Menschen. Aber am Ende habe ich gemerkt, dass mich mit einem Ost-Atheisten, der auch noch politisch völlig anders denkt als ich, doch mehr verbindet als mit so coolen Erzprotestanten in der Nürnberger Innenstadt. Also sitze ich in einem Provinzkaff in Sachsen und merke, dass das richtig ist, was ich mache.
SPIEGEL: Wie begegnen Ihnen die Menschen im Provinzkaff?
Geilhufe: Die Welt der Kirche und die Welt der Menschen, die dort wohnen, sind zwei weit entfernte Universen. In westdeutschen Gemeinden ist die Kirche eine Institution, in Stadtfeste und das Gefüge eingebunden. Im Osten fehlt das. Da ist die Oma 1952 aus der Kirche ausgetreten, und nun haben die Menschen schon in dritter Generation nichts mehr mit Glauben am Hut. Es gibt keinerlei Brücken.
SPIEGEL: Jetzt klingen Sie frustriert.
Geilhufe: Im Gegenteil. Viele begegnen mir mit Neugier. Kirche ist für sie ein leeres Blatt. Die wollen dann keine Unterhaltung, keine niedrigschwelligen Angebote, die wollen Schwarzbrot. Und wenn sie merken, dass man da nicht richtig liefern kann und mit seinem Glauben rumdruckst, dann sind sie auch wieder weg.
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SPIEGEL: Sind Sie deshalb auch auf Instagram aktiv, Reels statt Rumdrucksen?
Geilhufe: Der Kanal hat bei mir zwei Funktionen. Zum einen geht es mir um die christliche Bubble. Die Chancen, dass etwas innerhalb unserer Kirche gut verständlich und interessant ist, für alle anderen aber hardcore cringe, die sind extrem hoch. Manche da draußen reden von Gott wie von einem Kuscheltier. Bei mir haben viele nicht so ein Peinlichkeitsgefühl, meine Internetarbeit scheint ihnen zu gefallen, weil sie sowohl ernst als auch witzig ist.
SPIEGEL: Und die zweite Funktion?
Geilhufe: Ich nehme die Leute in meinen Alltag mit. Pfarrer sein ist ein Beruf, der nicht nach einer Predigt am Sonntagmorgen endet. Ich erkläre viel, zeige viel – von Taufen, Beerdigungen, von Bürozeiten, von der Konfirmandenarbeit. Das ist dann für die im Osten super interessant, die sonst gar keinen Kontakt zur Kirche haben.
SPIEGEL: Wollen denn die Menschen im Osten überhaupt Kirche erklärt bekommen?
Geilhufe: Mir sliden ganz viele in die DMs und bedanken sich für die Einblicke und stellen weitere Fragen. Also: ja. Und manche berufen sich ja auf christliche Werte. Gerade dem rechten Block geht es permanent um den angeblichen Untergang des christlichen Abendlandes. Aber zugleich ist kaum einer von ihnen christlich.
SPIEGEL: Neben der Kirche feiern sie auch ihre Heimat. Würden Sie sich als Ost-Influencer bezeichnen?
Geilhufe: Ja, auf jeden Fall. Die DDR hat sehr viele Gemeinden, Vereine und Traditionen zerstört und ihr Staatswesen über alles gesetzt. Das hat einen Menschentypus erschaffen, der erst jetzt so richtig zum Tragen kommt. Hier gibt es einige, denen komplett die Identität fehlt – und die nun beinahe einem DDR-Kult frönen, Putin bejubeln, sich nach Stärke sehnen. Denen will ich einen coolen, lockeren Osten gegenüberstellen.
SPIEGEL: Sie nennen es »ostdolce Vita«. Würzfleisch, Klöße, Kalter Hund – genügt das schon?
Geilhufe: Nein. Das zentrale Merkmal von dem, was ich kreiere, ist mit diesem Jammern aufzuhören. Das ist wirklich so schlimm. Es gibt hier Millionen von Menschen, die über Jahrzehnte hinweg nichts anders gemacht haben als jammern. Merkel war scheiße, Merz ist jetzt auch scheiße, der Kretschmer ist scheiße, das Dorffest ist scheiße, eigentlich ist alles scheiße. Wenn ich hier im Ort ein Fest habe, dann sind es die gleichen zehn Leute wie alle Jahre, die es organisieren. Der Rest packt nicht an, kommt dann aber zum Saufen und meckert, dass das Fest im Vorjahr besser war. Dann kommt er 364 Tage später wieder und meckert erneut. Da kann ich junge Leute verstehen, die dann lieber in den Westen ziehen.
SPIEGEL: Jetzt klingen Sie wieder frustriert.
Geilhufe: Ja. Das ist etwas, wo ich in meiner Liebe zu den Menschen dann an meine menschlichen Grenzen stoße. Es gibt für die schlechte Laune hier keinen Grund. Hier werden Unternehmen gegründet, die Kita-Dichte ist hoch, die Leute haben zwei Autos vor dem Eigenheim stehen. In Polen und Bulgarien haben sie sich 30 Jahre lang den Arsch aufgerissen, um auf unser Niveau zu kommen – und bei uns hat Recklinghausen bezahlt, während hier manche abwarten, jammern und am Ende die AfD wählen?
SPIEGEL: AfD-Wählende würden dieses Jammern eher als »Wahrheiten aussprechen« darstellen.
Geilhufe: Diese Erzählung können sie aber nicht mehr lange hochhalten. Im Netz mag das klappen, schon im Landkreis, geschweige denn in der Kommune nicht mehr. Ich sage das als jemand, der eine AfD-Stadtratsmehrheit hat, der einen AfD-Bürgermeister hat, der einen AfD-Landtagsabgeordneten hat und eine AfD-Bundestagsabgeordnete. Politische Arbeit wird von denen nicht selten mit TikTok gleichgesetzt. Die Leute werden das irgendwann merken, nämlich dann, wenn eben über Jahre hinweg nicht mehr die Gelder kommen, die die vorherigen Volksvertreter aus Brüssel und Berlin herangeschafft haben.
SPIEGEL: Das klingt so, als seien Sie auch Polit-Influencer.
Geilhufe: Das ist ja schon relativ deutlich, wo ich stehe und was für ein Machtfaktor die Kirche, gerade auf dem Land, trotz 40 Jahren Kommunismus immer noch ist. Ich befürchte, dass die AfD deshalb alles in ihrer Macht Stehende tun wird, dass in den Pfarrhäusern unserer Dörfer perspektivisch das Licht ausgeht. Die Ironie der Geschichte wäre aber, dass das dann keine »Vollendung der Wende« wäre, wie die AfD es gern propagiert, sondern DDR reloaded.
SPIEGEL: Erleben Sie Anfeindungen?
Geilhufe: Zum Glück nicht so viele. Der rechte Block gibt sich viel Mühe, Menschen aus dem Diskursraum zu verdrängen. Aber nur dort, wo sie Schwäche vermuten. Bei mir haben sie es schwer. Ich trete in diesem Raum nicht nur selbstbewusst auf, ich bin dazu konservativ, habe bald drei Kinder, ich bin verheiratet mit einer blonden Frau, die als Arbeiterkind aus dem Westen Ärztin in einem Land-Krankenhaus im Osten geworden ist. Vieles, was der Partei ja eigentlich gefällt. Und doch teile ich keine gemeinsamen Werte mit der AfD, die kriegen mich kaum zu fassen.
SPIEGEL: Aber kann das genügen, um politisch Enttäuschte wieder in die demokratische Mitte zu holen – Konservativismus auf Instagram plus »ostdolce Vita«?
Geilhufe: Keine Ahnung. Aber man kann ja einfach mal machen. Ich habe das Gefühl, dass viele im Osten nach der Wende einfach nie mit einer positiven Identität in der neuen Freiheit angekommen sind. Dass man sich in einer Gemeinschaft engagieren muss, dass man sich seiner selbst bewusst werden muss – das fehlt. Viele sehnen sich nach Stärke, die AfD spielt ja auf diese Logik ein, denunziert alles und jeden als zu weich. »Ostdolce Vita« heißt, dieser Erzählung eine positive Ost-Stärke entgegenzusetzen.


