SpOn 05.02.2026
18:46 Uhr

Olympia 2026 in Mailand und Cortina d'Ampezzo: Darum sind es die Spiele der weiten Wege


116 Entscheidungen an sechs verschiedenen Orten: Wer die Winterspiele live erleben will, muss viele Kilometer abreißen. Die Athleten vermissen olympisches Flair. Der Überblick.

Olympia 2026 in Mailand und Cortina d'Ampezzo: Darum sind es die Spiele der weiten Wege

Die Olympischen Winterspiele kehren in die Alpen zurück. Nach Vancouver 2010, Sotschi 2014, Pyeongchang 2018 und vor vier Jahren in Peking hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) die größte und wichtigste Wintersportveranstaltung der Welt nach Italien vergeben. Hier erfahren Sie alles Wichtige zu den 25. Winterspielen der Geschichte:

Wo finden die Winterspiele genau statt?

Erstmals setzt das IOC auf zwei offizielle Ausrichterstädte, Mailand und Cortina d’Ampezzo. Doch die Wettkampfstätten sind viel weiter verstreut:

  • Mailand: Den Zuschauerinnen und Zuschauern stehen in der lombardischen Metropole drei Hallen zur Verfügung. Im 1990 eröffneten Forum di Milano findet Eiskunstlauf und Shorttrack statt. Auf dem Messegeländer der Fiera Milano wurden zwei Hallen so umgebaut, dass dort die Eisschnelllauf-Wettbewerbe ausgetragen werden, zudem ist dort das zweite Eishockey-Spielfeld stationiert. Die wichtigeren Spiele im Eishockey finden in der neu gebauten Arena Milano statt.

  • Cortina d’Ampezzo: Der kleine Skiort in den Dolomiten mit knapp 5500 Einwohnern darf sich zum zweiten Mal nach 1956 Gastgeber von Olympischen Winterspielen nennen. Dieses Mal werden auf der Tofane die alpinen Skiwettbewerbe der Frauen ausgetragen, im Cortina Curling Stadium werden die Medaillen im Curling vergeben. Sehr umstritten war der Neubau des Cortina Sliding Centre, wo Bob, Rodeln und Skeleton stattfinden. Das IOC war gegen einen Neubau und hätte sich mit einer Bahn außerhalb Italiens abgefunden. Doch die italienischen Organisatoren zogen ihr Vorhaben durch, mittlerweile sollen die Baukosten von ursprünglich 40 auf ungefähr 120 Millionen Euro angestiegen sein.

  • Antholz: Regelmäßige TV-Zuschauerinnen kennen den knapp 60 Kilometer nördlich von Cortina gelegenen Ort vom Biathlon. In der modernisierten Südtirol Arena wird auch während der Winterspiele Skilanglauf und Schießen kombiniert.

  • Bormio: Knapp vier Stunden von Mailand entfernt werden auf der bekannten Weltcup-Piste Stelvio die Männer ihre alpinen Skirennen fahren. Neu im olympischen Programm ist Skibergsteigen, was ebenfalls in Bormio durchgeführt wird.

  • Livigno: Wer Snowboard und Freestyle-Skiing sehen möchte, muss von Bormio aus noch etwas weiter durch das Veltlin bis zum Livigno Snow Park fahren.

  • Val di Fiemme: Bleiben noch Skispringen, Skilanglauf und Nordische Kombination. Die drei Wettbewerbe wurden ins Val di Fiemme gelegt. Wer sich von Cortina auf den Weg macht, muss ungefähr zwei Stunden Fahrtzeit einplanen, von Mailand sind es sogar vier Stunden. In Predazzo steht das Ski Jumping Stadium, in Tesero werden die Loipen genutzt.

Warum liegen die Orte so weit auseinander?

Als die Winterspiele im Jahr 2019, noch unter dem deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach, nach Italien vergeben wurden, war die Erwartungshaltung groß. Es sollten nachhaltige Spiele werden, durch die Nutzung bestehender Wettkampfstätten und vorhandener Infrastruktur.

Das ist der wesentliche Grund für die Zersplitterung der Winterspiele. In vier Jahren wird es ähnlich sein. In Frankreich werden die Hallensportarten in Nizza beheimatet und alle anderen Wettbewerbe in den Alpen auf verschiedene Orte verteilt sein. Das IOC wollte zurück nach Europa, ein zentraler Ort, der alle Anforderungen erfüllt, ist in der aktuellen wirtschaftlichen Lage aber schwer zu finden.

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Kritiker bemängeln die Demontage des olympischen Gedankens. Alle Athletinnen und Athleten, alle Zuschauer, alle Funktionäre an einem Ort, für ein großes und gemeinsames Fest, für die Völkerverständigung – so ist die Idee von Olympia. Das werden die Spiele in Italien nicht leisten können. Und so äußern sich auch viele Teilnehmer kritisch.

»Ich glaube, dass es bei uns eher wie eine WM wird«, sagte beispielsweise vor einigen Tagen die Biathletin Janina Hettich-Walz, »weil wir an einem Ort sind, wo eigentlich nur die Biathleten sind.« Im Ski alpin werden sogar die Geschlechter getrennt, für DSV-Alpindirektor Wolfgang Maier ein Unding. »Sie hätten wenigstens Männer und Frauen zusammenlassen können, um das olympische Flair aufkommen zu lassen«, sagte Maier im Bayerischen Rundfunk.

Sind es wirklich nachhaltige Winterspiele?

In diesem Punkt war die Kritik in den vergangenen Monaten und Jahren am lautesten – und die potenziellen Bewerberstädte aus Deutschland sollten genau hinsehen. Die Organisatoren von Mailand und Cortina d’Ampezzo waren mit dem Ziel angetreten, möglichst viele bestehende Wettkampfstätten zu nutzen und möglichst wenig neu zu bauen.

Es gab in Italien kein Referendum, trotzdem wurde mit hohen Zustimmungswerten in der Bevölkerung geworben – basierend auf einer Onlineumfrage mit knapp 2500 Menschen. Viele Italiener haben noch die Winterspiele von 2006 in Turin vor Augen, wo Schanzen und eine Bobbahn neu gebaut wurden, die schon seit vielen Jahren verfallen.

Das Olympic Sliding Center von oben: Umstrittener Neubau

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Foto: Odd Andersen / AFP

Mittlerweile ist klar, dass auch für die Spiele in Mailand und Cortina viel mehr neu gebaut oder umgebaut werden musste als ursprünglich gedacht: Die neue Eishockeyhalle in Mailand (Kosten 300 Millionen Euro), die Kunsteisbahn in Cortina (120 Millionen), Neubau statt Umbau der Skisprungschanze in Predazzo (41 Millionen) und der Umbau des Langlaufzentrums (über 22 Millionen).

Den größten Unmut gibt es wohl in Antholz. Im Biathlon-Mekka fand letztmals 2020 die Weltmeisterschaft statt, dafür war die Anlage bereits modernisiert worden. Das reichte den Organisatoren nicht. In den vergangenen Jahren kamen eine Flutlichtanlage, eine Beschneiungsanlage samt Speicherbecken sowie eine unterirdische Schießanlage hinzu. Alles riesig, mit viel Beton und fast 60 Millionen Euro teuer. Insgesamt sollen sich die Kosten für die Spiele mittlerweile auf über 3,5 Milliarden Euro erhöht haben.

Wo finden Eröffnungs- und Schlussfeier statt?

Am Freitag werden die Spiele im Giuseppe-Meazza-Stadion in Mailand offiziell eröffnet. Daran wird nur ein Bruchteil der qualifizierten Sportlerinnen und Sportler teilnehmen können, da viele bereits an ihren jeweiligen Wettkampfstätten sind. Deshalb wird es zudem kleine Zeremonien in Livigno, Predazzo und Cortina geben. Die Schlussfeier am 22. Februar wird im Amphitheater von Verona stattfinden.

Wer hat das Zeug zum Topstar der Spiele?

Besondere Aufmerksamkeit werden die Eishockeyprofis aus der NHL bekommen, die Liga gibt ihre Stars erstmals seit 2014 für Olympia frei. Im deutschen Team ist Superstar Leon Draisaitl dabei, eine deutsche Eishockey-Medaille wie 2018 in Pyeongchang würde jedoch einer Sensation gleichkommen.

Skifahrerin Vonn: Verletzt in ihre vierten Winterspiele

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Foto: Marco Bertorello / AFP

Bei den Einzelsportlern sind die Augen vor allem auf die beiden US-Amerikanerinnen Lindsey Vonn und Mikaela Shiffrin in den alpinen Skirennen gerichtet – mit ganz unterschiedlichen Vorzeichen. Bei ihrem Sturz in Crans-Montana hat sich Vonn das Kreuzband gerissen, trotzdem will die 41-Jährige in der Abfahrt an den Start gehen. Shiffrin erlebte vor vier Jahren in Peking einen Absturz, diesmal will sie lockerer an den Start gehen, im Slalom ist Shiffrin die Topfavoritin.

Im Eiskunstlauf will Ilia Malinin (USA) mit seinen Vierfachsprüngen neue Maßstäbe setzen und die Massen begeistern. Im Skispringen ist schwer vorstellbar, dass Domen Prevc zu schlagen ist.

In Italien ist die Erleichterung groß, dass Skiläuferin Federica Brignone nach ihrer schweren Beinverletzung nun doch an den Start gehen kann. Im Eiskunstlauf zählen Sara Conti und Niccolò Macii im Paarlauf zu den Medaillenanwärtern, und Tommaso Giacomel hat im Biathlon das Zeug, zum nationalen Helden aufzusteigen.

Und das deutsche Team?

189 Athletinnen und Athleten wurden vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) nominiert. Die Erfolgsaussichten sind sehr unterschiedlich, vor vier Jahren gewann Deutschland zwölf Gold-, zehn Silber- und fünf Bronzemedaillen – eine Wiederholung erscheint derzeit unwahrscheinlich. Unangefochtene Weltspitze sind weiterhin die deutschen Kufensportler (Bob, Rodeln, Skeleton). Die größte Aufmerksamkeit bekommen die Sportlerinnen und Sportler im Biathlon, Skispringen und Ski alpin um Franziska Preuß, Andreas Wellinger und Emma Aicher, mit offenem Ausgang, was die Medaillenausbeute betrifft.

Welche Sender übertragen im TV?

Die deutschen Fernsehzuschauer müssen sich nicht umstellen. Wie gewohnt sehen sie alle wichtigen Entscheidungen in ARD und ZDF, die sich die Übertragungen aufteilen. Die öffentlich-rechtlichen Sender kündigten mehr als 100 Livestunden im TV und 700 Stunden in Streams an. Der deutsche Fokus ist bei den Übertragungen gewiss. Wer es etwas internationaler mag und die Garantie für echten Livesport ohne Verzögerungen benötigt – wenn in ARD oder ZDF gerade mal ein deutscher Medaillengewinner im Studio sitzt und interviewt wird – kann auf Eurosport und Discovery+ umsteigen.