SpOn 10.02.2026
15:54 Uhr

Olympia: Maxim Naumow verarbeitet Trauer nach Elternverlust auf dem Eis


Eiskunstläufer Maxim Naumow verlor vor einem Jahr seine Eltern bei einem Flugzeugabsturz in den USA – und schaffte dennoch die Olympiaqualifikation. Sein Auftritt wird ein emotionaler Moment dieser Spiele werden.

Olympia: Maxim Naumow verarbeitet Trauer nach Elternverlust auf dem Eis

Maxim Naumow sagt, seine Eltern geben ihm noch jeden Tag Tipps. Sie kommentieren all seine wichtigen Trainingsentscheidungen, sie halten Ratschläge für ihn bereit, wie er seine Olympiakür noch verbessern könne. Sie sind seine wichtigsten Ansprechpartner.

Es ist nichts Ungewöhnliches, dass Eltern ihre Kinder auch im Sport trainieren, beraten, betreuen. Gerade im Eiskunstlauf gibt es das häufiger. Aber die Eltern von Maxim Naumow sind seit mehr als einem Jahr tot.

Er hat sie dennoch immer im Kopf, ihre Tipps und Ratschläge, als Eltern und als Trainer. Und sie werden in Gedanken auch für ihn dabei sein, wenn er ab Dienstag seinen olympischen Traum als Teilnehmer des Eiskunstlauf-Wettbewerbs der Männer erfüllt. Ein Traum, der nach dem 29. Januar 2025 unerreichbar schien.

Nicht nur Eltern, auch seine Trainer

Jener Januartag vor einem Jahr wird zum Schicksalstag für den heute 24-Jährigen. Seine Eltern sind nicht nur seine Trainer, sie sind auch Berühmtheiten im Eiskunstlauf. Jewgenija Schischkowa und Wadim Naumow wurden 1994 Weltmeister im Paarlauf, damals starteten sie noch für Russland. Vier Jahre später siedelten sie in die USA nach Connecticut über. Dort kam ihr Sohn Maxim 2001 zur Welt, dort trainierten sie junge Eisläuferinnen und Eisläufer. Maxim, der eigene Sohn, war das größte Talent, das sie ausbildeten.

Naumow bei einem Wettkampf im März 2025, kurz nach dem Tod seiner Eltern

Naumow bei einem Wettkampf im März 2025, kurz nach dem Tod seiner Eltern

Foto:

Geoff Burke / Imagn Images / IMAGO

An jenem 29. Januar sind seine Eltern auf dem Rückflug von einem Trainingslager in Wichita im US-Bundesstaat Kansas. An Bord des American-Airlines-Fluges 5342 sind zahlreiche Mitglieder der US-Eiskunstlauf-Community, Trainer, Betreuer, Athleten. Insgesamt sitzen 67 Passagiere in dem Flugzeug. Die Maschine ist schon fast am Ziel, da kollidiert sie mit einem Hubschrauber des US-Militärs, sie stürzt in den Potomac River, niemand überlebt. Eine Tragödie.

Maxim Naumow hat seine Eltern und Trainer gleichzeitig verloren, er steht unter Schock, verkriecht sich, kommt wochenlang nicht aus dem Bett. Ein Jahr später ist er Olympiateilnehmer. Sein neuer Coach Wladimir Petrenko, der mit Naumows Eltern befreundet war, hat ihm schrittweise aus dem Loch geholfen.

Ein Kinderfoto in der Hand

Die Olympiaqualifikation in Saint Louis Mitte Januar wird schließlich zum hochemotionalen Moment. Nach seinem Auftritt auf dem Eis hält Naumow ein Foto in die Höhe, es ist ein Kinderfoto von ihm, das ihn als Dreijährigen zeigt, umrahmt von seinen Eltern. Es heißt, dass es nicht viele trockene Augen an diesem Tag in der Arena gegeben habe. »Meine Verletzlichkeit mit dem Publikum zu teilen«, das sei ein Augenblick gewesen, den er nicht mehr vergessen werde, hat er danach gesagt.

Mit Tränen in den Augen für Olympia qualifiziert

Mit Tränen in den Augen für Olympia qualifiziert

Foto: Raniero Corbelletti / AFLOSPORT / IMAGO

Die Eiskunstlauf-Gemeinde habe ihn aufgefangen, hat er in der Rückschau auf das Jahr 2025 gesagt, es sei »das schwierigste Jahr in meinem Leben« gewesen. Das glaubt man ihm sofort.

»Jahr für Jahr haben wir jeden Tag von den Olympischen Spielen gesprochen, ich träume seit meinem fünften Lebensjahr davon«, sagt Naumow. Mitte Januar wurde es wahr gemacht. Naumow qualifizierte sich als Dritter der Qualifikation für die Spiele – hinter dem Superstar und Goldfavoriten Ilia Malinin und Teamkollege Andrew Torgashev.

Kein Medaillenfavorit

Zu den großen Medaillenkandidaten in Mailand gehört Naumow nicht, die Podiumsplätze werden der Sonnyboy Malinin und die famosen Japaner Shun Sato und Yuma Kagiyama vermutlich unter sich ausmachen. Aber Naumow wird für einen der Herzmomente dieser Spiele sorgen. Sich nicht unterkriegen lassen, mit den Schlägen des Schicksals fertig werden: Das ist auch eine sehr amerikanische Story.

Die US-Elite mit Andrew Torgashev, Ilian Malinin, Naumow und Jacob Sanchez (von links)

Die US-Elite mit Andrew Torgashev, Ilian Malinin, Naumow und Jacob Sanchez (von links)

Foto: Jeff Curry / Imagn Images / IMAGO

Es ist kein Wunder, dass fast alle großen US-Medien, zumindest die, die in einem dünner werdenden Medienmarkt noch Sportjournalisten nach Europa geschickt haben, über Naumow berichten. Die meiste Aufmerksamkeit gehört Malinin, dem Sprungwunder. Aber auch die Geschichte von Naumow ist eine große Geschichte.

»We did it«

»Ich trage jetzt die Kraft von drei Menschen in mir«, hat Naumow im Vorjahr in der US-Fernsehsendung »Today« gesagt. Als seine Nominierung für das US-amerikanische Olympiateam bekannt gegeben wurde, sagte er: »We did it.« Wir haben es geschafft. Wir.

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Naumow sagt, einer der Lieblingssprüche seines Vaters sei gewesen: »Erwarte das Unerwartbare!« So gehe er jetzt jeden Wettkampf an, am Dienstag auch das olympische Kurzprogramm, am Freitag fällt dann in der Kür die Entscheidung. Maxim Naumow, Olympiateilnehmer, das sei für ihn immer noch »absolutely unreal«. Das muss man nicht übersetzen.

Aus all dem, aus dem Schicksalsschlag und dem, was danach folgte, habe er eine große Lehre gezogen: »Ich werde nie mehr einen Tag im Leben für völlig selbstverständlich nehmen.« Diesen Dienstag ohnehin nicht. Es wird wieder ein besonderer Tag im Leben des Maxim Naumow.