SpOn 26.11.2025
20:48 Uhr

Nigeria: Warum USA und China sich für die neue Entführungswelle interessieren


In Nigeria gehören Entführungen zum Alltag. Doch nun mischt sich Donald Trump in die Debatte über die Sicherheit nigerianischer Christen ein, und Peking reagiert. Ein besonders extremer Fall befeuert die Debatte.

Nigeria: Warum USA und China sich für die neue Entführungswelle interessieren

Das Wort »Völkermord« kommt US-Präsident Donald Trump leicht über die Lippen. Jedenfalls, wenn er die Menschen in Gefahr wähnt, die er als seine Kernklientel sieht: Weiße und Christen, vor allem: weiße Christen.

Gleich zu Beginn seiner zweiten Amtszeit zettelte Trump einen Streit mit der südafrikanischen Regierung an, die er des »weißen Genozids« bezichtigte – demnach werde die Minderheit der Buren, die von europäischen Einwanderern abstammt, angeblich systematisch angegriffen und mit dem Tod bedroht. Nun hat er sich einem anderen Land in Afrika zugewandt: Nigeria.

Nigeria ist der bevölkerungsreichste und wohlhabendste Staat auf dem Kontinent, Heimat von über 100 Millionen Christen. Seit vielen Jahren werden diese, wie auch die etwa 120 Millionen Muslime und Angehörige anderer religiöser Gruppen, von einer Gefahr bedroht, die wenig mit ihrem Glauben zu tun hat: Entführungen.

»Country of Particular Concern«

Mehr als ein Jahrzehnt ist es her, dass die Terrorgruppe Boko Haram 276 Mädchen im Nordosten Nigerias entführte, einige dieser Kinder werden bis heute vermisst. Es ist ein nationales Trauma, das international viel Aufmerksamkeit erfuhr. Nun erlebte Nigeria eine Woche, die die Massenentführung aus dem Jahr 2014 in den Schatten stellte.

  • Am Montag der vergangenen Woche wurden 24 Mädchen aus einer Schule im Bundesstaat Kebbi entführt.

  • Dienstag stürmten bewaffnete Männer eine Kirche im Staat Kwara, verschleppten 38 Menschen, sie konnten inzwischen befreit werden, und ermordeten zwei.

  • In der Nacht auf Freitag schließlich überfielen Angreifer ein katholisches Internat und entführten 315 Kinder – 50 sind inzwischen zu ihren Eltern zurückgekehrt, ihnen gelang die Flucht. Ursprünglich war nur von mehr als 200 Kindern die Rede, die Zahlen mussten nachträglich nach oben korrigiert werden.

In weiten Teilen Nigerias gehören die Entführungen zum Alltag. Doch der brutale Überfall auf das katholische Internat sorgt landesweit für Entsetzen – und verschärft die Vorwürfe aus Washington.

Bereits Anfang November hatte Trump das Land zu einem »Country of Particular Concern« erklärt. Christen seien einer »existenziellen Bedrohung« ausgesetzt, er sah die Religionsfreiheit gefährdet. Auf der entsprechenden Liste des US-Außenministeriums stehen ansonsten Staaten wie Nordkorea, China und Iran. Schon zu diesem Zeitpunkt drohte der US-Präsident Nigeria mit Militärschlägen, sollte die Regierung in Abuja nicht willens oder in der Lage sein, die »schweren Verletzungen der Religionsfreiheit« zu beenden, die der Präsident erkannt haben will.

US-Präsident Donald Trump: »Ich bin wirklich wütend«

US-Präsident Donald Trump: »Ich bin wirklich wütend«

Foto: Anna Rose Layden / REUTERS

Nach den erneuten Entführungen eskalierte Trumps Rhetorik. »Ich denke, Nigeria ist eine Schande. Das Ganze ist eine Schande«, sagte er am vergangenen Freitag im Radio. »Sie töten Tausende Menschen. Es ist ein Völkermord. Und ich bin wirklich wütend darüber.«

Dem Ausbruch ging der »New York Times«  zufolge eine Kampagne evangelikaler Gruppen und US-Abgeordneter voraus. Auch US-Senator Ted Cruz spricht seit Monaten von angeblich gezielter Gewalt gegen Christen in Nigeria. Religiöse Lobbygruppen haben einen großen Einfluss auf die Trump-Regierung, auch dank der Unterstützung der Evangelikalen wurde er zum zweiten Mal zum Präsidenten gewählt. Deshalb inszeniert sich Trump, sonst nicht für seine Frömmigkeit bekannt, gern als tief religiöser Christ.

Nigeria weist die Vorwürfe zurück. Die Darstellung des Landes »als religiös intolerant spiegelt nicht unsere nationale Realität wider und berücksichtigt auch nicht die beständigen und aufrichtigen Bemühungen der Regierung, die Religions- und Glaubensfreiheit aller Nigerianer zu schützen«, ließ Präsident Bola Ahmed Tinubu mitteilen. Tatsächlich ist die Lage komplizierter, als sie das Weiße Haus darstellt.

China will sich profilieren

Mehr als 230 Millionen Menschen leben in Nigeria, sie sprechen über 500 verschiedene Sprachen. Es ist ein Vielvölkerstaat, ethnisch, religiös und kulturell divers. Eine einfache Antwort auf die Frage, warum es in Nigeria seit Jahren immer wieder zu Entführungen und Attentaten kommt, gibt es nicht. Die Angreifer und ihre Motivation wechseln je nach Region.

Im Nordosten Nigerias ist insbesondere die islamistische Terrororganisation Boko Haram aktiv. Sie greift Christen an, aber auch Muslime, die ihren Glauben aus Sicht der Terroristen nicht streng genug auslegen. In anderen Landesteilen werden die Entführungen nicht von Ideologie getrieben, sondern von Gier: Es sind Gangs, die verzweifelte Angehörige erpressen. Im Zentrum Nigerias kommt es wiederum immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen sesshaften Bauern und teilweise nomadisch lebenden Bevölkerungsgruppen, die aufgrund des Klimawandels immer neue Gebiete erschließen müssen.

Schlagzeilen in Nigeria: Dutzende Kinder sind wieder frei, Hunderte werden noch vermisst

Schlagzeilen in Nigeria: Dutzende Kinder sind wieder frei, Hunderte werden noch vermisst

Foto: Marvellous Durowaiye / Reuters

Belege für einen gezielten Massenmord an Christen in Nigeria gibt es keine. Wahr ist, dass das Land die Gewalt gegen die eigenen Bürgerinnen und Bürger nicht in den Griff bekommt. Für die Angreifer gibt es selten Folgen und insofern auch keinen Anreiz, die oftmals lukrativen Entführungen zu stoppen.  Der Bundesstaat Niger, Schauplatz der größten Entführung seit mehr als zehn Jahren, hat immerhin sämtliche Internate geschlossen. Ob Trump das gnädig stimmt, weiß niemand.

Trumps Warnung vor einer Militärintervention hat derweil eine andere Großmacht auf den Plan gerufen: China. Während die USA und Europa in den vergangenen Jahren ihr Engagement auf dem Kontinent heruntergefahren haben, gewinnt China an Einfluss. In der rohstoffreichen Demokratischen Republik Kongo halten chinesische Unternehmen bis zu 70 Prozent der Abbaulizenzen. Inzwischen ist man auch Nigerias größter Handelspartner.

Jetzt wittert Peking offenbar eine Chance, sich erneut als Partner zu präsentieren, der unkompliziert hilft und nicht mit dem erhobenen Zeigefinger droht: Religion und Menschenrechte dürften nicht als Vorwand benutzt werden, um sich in die Angelegenheiten anderer Staaten einzumischen, heißt es im Außenministerium.

Das Ringen um Einfluss in Afrika geht also in die nächste Runde. Das Interesse der nigerianischen Bevölkerung gerät da schnell aus dem Blick.