Norwegen teilt sich eine Grenze mit Russland, weit oben im Norden. Rund 200 Kilometer ist die Landgrenze lang, allzu viel passiert dort normalerweise nicht. Doch das, so fürchtet General Eirik Kristoffersen, könnte sich schnell ändern. Im britischen »Guardian« wollte der Chef der norwegischen Streitkräfte einen russischen Übergriff in der Region nicht ausschließen.
Das hat einen einfachen Grund: Nahe der Grenze liegt die Kola-Halbinsel, auf der ein beträchtlicher Teil des russischen Atomarsenals untergebracht ist. »Wir betrachten eine Landnahme Russlands als Szenario, um dessen eigene nukleare Schlagkraft zu sichern. Das ist das Einzige, womit sie die USA ernsthaft bedrohen können«, so der Norweger. Sein Land war eines der Gründungsmitglieder der Nato. Norwegen bereite sich auf ein solches Szenario im hohen Norden entsprechend vor.
Der ehemalige Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hatte Mitte Januar mit dem SPIEGEL gesprochen. Dabei ging es auch um die Lage in Norwegen, seinem Geburtsland. Er sagte damals: »Wenn wir über die norwegisch-russische Grenze schauen, sehen wir, dass viele Truppen von der Kola-Halbinsel in die Ukraine verlegt wurden. Aber wenn der Krieg endet, und hoffentlich tut er das bald, dann werden diese Truppen wieder näher an die Nato-Grenzen verlegt.« (Zum Interview geht es hier .)
Ansage in Richtung Donald Trump
In dem »Guardian«-Gespräch fand Kristoffersen zudem deutliche Worte in Richtung von US-Präsident Donald Trump. Dieser hatte zuletzt behauptet, Soldaten verbündeter Länder hätten in Afghanistan nicht an den Frontlinien agiert, sondern diesen gefährlichen Job den US-Truppen überlassen (mehr dazu hier).
Damit traf er bei Kristoffersen, der selbst mehrfach in Afghanistan stationiert war, offenbar einen Nerv. Dem »Guardian« sagte er: »Ich habe Trump nie in Afghanistan gesehen. Er hat keine Ahnung, wovon er spricht. Mich hat das nicht direkt getroffen. Aber meine Sorge gilt den norwegischen Veteranen und den Familien der Soldaten, die wir verloren haben.«
Mit seinen Aussagen hatte Trump Ende Januar auch in Großbritannien, Deutschland und Dänemark für Empörung gesorgt. Trump hatte in einem Interview mit dem Sender Fox News erklärt, Nato-Verbündete hätten sich während des Afghanistankrieges »ein wenig abseits der Frontlinien« aufgehalten. Zudem äußerte er Zweifel daran, ob das Bündnis den USA im Ernstfall beistehen würde.
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Die Reaktionen in London fielen deutlich aus. Die konservative Parteichefin Kemi Badenoch sprach von »glattem Unsinn«. Britische, kanadische und andere Nato-Truppen hätten über zwei Jahrzehnte hinweg gemeinsam mit den USA gekämpft und ihr Leben verloren.
Verteidigungsminister Boris Pistorius verteidigte die Bundeswehr gegen Trumps Unterstellungen. »Unsere Bundeswehr stand bereit, als unsere amerikanischen Verbündeten nach dem islamistischen Terroranschlag von 2001 um Unterstützung gebeten haben«, sagte der SPD-Politiker der »Bild«. »Für diesen Mut und den hochprofessionellen Einsatz ist Deutschland unserer Bundeswehr sehr dankbar.«
Greift Donald Trump wirklich nach Grönland? Der frühere Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg mahnt die Europäer, die Drohungen aus dem Weißen Haus ernst zu nehmen. Gegenüber Putin setzt er auf Ausdauer. Zum SPIEGEL-Interview geht es hier .
