Der mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge auf die Nord-Stream-Pipelines darf an Deutschland ausgeliefert werden. Das habe Italiens oberstes Gericht entschieden, teilte der Anwalt des Beschuldigten mit.
Der 49 Jahre alte Ukrainer Serhij K. wird nun vermutlich in den nächsten Tagen der deutschen Polizei überstellt und nach Deutschland geflogen. Den Ermittlungen zufolge soll er die Anschläge auf die beiden Gasleitungen im September 2022 koordiniert haben. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm gemeinschaftliches Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion und verfassungsfeindliche Sabotage vor.
K.s Anwalt Nicola Canestrini sagte zu der Entscheidung: »So groß die Enttäuschung auch ist: Ich vertraue auf einen Freispruch in Deutschland.«
Der Kassationshof in Rom hatte die Auslieferung von K. Mitte Oktober wegen Verfahrensmängeln zunächst gestoppt und den Fall zurück an ein Gericht in Bologna übergeben. Dieses genehmigte die Überstellung Ende Oktober zum zweiten Mal, nun bestätigte auch das oberste Gericht die Entscheidung. Denkbar wäre, dass der Fall künftig vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg landet. Canestrini sagte der Nachrichtenagentur dpa jedoch, er werde diesen Weg »wahrscheinlich nicht« gehen.
Festnahme im Familienurlaub
K. war im August auf Grundlage eines europäischen Haftbefehls festgenommen worden, als er mit seiner Frau und seinen Kindern an der italienischen Adria Urlaub machte. Zuvor soll er mehrfach in andere europäische Länder gereist sein. Seit seiner Festnahme sitzt er in einem Hochsicherheitsgefängnis, zwischenzeitlich befand er sich wegen vermeintlich schlechter Behandlung im Hungerstreik. K. bestreitet die Vorwürfe gegen ihn.
Nach Überzeugung der deutschen Ermittler soll K. ein Team von insgesamt sieben Verdächtigen geleitet haben, darunter vier Taucher. Für die Anschläge sollen sie in Deutschland eine Segeljacht namens »Andromeda« angemietet haben, mit der sie dann auf die Ostsee gefahren sein sollen. Ein weiterer Verdächtiger, ebenfalls ein Ukrainer, saß zeitweise in Polen in Untersuchungshaft. Dort lehnte die Justiz eine Auslieferung an Deutschland ab, der Mann ist inzwischen wieder frei.
Die Anschläge auf die Nord-Stream-Leitungen nahe der dänischen Insel Bornholm hatten weltweit Aufsehen erregt. Ein halbes Jahr nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine beschädigten mehrere Sprengungen die beiden Pipelines so sehr, dass kein Gas mehr durchgeleitet werden konnte. An drei der insgesamt vier Leitungen wurden Lecks entdeckt.
Allerdings war zuvor schon kein Gas mehr durch die Leitungen geflossen. Nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Februar 2022 hatte Russland seine Lieferungen nach Deutschland schrittweise gedrosselt und später völlig eingestellt – angeblich wegen technischer Probleme. Die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 war mit Kriegsbeginn gestoppt worden.
Nach SPIEGEL-Informationen handelt es sich bei Serhij K. um einen ehemaligen Agenten des ukrainischen Geheimdienstes SBU. Was sonst über den Beschuldigten bekannt ist, lesen Sie hier .
