SPIEGEL: Frau Breuer, in ganz Deutschland ist es kalt, teilweise fallen die Temperaturen nachts auf minus zehn Grad. Wie geht es Menschen ohne Obdach jetzt?
Breuer: Die Situation ist herausfordernd. Weil es so kalt ist, sind die Notunterkünfte schnell belegt: In Berlin gibt es 1144 Plätze für rund 6000 obdachlose Menschen. Die meisten Menschen werden daher auf der Straße bleiben müssen. Ich komme gerade von der Bahnhofsmission, die täglich rund 600 Essen verteilt. Das Team dort dreht aktuell rund um den Bahnhof Zoo Extrarunden, um Tee und Handwärmer zu verteilen. Insbesondere nachts ist die Kälte lebensgefährlich, ich mache mir große Sorgen.
SPIEGEL: Was genau tun die Mitarbeitenden der Kältebusse?
Breuer: Die Berliner Stadtmission betreibt drei Fahrzeuge, die zwischen 20 und 2 Uhr unterwegs sind. Obwohl es zuletzt schwere Brandanschläge auf alle drei Busse gab, konnten wir mithilfe von geliehenen Fahrzeugen lückenlos weiterfahren. Im Callcenter nimmt ein Ehrenamtlicher Anrufe an und verteilt sie an die Busse, in denen je ein Fahrer und Beifahrer unterwegs sind. Wenn möglich und von der hilfsbedürftigen Person gewünscht, bringen die Kältebusse sie in eine Unterkunft. Oftmals müssen die Helfenden bei diesen Temperaturen die Menschen aber vor Ort versorgen: mit heißem Tee, einer Suppe, Aufmerksamkeit, einem Schlafsack oder warmen Decken.
SPIEGEL: Was könnten Passanten tun, wenn sie unsicher sind, ob eine Person Hilfe benötigt?
Breuer: Je kälter es wird, desto mehr Menschen mit Wohnung bleiben zu Hause. Deswegen kommt es jetzt auf die Wenigen an, die abends und nachts unterwegs sind. Ich möchte unbedingt dazu ermutigen: Sprechen Sie die Leute auf der Straße freundlich an. Wenn man sieht, dass ein Mensch zitternd am Boden sitzt, fragen Sie: »Wie geht es Ihnen? Brauchen Sie Hilfe?« Das kostet Überwindung, aber vielleicht retten Sie dadurch Leben. Und haben Sie Mitgefühl!
SPIEGEL: Inwiefern kann das konkret helfen?
Breuer: Ich sitze gerade in der S-Bahn und ein paar Sitze weiter hat sich ein Obdachloser niedergelassen. Es riecht sehr streng. Wir sollten Verständnis dafür haben, dass es für die Menschen gerade die einzige Möglichkeit ist, sich aufzuwärmen und uns nicht über den Geruch beschweren. Es wäre zudem schön, wenn die Bahnhöfe und Shoppingcenter ausnahmsweise ihre Türen über Nacht geöffnet ließen. Mitgefühl hilft auch, wenn Sie dem oder der Obdachlosen aus Ihrem Viertel eine Thermoskanne mit heißem Tee oder einen frisch gewaschenen Schlafsack bringen. Sie könnten auch zehn Euro verschenken, damit die Person sich einen Döner kaufen und sich in der Imbissbude aufwärmen kann.
SPIEGEL: Sind ausreichend warme Kleidung, Decken und Schlafsäcke vorhanden, die verteilt werden können?
Breuer: In unsere Kleiderkammer kommen täglich bis zu 180 Menschen. Heute lagen noch etwa zehn Schlafsäcke im Regal. Spenden werden dringend benötigt.
SPIEGEL: Was sollte man tun, wenn ein Angesprochener nicht reagiert?
Breuer: Vielleicht schläft derjenige, dann ist eine lautere Ansprache notwendig. Aber wenn er oder sie reglos am Boden liegt, wenn das Gesicht blau verfärbt ist oder man keine Atemwölkchen sieht, ist Gefahr in Verzug. Man sollte unbedingt 112 anrufen, denn bis der Kältebus kommt, ist es vielleicht schon zu spät.
Verschiedene Träger wie das Deutsche Rote Kreuz, die Bahnhofsmission, Diakonien oder der Arbeiter-Samariter-Bund bieten Hilfe bei Obdachlosigkeit und Kälte an. Auch der Malteserhilfsdienst hat unterschiedliche lokale Angebote und Wärmebusse. Hier finden Sie die Angebote der Johanniter.
Im Notfall wählen Sie 112 (Feuerwehr/Rettungsdienst) oder 110 (Polizei).

