Als gegen 15 Uhr die Pressekonferenz der Abfahrtssiegerinnen begann, nahm erst die Drittplatzierte Sofia Goggia unter dem Applaus der italienischen Journalisten Platz, daneben ließ sich Olympiasiegerin Breezy Johnson aus den USA auf einen Stuhl plumpsen.
Ein Sitz blieb frei: der von Emma Aicher, der Silbermedaillengewinnerin.
Johnson sagte, sie hätte nicht geglaubt, dass ihre Fahrt gut genug gewesen sei für Gold. Goggia schickte Genesungswünsche in Richtung der schwer gestürzten Lindsey Vonn. Beide redeten über das Rennen, die Strecke, was ihnen die Medaille bedeute.
Fast waren sie damit fertig, als Emma Aicher federnden Schrittes das Pressezentrum betrat. Sie bat um Entschuldigung: »Ich musste noch unbedingt aufs Klo.«
Auch im Trubel bleibt sie ruhig
Aicher hatte die Lacher auf ihrer Seite, an diesem Tag, der überschattet wird von Vonns Sturz. Und natürlich gehören die Schlagzeilen Vonn, die ihren Traum von Olympiagold mit einem gerissenen Kreuzband so teuer bezahlen musste.
Aber untergehen soll die Leistung der Deutschen deshalb nicht. Aicher, gerade mal 22 Jahre alt, hat Silber gewonnen und Gold dabei nur um vier Hundertstelsekunden verpasst, ein Wimpernschlag, ein Hauch von nichts.
Sie könnte in Jubel ausbrechen über Silber. Oder sich maßlos ärgern über das verpasste Gold.
Aicher, Olympiasiegerin Johnson, Drittplatzierte Goggia
Foto: Tiziana Fabi / AFPAber Aicher? War die Ruhe selbst. Erst beantwortete sie ein paar Fragen der internationalen Presse, später kam sie noch zu den deutschen Journalisten.
Die Silbermedaille hielt sie in der linken Hand, in der rechten ihr Handy und eine Wasserflasche.
Frage: Waren Sie nervös?
Aicher: »Nervös? Am Start bin ich eigentlich nie nervös.«
Frage: Aber als Sie im Ziel waren und zittern mussten, ob es für eine Medaille reicht?
Aicher: »Ach ja. Da schon. Aber eigentlich ist es mir wurscht. Da kann ich eh nix mehr ändern.«
In diesem Wortgeplänkel spiegelt sich viel von dem, was Aicher ausmacht. Die Ruhe vor den Rennen. Die Unbekümmertheit danach, wenn sie Interviews gibt, die nicht klingen wie glatt geschliffen von Medienberatern.
»Ich hab halt nicht alles so gemacht, wie ich’s mir vorgestellt hatte«
Und als sie weiterspricht, schimmert ihr Ehrgeiz durch. »Es ist ein richtig schöner Tag«, sagte sie und ließ dann ein großes Aber folgen: »Ich war ein bisschen enttäuscht, aber eher wegen des Skifahrens. Ich hab halt nicht alles so gemacht, wie ich’s mir vorgestellt hatte.«
Aicher hatte sich mehr vorgenommen, sie ärgert sich über eine Fahrt, die mit Silber belohnt wurde, über eine Fahrt, mit der sie Branchengrößen wie Goggia, Federica Brignone oder alle Österreicherinnen hinter sich ließ.
Und tatsächlich: Aicher zeigte keine fehlerfreie Fahrt, bei Weitem nicht. Die Piste schüttelte sie durch, mehrmals hielten die Zuschauerinnen und Zuschauer den Atem an. Sie geriet beinahe bei jedem Sprung in Rücklage.
Aber Aicher stürzte nicht, sie beschleunigte. Hielt die Ski mit ihren messerscharfen Kanten auf Linie. Spielte mit dem schweren Gelände, das am Sonntag nicht nur Vonn abgeworfen hatte.
Bundestrainer Andreas Puelacher über Aichers Resilienz während der Rennen
Fehler machen und trotzdem schnell sein: Das können nur die Allergrößten, bei den Männern etwa ist Marco Odermatt ein Meister darin, auch nach Patzern noch zu gewinnen.
Dafür braucht es mentale Stabilität, man darf sich nicht verunsichern lassen, ins Grübeln kommen, wenn bei Geschwindigkeiten von weit über 100 Kilometern pro Stunde die Balance verloren geht und das Fangnetz auf einen zurast. »Sie hat da riesige Fortschritte gemacht«, sagte Bundestrainer Andreas Puelacher vor einigen Wochen über Aichers Resilienz während der Rennen.
Und noch wichtiger, um diese Fehler wegzustecken: Man muss ungewöhnlich sicher auf den Ski stehen. Und das tut Aicher, sie bringt so viel Talent mit, dass sie schon vor Jahren als Fahrerin galt, die eines Tages um den Gesamtweltcup kämpfen würde.
»Ich fahr’ halt einfach gern Ski«
Aber Talent allein hilft nichts, wenn es nicht um harte Arbeit ergänzt wird. Und genau das macht Aicher – nicht, weil sie jemand zwingt, sondern weil es ihr Spaß macht. »Ich fahr’ halt einfach gern Ski«, sagt sie mal.
Das ist die Grundlage von Aichers Erfolg. Und anders wäre sie auch nicht so gut geworden, so einzigartig. Aicher ist im Ski-Weltcup die derzeit einzige Fahrerin, die alle vier Disziplinen fährt, Abfahrt und Super-G, Slalom und Riesenslalom.
Das klingt simpel für einen Laien, ist aber eine eigentlich kaum zu meisternde Challenge. Wer in der Abfahrt und Super-G bestehen will, braucht Muskeln, muss den Körper und die mehr als 2,20 Meter langen Ski auf Linie halten. Aicher kann das, in dieser Saison gewann sie bereits einen Abfahrtsweltcup und ein Rennen im Super-G.
Mit Leichtigkeit und weniger Training als die Spezialistinnen
Aber Aicher belässt es nicht dabei. Im Slalom kam sie in dieser Saison dreimal aufs Podest. Dabei sind die Anforderungen dort ganz andere. Slalomfahrer brauchen keine Muskelpakete, die ihnen bei Höchstgeschwindigkeit das Leben retten können; sie müssen schnellkräftig sein, tänzerisch, leichtfüßig.
Aicher vereint beides. Mit spielerischer Leichtigkeit und deutlich weniger Training in jeder Disziplin als die Spezialistinnen.
Sie will das so, sie möchte alle Rennen fahren, so oft es geht auf Ski stehen. Manchmal müssen ihre Trainer sie bremsen.
Es gab einst Stimmen im Deutschen Verband, die gern gesehen hätten, dass Aicher sich spezialisiert. Dass sie nur noch die schnellen Disziplinen fährt, um dort noch schneller zu sein, noch häufiger zu gewinnen. Aber Aicher wollte Allrounderin werden und Trainer Puelacher fördert das. Mit Erfolg: Zurzeit ist sie schon Dritte im Gesamtweltcup.
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Und Aicher hat noch diverse Medaillenchancen bei diesen Spielen. Am Dienstag tritt sie in der Team-Kombination an. Dort fährt eine Frau die Abfahrt und eine den Slalom, dann werden die Zeiten addiert. Noch steht nicht fest, welche Disziplin Aicher fahren wird, sie ist ja beides, Deutschland beste Abfahrerin und Slalomfahrerin.
Dann warten Super-G und Spezialslalom. Nur im Riesenslalom hat sie noch Schwächen, wobei sie vor kurzem auch dort auf Platz zehn raste, und das in ihrer »Problemdisziplin«, wie sie sagt.
Im Pressezentrum in Cortina d'Ampezzo stand Aicher vor dem Pulk deutscher Reporterinnen und Reportern, als sie auf die anstehenden Starts angesprochen wurde. Auf die noch kommenden Möglichkeiten, die Medaillenchancen in den so unterschiedlichen Disziplinen. Aicher wirkte locker, als sie sagte, dass sie sich mit alldem erst am Montag beschäftigen wolle. Stattdessen habe sie gerade etwas anderes im Kopf.
»Ich hoffe, wir feiern ein bisschen«, sagte Aicher und entschwand.
