Schummeln beim Curling? Für Sara Messenzehl eigentlich gar nicht vorstellbar. »Curling ist normalerweise eine extrem faire Sportart«, sagt sie – und sie muss es wissen. Messenzehl gehört dem deutschen Nationalteam der Frauen an, bei den Winterspielen ist sie als ZDF-Expertin für die Curlingwettbewerbe in Italien tätig.
Und doch haben es die Curler geschafft, dass sie seit Tagen wegen des Vorwurfs der Trickserei in den Schlagzeilen sind. Dass auf dem Eis böse Worte fielen, die man in Übersee nochmalerweise mit einem Piepton überblendet: »Fuck off« hieß es beim Duell zwischen Kanada und Schweden.
Curling, von schottischen Sport-Gentlemen erfunden, als hässliche Sportart – das ist neu.
Gab es eine Doppelberührung?
Worum geht es? Während der Partie warf Schwedens Oskar Eriksson dem Kanadier Marc Kennedy vor, den Stein beim Anschieben regelwidrig berührt zu haben, nachdem er ihn eigentlich schon losgelassen und auf die Reise übers Eis geschickt hatte.
Eine solche Doppelberührung ist untersagt, der Stein darf vom Anschieber nur bis zu einer gewissen Linie, der sogenannten Hog-Line, berührt werden.
Disput auf dem Eis zwischen Kanada und Schweden
Foto: Joel Marklund / Bildbyran / IMAGOKennedy jedoch soll dem Stein mit dem Zeigefinger noch einen Stups gegeben haben, das hatte Eriksson moniert und damit einen wüsten Wortwechsel ausgelöst: »You can fuck off«, reagierte Kennedy aufgebracht und wies den Vorwurf vehement zurück. Eriksson konterte: »Ich zeige dir später das Video dazu.«
Dadurch, dass alle Spielerinnen und Spieler beim Olympiaturnier mit Mikrofonen verkabelt sind, bekam das die gesamte Weltöffentlichkeit live mit. Die Schiedsrichter griffen nicht ein, Kanada gewann das Duell.
Giftpfeile flogen hin und her
Die Aufregung danach war groß. Die schwedischen Reporter warfen Kennedy im Interview Respektlosigkeit gegenüber seinen Gegnern vor. Der verteidigte sich: »Ich mag es nicht, nach 25 Jahren auf der Curling-Tour und vier Olympischen Spielen des Betrugs bezichtigt zu werden.«
Und er legte in Richtung Eriksson nach: »Vielleicht war er verärgert, weil sie die ersten beiden Spiele verloren haben und nach Strohhalmen griffen. Ich habe ihm nur noch einmal gesagt, dass ich ihn als Spieler sehr respektiere. Ich habe nie ein schlechtes Wort über Oskar Eriksson gesagt. Ich weiß nicht wirklich, was er damit bezwecken will.«
Keine Freunde fürs Leben mehr
Foto: Misper Apawu / APAus Sicht von Expertin Messenzehl hat Kennedy klar gegen die Regeln verstoßen, aber die Aufregung hält sie dennoch für übertrieben. »Man kann die Bahn des Steins mit einem Zeigefinger nicht maßgeblich verändern«, sagt sie dem SPIEGEL. Messenzehl stammt aus einer echten Curlingfamilie: Ihr Vater Markus gehörte bereits zu den besten Spielern in Deutschland, ihr Bruder Felix zählt zu dem Team, das derzeit in Italien um olympische Medaillen kämpft.
Technik kann umgangen werden
Die Abgabe des Steins vor der Hog-Line wird normalerweise durch einen Wärmesensor am Griff des Steins elektronisch kontrolliert. Wenn man allerdings unten am Granit des Steins noch mal mit einer Berührung nachhilft, dann wird das von der Technik nicht erfasst. Das hat Kennedy gemacht. »Es gehört auch zu seinem persönlichen Stil«, sagt Messenzehl.
Dass bei den Akteuren so die Nerven durchgehen, ist für sie auch dem Olympiaerlebnis geschuldet: »Bei Olympia ist der Druck noch viel höher, das gilt für Teams wie Kanada und Schweden, die beide zu den Favoriten zählen, umso mehr«, sagt sie. Die Kanadier zählen ebenso wie die US-Amerikaner ohnehin zu den Temperamentvollen der Szene, »Oskar Eriksson hingegen ist eigentlich ein Ruhiger«. Ein Schwede eben.
Dänemark gegen Schweden – »eine widerliche Partie«
Foto: Joel Marklund / Bildbyran / IMAGOWie sehr Olympia das Nervenkostüm der Curler strapaziert, sah man auch bei der Partie der Däninnen gegen Schweden im Frauen-Wettbewerb. Dort kam es am Samstag zu Trash-Talk, wie man ihn sonst auf dem Eis kaum kennt. Die Schwedin Sofia Scharback sprach danach von einer »widerlichen Partie«.
Hitzige Atmosphäre
Curling ist normalerweise ein völlig ruhiger Sport, auch die Kulisse ist komplett unaufgeregt. Bei Olympia ist das anders, da wird von Zuschauern angefeuert, wie es die Curlerinnen und Curler sonst nicht kennen. Das scheint auf die Athletinnen und Athleten abzufärben.
Dass sowohl die Schiedsrichter der Partei als auch anschließend der Verband das Verhalten von Kennedy als regulär durchgewinkt haben, kann Messenzehl nicht nachvollziehen. »Das ist ein eindeutiger Regelverstoß. Schon schwierig, darauf nicht zu reagieren.«
Das taten die Unparteiischen dann in den folgenden Partien bei den derzeit laufenden Männer- und Frauenwettbewerben. Im Duell von Kanadas Frauen mit der Schweiz wurde Skip Rachel Homan ein Stein aus der Wertung genommen, weil sie sich angeblich auch einer Doppelberührung schuldig gemacht habe.
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Auch im Spiel der deutschen Männer gegen die Briten wurde ein Stein von den Referees moniert. »Da haben die Schiedsrichter überkompensiert, was sie am Freitag versäumt haben«, sagt Messenzehl und spricht von einer »gewissen Doppelmoral«.
Am Sonntagabend wurde das Reglement daraufhin noch einmal aktuell angepasst: Jetzt sollen die Referres nur noch dann eingreifen, wenn ein Team einen Regelverstoß der gegnerischen Mannschaft moniert.
Kennedy hat inzwischen für sein Verhalten am Freitag um Entschuldigung gebeten. Nach wie vor hat er ein Fehlverhalten zurückgewiesen, seine Wortwahl sei »jedoch nicht okay« gewesen, gab er zu.
